Neues Schlamassel bei Kägi

Der Planer für ein Prestigeprojekt wurde geschasst, der Bau redimensioniert. Trotzdem reicht der Kredit nicht. Politiker verlieren die Geduld mit dem Baudirektor.

Teures Unterfangen: Bauarbeiten an den Stallungen der Landwirtschaftsschule Strickhof. Foto: Marc Dahinden («Der Landbote»)

Teures Unterfangen: Bauarbeiten an den Stallungen der Landwirtschaftsschule Strickhof. Foto: Marc Dahinden («Der Landbote»)

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Es sei ein «Jahrhundert-Meilenstein», sagte Strickhof-Direktor Ueli Voegeli. Von einem «Leuchtturmprojekt von nationaler und internationaler Ausstrahlung» war die Rede an diesem schönen 31. August 2015. Beim Spatenstich zum neuen Zentrum für die Land- und Ernährungsforschung in Lindau war auch Baudirektor Markus Kägi (SVP) anwesend. Uni-Rektor Michael Hengartner und ETH-Präsident Lino Guzzella strahlten mit Kägi um die Wette, als sie – flankiert von Voegeli und muhenden Ehrendamen – von einem Traktor aus eine Schaufel Erde auf den Boden prasseln liessen.

Was zumindest Kägi zu diesem Zeitpunkt wissen musste, stimmte aber weniger optimistisch. Elf Tage nach dem Spatenstich nämlich kam es zum Bruch mit dem Generalplaner des Projekts, immerhin einem renommierten Büro.

Ohne Erfolg interveniert

Rückblick: 2008 unterstützte der Regierungsrat ein ambitioniertes Projekt. Die kantonale Landwirtschaftsschule Strickhof wollte mit der Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich und den Agrarwissenschaftern der ETH ein neues Forschungs- und Lehrzentrum errichten. Theoretiker und Praktiker sollten sich hier zum Thema Nahrung treffen und die Agrarforschung weiterbringen. Im Sommer 2012 beauftragten das kantonale Hochbauamt und die ETH nach einem Wettbewerb ein Planungsbüro mit der Projektierung und Ausführung. 2013 bewilligte der Regierungsrat den kantonalen Anteil von 29 Millionen Franken am 62-Millionen-Vorhaben. Den Rest von 33 Millionen zahlte der Bund.

Doch schon bald tauchten Probleme auf. Gemäss Kanton genügten die Planer den «hohen Anforderungen in diesem komplexen Projekt» nicht. Kostenüberschreitungen zeichneten sich ab. Im Januar 2014 wurden externe Fachleute hinzugezogen. Im Mai stimmte der Kantonsrat den 29 Millionen einstimmig zu; von den Schwierigkeiten hatte er nichts erfahren. «Das Hochbauamt überprüfte laufend die Leistungen, intervenierte mehrfach und veranlasste konkrete Massnahmen», sagt Dominik Bonderer, Sprecher der Baudirektion. Doch ohne Erfolg. Kontrolle und Übersicht gingen verloren, der Vertrag mit den Planern wurde im September 2015 aufgelöst.

Die Werkverträge mit den Bauunternehmern, welche noch die alten Planer ausgehandelt hatten, waren gespickt mit Mengen- und Massfehlern.

Es wurde ein neues Architekturbüro beigezogen. Die Fehler und die alten Unterlagen konnten laut Kanton aus Ressourcen- und Zeitmangel nicht aufgearbeitet werden. Das sollte sich rächen. Kurz darauf kam der Befund: Es kostet den Kanton 31,8 statt 29 Millionen. Also sparte man bei Wänden, Einrichtungen und Gebäudetechnik des Jungvieh- und Rindermaststalls und kam im September 2016 wieder auf 29 Millionen.

Dann folgte die nächste Überraschung: Die Werkverträge mit den Bauunternehmern, welche noch die alten Planer ausgehandelt hatten, waren gespickt mit Mengen- und Massfehlern, welche nun zur Kostenüberschreitung von 2,9 Millionen führten. Das ist die Version des Regierungsrats, wie sie in einem Brief an alle Kantonsräte zum Ausdruck kommt. Der gescholtene Generalplaner will sich nicht äussern, da Stillschweigen vereinbart worden sei. Womöglich will die Baudirektion gerichtlich Geld zurückfordern.

