Nielsens Personalverschleiss

In sieben Jahren hat Zürichs Gesundheitsvorsteherin Claudia Nielsen sechs Departementssekretäre verloren. Nun ist auch jene Kaderfrau weg, die am längsten bei der SP-Stadträtin ausgeharrt hatte.

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«Ich bin abwesend. Ihre Nachricht wird weder gelesen noch weitergeleitet.» Diese Rückmeldung erhält, wer ein Mail an Sonja Mani schickt, Departements­sekretärin von Gesundheitsvorsteherin Claudia Nielsen. Bereits seit März ist die langjährige enge Mitarbeiterin Nielsens nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz, wissen Insider. Offiziell kommuniziert wurde dies bisher nicht. Laut TA-Recherchen hat Mani das Gesundheits- und Umweltdepartement (GUD) aus demselben Grund verlassen wie vor ihr viele andere Kaderangestellte der Stadträtin: weil der Führungsstil der Chefin schwer auszuhalten ist.

Bereits zweimal, 2011 und 2013, berichtete der «Tages-Anzeiger» über den «Nielsen-Drill» und die vielen Personalwechsel im Kader der SP-Politikerin, die 2010 in den Zürcher Stadtrat gewählt worden war. Offenbar hat sich seither wenig geändert. Mit Namen will sich niemand in der Zeitung äussern, doch mehrere voneinander unabhängige Quellen beschreiben den Führungsstil von Nielsen ähnlich: Sie kontrolliere zu viel, habe wenig Vertrauen in die Mitarbeitenden und rede ihren Kaderleuten ständig drein. Sie sei wenig wertschätzend, schlage oft einen gehässigen Ton an. Und sie kritisiere viel, sei selber aber kaum kritikfähig.

Die ersten drei Amtsjahre von Nielsen waren besonders turbulent. Bei den Departementssekretären, der mit zwei Personen besetzten Schaltstelle des Departements, gab es ständig Wechsel. Die Sekretäre sind die wichtigsten und engsten Mitarbeiter von Stadträten und Regierungsräten und werden von der Gesamtregierung gewählt. Sie überschauen und steuern die politischen Geschäfte und beraten ihre politischen Vorgesetzten. Als Nielsen im GUD anfing, hatten Marie-Therese Büsser und Michael Allgäuer diese Kaderpositionen inne. Büsser ging dann bald, und ihr Nachfolger verliess das Departement schon nach einem halben Jahr wieder. 2012 wechselte auch Allgäuer, er übernahm die Leitung der Stadtzürcher Kesb. Sein Nachfolger überstand die Probezeit nicht. Ebenfalls reihenweise kamen und gingen die Assistentinnen von Nielsen.

Unter Rechtfertigungsdruck

Wegen der ungewöhnlich hohen Personalfluktuation in ihrem Umfeld wurde die Stadträtin von der Geschäftsprüfungskommission des Gemeinderats vorgeladen und musste Fragen beantworten. Dies tat sie «zufriedenstellend», wie die Kommission später in ihrem Tätigkeitsbericht schrieb. Weiter äussert sich die Kommission nicht, weder zu den damaligen Vorkommnissen noch zur aktuellen Personalkrise im GUD. Auf die Fragen des TA antwortet Kommissionspräsident Bernhard im Oberdorf (SVP): «Dazu kann ich nichts sagen.»

Ab 2014 beruhigte sich die Situation etwas. Das Departementssekretariat stand nun unter der Leitung von Sonja Mani, zuvor Kommunikationschefin, und Thomas Ziltener, zuvor Spezialist für Umwelt- und Energiefragen. Beide kannten das Departement und dessen Chefin seit längerem und wussten, was sie erwartete. Sie hatten wohl auch die Hoffnung, dass die Stadträtin sich ändern würde. Immerhin hatte Nielsen 2013 im TA-Interview gesagt, sie arbeite an ihrem Führungsstil.

Doch es kam anders. Sowohl Ziltener als auch Mani arbeiten jetzt nicht mehr bei Nielsen. Ziltener kündigte Ende 2016 und wurde durch Daniela Wüthrich ersetzt – Mani schied im Frühling aus. Eine weitere Kaderfrau, Kommunikationschefin Nicole Disler, hat ihren Posten vor wenigen Wochen verlassen. Zudem gab es in der Geschäftsleitung des Gesundheitsdepartements Ende Mai einen plötzlichen Abgang: Die Direktorin der Stiftung Alterswohnungen, Bea­trice Appius, ging nach nur zweijähriger Amtszeit und ohne vorherige Ankündigung. Als Grund für die Auflösung des Arbeitsverhältnisses nennt die Stiftung «unterschiedliche Vorstellungen» zwischen dem Stiftungsrat und der Direktorin über die Führung der Stiftung. Diese beschäftigt mehr als 130 Personen und verwaltet rund 2000 Wohnungen in 35 Liegenschaften. Als Stiftung ist sie einerseits unabhängig von der Verwaltung, andererseits aber eingebunden ins GUD, dessen Vorsteherin Nielsen von Amtes wegen Stiftungspräsidentin ist. Diese Konstellation ist per se konfliktträchtig, und Nielsens Art zu führen, trägt nicht zur Entspannung bei.

«Ich hinterfrage meine Rolle»

Konfrontiert mit den jüngsten Vorwürfen zu ihrem Führungsstil, antwortet Claudia Nielsen ausweichend: «Neben der Kritik an meiner vielleicht gelegentlich direkten Art stelle ich fest, dass sich qualifizierte Personen, die mich durchaus kennen, für die Übernahme von Kaderstellen bewerben und Aufgaben in meinem Verantwortungsbereich übernehmen.» Und auf die Frage, ob sie nichts an ihrem Stil ändern wolle, schreibt sie: «Für mich ist es selbstverständlich, dass ich auch meine Rolle hinterfrage und meine Lehren ziehe.» Welcher Art diese sind, sagt sie nicht.

Nielsen gesteht ein, dass personelle Wechsel jeweils einen «gewissen Erfahrungsverlust» bedeuten. Sie betont aber, dass «die Mehrheit der Dienstchefinnen und Dienstchefs schon länger mit mir erfolgreich zusammenarbeitet». Die vielen Wechsel in ihrem Vorzimmer erklärt sie damit, dass am Anfang wegen einer Neuorganisation diverse Übergangslösungen nötig waren. Seit 2012 habe sie nur vier Assistentinnen gehabt – inklusive die beiden, die heute bei ihr tätig sind.

Erstellt: 08.11.2017, 20:59 Uhr

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