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Nicht ganz dicht

Das Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder hat Ängste geweckt, dass man innerorts kaum mehr verdichtet bauen kann. Der wegweisende Fall Rüti soll nun das Gegenteil beweisen.

Statt eines Turms gibt es in der Übergangszone von Alt zu Neu nun Giebeldächer und eine Reminiszenz an früher. Foto: Sabina Bobst
Statt eines Turms gibt es in der Übergangszone von Alt zu Neu nun Giebeldächer und eine Reminiszenz an früher. Foto: Sabina Bobst

Diese Geschichte verläuft zunächst nach vertrautem Muster. In einem Dorf will ein Bauherr eine grosse Überbauung in den Ortskern pflanzen, inklusive eines kleinen Hochhauses. Ein Nachbar geht in den Widerstand. Der Fall kommt vor Gericht und geht durch alle Instanzen. Zweimal. Jahre vergehen. Aber dann nimmt die Geschichte plötzlich zwei unvorhergesehene Wendungen.

Die erste: Der Nachbar bekommt nach einer Serie von Niederlagen vor Bundesgericht recht, weil er sich auf ein Dokument beruft, das niemand auf der Rechnung hatte. Das Projekt muss redimensioniert werden, muss sich besser ins Dorf einfügen. Die zweite Wendung: Der Bauherr steht vor der gründlich überarbeiteten Siedlung, die nun endlich doch noch steht – nach zehn Jahren Planung. Aber statt abgekämpft wirkt er zufrieden. Er deutet rundum und sagt: «Rückblickend bin ich sogar froh, dass es so gekommen ist. Jetzt ist etwas entstanden, das die Bevölkerung schätzt.»

Dieser Schluss, der dem Skript für einen zuckrigen Heimatfilm entnommen scheint, hat sich in der Zürcher Oberländer Gemeinde Rüti tatsächlich so zugetragen. Ein solches Happy End ist nicht selbstverständlich, sondern ein Glücksfall. Andere Gemeinden wollen ihr Glück nicht strapazieren. Sie unternehmen lieber präventiv etwas gegen Prozessitis und Baufrust. Deshalb schickten sie ihre Fachleute gestern an eine Tagung, an der sich diese über das Bundesinventar schützenswerter Ortsbilder (Isos) informierten – über jenes Dokument, das den Fall Rüti entschied und ihm landesweit Bedeutung verlieh.

Was soll man Bauherren raten?

Vor Rüti herrschte die Meinung, dass dieses Inventar nur dort bindend ist, wo der Bund am Werk ist. Zum Beispiel beim Autobahnbau, wo es sicherstellt, dass nicht ohne Not ein historisch bedeutsames Bauerndorf zerstört wird. Das Isos galt als Relikt aus den bauwütigen Sechzigern, war in Vergessenheit geraten. Seit Rüti gilt: Das Inventar ist immer zu berücksichtigen. Egal, wer baut. So entschied das Bundesgericht 2009.

Seither zerbricht man sich in den Bauämtern den Kopf darüber, was «berücksichtigen» heisst. Was rät man einem Bauherren, der mit grossen Umbauplänen in einem inventarisierten Gebiet anklopft? Diese Wissenslücke soll die Tagung schliessen, die vom Bundesamt für Kultur, der Vereinigung für Landesplanung und dem Heimatschutz organisiert wurde. Kernbotschaft: Das Inventar friert nicht flächendeckend Ortskerne ein. Es hilft den Behörden, Bedeutung und Geschichte eines Orts zu verstehen – und sich daran zu orientieren, wenn man ihn weiterentwickelt.

Ein behutsames Vorgehen zahle sich gerade bei der allseits geforderten Verdichtung nach innen aus, sagt Lukas Bühlmann, Direktor der Vereinigung für Landesplanung. «Verdichtungsvorhaben stossen sonst oft auf grosse Skepsis, weil seelenlose Quartiere geplant werden. In Gemeinden, die das Inventar berücksichtigen, steigen die Chancen, dass die Bevölkerung solche Projekte mitträgt.» Was gemeint ist, zeigt sich dort, wo alles anfing. Es ist eine Ecke von Rüti, die zwar im Ortskern liegt, aber schon vor dem Umbau kaum nach Ballenberg aussah. Historische Wohnhäuser stehen hier nebst Fabrikbauten, dazwischen ein nicht sehr behutsam implantierter Gewerbekomplex aus den Achtzigern.

Hinten Kisten, vorne Hüsli

Gleich dahinter erheben sich die fünfstöckigen Wohnkisten jener Überbauung, um die jahrelang gestritten wurde. Sie könnten auch in einer beliebigen Agglomerationsgemeinde stehen oder in einem Quartier am Zürcher Stadtrand. Verdichtung, wie man sie kennt. Und für Adrian Schmid, Geschäftsleiter des Schweizer Heimatschutzes, der Beweis, dass das Inventar nicht flächendeckend das Bauen verhindert.

Der Einfluss des Inventars beschränkte sich auf die Übergangszone zwischen diesen Neubauten und dem Ortskern. Schmid nennt sie ein «Scharnier», das Identität erhalte und stifte. In diesem Bereich, wo das umstrittene Hochhaus geplant war, steht stattdessen nun ein kleinerer Neubau mit Giebeldach, dessen Fassadengestaltung jene der modernen Wohnbauten aufnimmt. Statt Parkplätzen gibt es eine Tiefgarage. Und als Blickfang wurde im Zentrum des Ensembles ein zweistöckiges Häuschen stehen gelassen und dunkel bemalt.

«Die meisten Leute finden dieses Häuschen das schönste Gebäude von allen», sagt Architekt Beat Ernst, der zusammen mit zwei Kollegen auch Bauherr war. Ernst ist jener Mann, der die lange Planungszeit so erstaunlich sportlich nahm. Und der auch darüber hinweg­sehen kann, dass er im Scharnier zwischen Alt und Neu wegen des Inventars auf 20 Prozent der Ausnutzung verzichten musste. «Für einen Investor ist das im Prinzip uninteressant», sagt er. Dafür habe es andere Qualitäten.

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