Damit das Forschungszentrum wie geplant im September 2017 eröffnet werden kann, hat der Regierungsrat den Zusatzkredit von 2,9 Millionen für gebundene Kosten erklärt und per Dringlichkeitsbeschluss genehmigt. Der Kantonsrat hat also dazu nichts zu sagen.

FDP-Chef hats «den Hut gelupft»

Der Rat reagierte auf seine Weise. FDP, SVP und CVP haben sogleich einen Vorstoss gestartet, der für Baudirektor Kägi unangenehm werden könnte. So muss dieser eine Liste mit allen Kostenüberschreitungen der letzten zehn Jahre erstellen. Erstunterzeichner Hans-Jakob Boesch hatte es bei der Lektüre des Briefs den «Hut gelupft», wie der FDP-Präsident erzählt. Während der Kanton versuche, die Kosten in den Griff zu bekommen, spreche der Regierungsrat «nonchalant» einen Zusatzkredit. Boesch will von Kägi auch wissen, wo er die 2,9 Millionen einzusparen gedenke. Grünen-Chefin Esther Guyer sagt: «Immer wieder versagt bei der Baudirektion das Controlling.»

Erstellt: 16.02.2017, 23:09 Uhr

Markus Kägi

Zürcher Baudirektor

Eine ganze Reihe von Flops

Der Strickhof ist nicht das einzige Projekt der Baudirektion (BD), bei dem es zu Unregelmässigkeiten kam. Eine Auswahl:

Westumfahrung: Diesen Betrugsfall hatte Markus Kägi quasi übernommen. Kurz nach Amtsantritt 2007 musste er Strafanzeige gegen ein Planungsbüro einreichen, das die Baudirektion mit gefälschten Stundenrapporten betrogen hatte, zuletzt beim Bau der Westumfahrung. Da wurden erstmals die Abrechnungskontrollen der BD thematisiert.

Forchstrasse: Ebenfalls übernommen hatte Kägi eine 10,5-Millionen-Kostenüberschreitung bei der Sanierung der Forchautostrasse, die eigentlich 19,8 Millionen hätte kosten sollen. Der Projektleiter hatte eigenmächtig Lärm- und Sicherheitsmassnahmen veranlasst, was erst 2008 herauskam. Laut Kägi waren diese Massnahmen ohnehin geplant.

Massnahmenzentrum Uitikon: Aus dem Vorzeigeprojekt wurde 2010 ein Planungsfiasko. 26,6 Millionen hatte der Kantonsrat bewilligt, doch die Kosten liefen aus dem Ruder. Kägi löste den Vertrag mit dem Generalplaner auf, wechselte den Projektleiter aus und verfügte einen Baustopp. Der Regierungsrat musste 9,4 Millionen nachzahlen. Eine Kommission des Kantonsrats nannte als Gründe für das Debakel: zahlreiche Projektänderungen, wenig detaillierte Planung, nicht definierte Eckwerte, mangelnde Kostenschätzung, kein gültiger Vertrag mit dem Generalplaner. Kägi nannte als Grund «Unvermögen des Generalplaners». Er sagte aber im Kantonsrat: «Wir haben die Lehren daraus gezogen.»

PJZ: 490 Millionen hat das Volk 2003 für den Bau des Polizei- und Justizzentrums in Zürich genehmigt. 2009 muss Kantonsbaumeister Stefan Bitterli allein vor den Medien verkünden, der Bau koste 95 Millionen mehr. Ein Jahr später senkt die Regierung die Kosten auf 569 Millionen. Diesen Betrag hat das Volk in einer zweiten Abstimmung genehmigt.

Betrug: Ein externer Projektleiter des Hochbauamts hat 2013/14 1,2 Millionen abgezweigt. Er sagte, dass «alles viel zu einfach gegangen» sei. (rba/pu)

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