Nicht mehr Schule, noch nicht Ferien

Die letzte Woche vor den Sommerferien befinden sich Kinder, Lehrpersonen und Eltern in einem Schwebezustand. Wie gehen sie damit um?

Bald sind Ferien: Schulmüdigkeit und Vorfreude mischen sich zu einem seltsamen Gefühlszustand.

Bald sind Ferien: Schulmüdigkeit und Vorfreude mischen sich zu einem seltsamen Gefühlszustand. Bild: PD (Adrian Moser)

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Die Zeugnisse sind geschrieben, bald sind Sommerferien – und es ist heiss. Die Prognosen versprechen eine Woche Badiwetter. Die Kinder sind übermütig oder übermüdet, viele Lehrerinnen und Lehrer ausgepowert.

Die Eltern zappen zwischen Kofferpacken und Abschlussstress in der Arbeit hin und her. Dann müssen noch Grosseltern oder andere Betreuungspersonen rekrutiert werden, da man selbst ja nicht fünf Wochen freinehmen kann.

Die letzte Woche vor den Sommerferien ist mit keiner anderen Woche des Jahres vergleichbar. Nicht mehr richtig Schule, noch nicht Ferien: Dieser eigentümliche Schwebezustand stellt Kinder, Eltern und Lehrerinnen und Lehrer auf die Probe. Wie geht man damit um? Larifari oder Durchhalteparolen?

Stundenplan ist verbindlich

Das Volksschulamt gibt darauf keine verbindliche Antwort. Ausser: «Auch für diese Woche gilt ‹Unterricht findet statt›», sagt Marion Völger, Chefin des Volksschulamtes. «Es liegt aber in der Kompetenz der Schulleitung bzw. der Lehrperson, zum Schulabschluss oder auch an besonders heissen Tagen Änderungen im Unterrichtsablauf vorzunehmen. Die Unterrichtszeiten gemäss Stundenplan müssen aber eingehalten werden.»

Eine nicht repräsentative Umfrage bei Schulleitungen ergibt eine entsprechend grosse Bandbreite, wie die letzte Woche vor den Sommerferien gestaltet wird: den normalen Unterricht durchziehen, Abschlussstunden, Projektwochen... Unerlässlich sei einfach, dass man die Eltern rechtzeitig informiere, wenn der Unterricht nicht seinen gewohnten Gang gehe, wird jeweils betont.

Prüfung am zweitletzten Schultag

Viele Lehrer bereiten Abschlussstunden vor. Spezielle Themen, spezielle Zugangsweise. «Der Aufwand dafür ist allerdings beträchtlich, und manchmal entsteht der Eindruck, dass man den Jugendlichen genauso gut einfach einen einigermassen gehaltvollen Film vorspielen könnte», sagt eine Gymnasiallehrerin. «Die Konzentration ist in der letzten Woche vor den Sommerferien dahin, die Leistungsbereitschaft niedrig.»

«Die Konzentration ist in der letzten Woche vor den Sommerferien dahin, die Leistungsbereitschaft niedrig.»

Um solchem «Ausplempern» entgegenzuwirken, legen manche Lehrer noch auf den zweitletzten Schultag eine Matheprüfung oder ein Diktat – damit die Klasse bei der Sache bleibt. Es sei doch eine Erleichterung, wenn in der nächsten Zeugnisperiode bereits eine Note vorliege, versuchen sie dies etwa den Kindern schmackhaft zu machen.

Andere Lehrerinnen und Lehrer benutzen die letzte Schulwoche dazu, das vergangene Jahr zu reflektieren und auf das kommende Jahr einzustimmen. Und zum Abschiednehmen, wenn die Klasse oder gar das Schulhaus gewechselt wird.

Abschied nehmen

In diese letzte Schulwoche vor den Sommerferien fällt eben auch der Übertritt der Sechstklässler in die Oberstufe. «Wir stellen fest, dass solche Übergänge die Schülerinnen und Schüler stark beschäftigen», sagt Susanne Weinmann, Schulleiterin in der Dietiker Schuleinheit Fondli, zu der neunzehn Primarschulklassen und eine Einschulungsklasse gehören.

