Noch nie strebten im Kanton Zürich so viele Frauen in den Nationalrat

Die Zürcher Delegation in Bern könnte ab Herbst geschlechtlich ausgeglichen sein. Besonders auf den Spitzenplätzen sind viele Frauen.

Unter der Aufsicht von Innenministerin Jacqueline Fehr loste Stefan Langenauer, Chef des Statistischen Amts, per Loskugeln die Listennummern der Parteien aus, welche noch nicht im Nationalrat vertreten sind.

Unter der Aufsicht von Innenministerin Jacqueline Fehr loste Stefan Langenauer, Chef des Statistischen Amts, per Loskugeln die Listennummern der Parteien aus, welche noch nicht im Nationalrat vertreten sind. Bild: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf den ersten fünf Plätzen der 32 Zürcher Wahllisten ist im Durchschnitt jede zweite Kandidatur ein Frau. Das hat zwar auch damit zu tun, dass es drei reine Frauenlisten gibt, bleibt dennoch bemerkenswert, da der Durchschnitt über die ganzen Listen «nur» bei 43 Prozent Frauen liegt. Gleichwohl bedeutet auch diese Zahl Rekord, wie einer heutigen Präsentation des Statistischen Amts zu entnehmen ist. Der bisherige Bestwert lag bei 38 Prozent (2003 und 2007). Die 43 Prozent übertreffen gar den Kandidatinnenanteil von 42 Prozent bei den Kantonsratswahlen – gewählt wurden im März tatsächlich 41 Prozent Frauen.

Damit schickt das Stimmvolk am 20. Oktober möglicherweise auch die grösste Zürcher Frauendelegation aller Zeiten nach Bern. Im Jahr des Frauenstreiks liegen gar rund 50 Prozent drin, wenn sich der Trend von 2015 fortsetzt. Damals kandidierten 35 Prozent Frauen, am Wahltag stieg der Prozentanteil auf 40.

Die bürgerlichen Grossparteien fallen ab

Die Parteien setzen also auf Frauenpower. Aber nicht alle. Während Grüne und AL einen leichten Frauenüberhang auf ihren 35-köpfigen Hauptlisten haben und GLP, SP und EVP über dem Durchschnitt liegen, fallen SVP und FDP ab. Bei der SVP liegt der Anteil Frauen bei 26 Prozent, auf der freisinnigen Liste bei 34 Prozent. Die FDP ist neben der SP die einzige Partei mit einem sinkenden Frauenanteil – 2011 waren noch 41 Prozent auf der FDP-Liste Frauen.

Die SP wiederum ist ein Spezialfall: Sie gebärdete sich einst als Super-Frauenförderin und hatte bis 2015 lange mehr Frauen als Männer auf der Liste. 1999 und 2003 waren gar zwei von drei sozialdemokratischen Kandidierenden Frauen.

Weniger Exoten

Bei den diesjährigen Nationalratswahlen haben die Zürcher Stimmenden etwas weniger Auswahl als vor vier Jahren. Statt 35 wurden 32 Listen eingereicht, was entgegen dem nationalen Trend ist. Dennoch bedeuten die 966 Kandidierenden Rekord. Das sind gut 10 Prozent mehr als 2015; 2003 kandidierten 964 Personen. 23 Listen sind voll, führen also 35 Personen auf, neun Gruppierungen haben auf ihren Listen zwischen einer und 34 Personen. Die zehn etablierten Parteien stellen 24 Haupt- und Nebenlisten wie Junge, Migrantinnen oder Senioren.

Acht Gruppierungen sind mehr oder weniger exotisch. Weniger sind es die Schweizer Demokraten (SD), die seit 2011 nicht mehr an den kantonalen Wahlen teilnehmen, national aber noch dabei sind. 2015 erreichten sie 0,18 Prozent Wähleranteil. Auch wieder dabei sind die Kommunisten der Partei der Arbeit (PdA), die mit einem tiefen Frauenanteil von 26 Prozent auffallen.

Die Piraten sind ebenso wie die Unabhängigkeitspartei up! wieder mit von der Partie. «Die Guten» versuchen es nach den März-Wahlen erneut, ein Comeback nach den Kantonsratswahlen 2015 gibt die IP (Integrale Politik). Einzelmasken sind die beiden Listen Öko-Partei und «Sarantidis Chrisoula».