«Deshalb haben wir uns entschieden, in dieser Woche keine Projektwochen mehr zu veranstalten.» Stattdessen findet am letzten Schultag eine Verabschiedung der Sechstklässler statt. Wenn Eltern ihre Kinder früher aus der Schule nehmen oder nach den Ferien erst später in die Schule schicken, versuche man diesen jeweils klarzumachen, wie wichtig dieser Abschied und auch der Neubeginn für Kinder seien, fügt Weinmann hinzu. Damit spricht sie die Jokertage an.

Mit Jokertagen die Ferien verlängern

Im Kanton Zürich hat jedes Kind pro Schuljahr das Anrecht, an zwei Tagen unkompliziert dem Unterricht fernzubleiben. Diese Jokertage werden häufig dazu verwendet, um früher in die Ferien zu verreisen oder später zurückzukommen. Eltern wollen so von billigeren Flügen profitieren oder Staus ausweichen.

Bis vor kurzem haben es viele Schulen allerdings untersagt, die Jokertage zur Verlängerung der Ferien einzusetzen, um das «Auslaufen» des Schulbetriebs zu unterbinden. Vor drei Jahren wurden sie vom Volksschulamt aber zurückgepfiffen, da die 2009 in Kraft getretene Volksschulverordnung solche generellen Sperrtage nicht vorsieht. Jokertage zur Ferienverlängerung sind demnach grundsätzlich erlaubt. Ausgenommen sind aber Schulanlässe wie Sport- oder Besuchstage.

Hitzefrei schon lange vorbei

Schon länger nicht mehr üblich ist es, hitzefrei zu geben. Ältere Semester erinnern sich, dass es bis in die 1980er-Jahre vor allem vor den Sommerferien immer wieder tageweise frei gab, zum Beispiel wenn die Temperaturen bereits morgens um zehn Uhr auf über 25 Grad stiegen.

Hitzferien sind im Kanton Zürich bereits vor etwa zwanzig Jahren abgeschafft worden. Nicht nur, weil die damalige Regelung aufgrund des wärmeren Klimas heute etwa doppelt so oft hitzefrei zur Folge hätte wie damals. Wiederum argumentiert das Volksschulamt damit, dass die Eltern sich darauf verlassen können müssen, dass ihre Kinder zu Stundenplan-Zeiten betreut sind.

Auch Schulärzte sprechen sich im Übrigen gegen die Hitzeferien aus, da die gesundheitliche Gefahr, wenn Kinder an der prallen Sonne spielen, eindeutig grösser sei, als wenn sie im Unterricht schwitzen.

Und doch war es so schön

Sie alle haben recht. Und doch liegen sie falsch: Denn spätere Schülergenerationen werden sich nicht mehr an die fast unerträgliche Spannung in der 10-Uhr-Pause erinnern, wenn im Lehrerzimmer entschieden wurde, ob morgen schulfrei ist oder nicht.

Bald ist es soweit: In den Wochen vor den Sommerferien steigt die Vorfreude (Bild: Keystone)

Sie werden die unbändige Freude nicht kennen, wenn der Lehrer mit dem Daumen nach oben zeigend das Schulzimmer betrat. Verbunden damit war die Irritation, dass sich der Lehrer selbst zu freuen schien, war es doch undenkbar, dass dieser auch nur ein Mensch ist, der lieber in der Badi als im Schulzimmer schwitzt.

Ab in die Sommerferien!

Und dann kam diese letzte Woche vor den Sommerferien, in der die Wetterprogonsen ganz ähnlich wie derzeit einfach nur Hochsommer verkündeten. Hitzefrei von Montag bis Donnerstag. Doch am Freitag, am letzten Schultag, kündigte schon am Morgen auf dem Schulweg ein feiner Wind einen Wetterumschwung an. Und aus dem Westen zogen Wolken auf.

Es schien uns damals unvorstellbar, jetzt nochmals in der Realienstunde die Flüsse der Schweiz aufzusagen. Oder in der «Sprache» den Wenfall zu üben. Der Lehrer kam nach der grossen Pause mit einer grossen Schachtel Raketenglace in die Klasse, verteilte diese an uns und verkündete: Ab in die Sommerferien! Wir packten unsere Siebensachen und rannten durch den prasselnden Regen nach Hause.

Apple,Appstore,iPhone,Deutschland,Schweiz (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.07.2018, 14:08 Uhr

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