Nicht mehr dabei sind im Vergleich zu 2015 Ecopop, Zentrumspartei, Anti-Powerpoint-Partei, Kunst + Politik, die Unpolitischen, Autofahrer-Liste, Tierpartei, Schweizer Freiheit und Recht sowie Hanf-Ueli.

Linkswähler müssen aufmerksam sein

Abgesehen von den Parteien, die schon im Nationalrat präsent sind und nach Sitzplatzstärke durchnummeriert werden – also von SVP bis EVP –, erhielten heute Freitag alle anderen Listen eine Nummer zugelost. Unter der Aufsicht von Regierungsrätin Jacqueline Fehr zog Statistik-Amtschef Stefan Langenauer die Kugeln für die restlichen Parteien und Gruppierungen. Dies ist das Resultat:

  • 1 SVP
  • 2 SP
  • 3 FDP
  • 4 GLP
  • 5 CVP
  • 6 Grüne
  • 7 BDP
  • 8 EVP
  • 9 Junge Grüne
  • 10 Jungfreisinnige
  • 11 Piraten
  • 12 Integrale Politik (IP)
  • 13 CVP Frauen
  • 14 Juso
  • 15 Öko-Partei
  • 16 Sarantidis Chrisoula
  • 17 die Guten
  • 18 Jung-CVP
  • 19 GLP UnternehmerInnen
  • 20 CSV
  • 21 EVP Frauen
  • 22 Unabhängigkeitspartei up!
  • 23 GLP Senioren
  • 24 PdA
  • 25 AL
  • 26 SD
  • 27 Junge EVP
  • 28 SVP 55plus
  • 29 Junge GLP
  • 30 Grüne MigrantInnen und Second@s
  • 31 EDU
  • 32 Junge SVP

Besonders angetan waren nach der Auslosung die Jungen Grünen. Kandidatin Debora Zahn jubelte: «Die 9 ist die bestmögliche Listennummer.» Auch die Jungfreisinnigen und die Juso erhielten die beliebteren tiefen Nummern. Tückisch wird es für die Wählerinnen und Wähler vom äusseren linken Rand. Sie müssen ganz genau hinschauen. PdA und AL sind einerseits Listennachbarn, anderseits heissen sie offiziell «Linke Alternative PdA» und – fast identisch – «Linke Alternative, AL – Alternative Liste».

Dass etablierte Parteien wie die AL oder EDU, die auch im Kantonsrat vertreten sind, so unvorteilhafte Listennummern erhalten, dürfte sich übrigens bald ändern. Der Kantonsrat ist gewillt, bei der nächsten Revision des Gesetzes über die politischen Rechte eine Reihenfolge gemäss dem letzten Wahlresultat zu bestimmen. Wäre dies schon heute der Fall, wären auch die Grünen vor die CVP gerutscht, da sie mehr Wähleranteile gewannen. Nun haben sie gleich viele Sitze, und als zweites Kriterium gilt das Alphabet.

Grüne mit vielen Alten...

Die Kandidierenden werden tendenziell eher älter. Der Median beträgt 43 Jahre. Das heisst die Hälte der Kandidierenden ist älter, die Hälfte jünger. 2011 lag der Median noch bei 40 Jahren. Am betagtesten sind logischerweise die Kandidierenden der beiden Seniorenlisten der SVP und der GLP. Die Methusalems der grösseren Parteien stellen die Grünen mit durchschnittlich 55-Jährigen auf der Liste, gefolgt von der EVP (52 Jahre).

Die älteste Kandidatin ist 81-jährig und figuriert auf der CSV-Liste. Über 90-Jährige wie 1999 und 2003 – Rekord: 93-Jähriger – gibt es diesmal nicht mehr. Dafür hats mehr Junge. 16 Kandidierende sind 18-jährig, 2015 waren es noch sieben.

... die BDP mit Jungen

Die Jüngsten sind «die Guten», die es durchschnittlich auf 21 Jahre bringen. Gefolgt werden sie – wenig überraschend – von den Jungparteien. Die «jüngste» grössere Partei ist auch vom Gründungsdatum die jüngste: Bei der BDP liegt der Altersmedian bei 37 Jahren. Zum Vergleich: Die Sozialdemokraten sind durchschnittlich 44-Jährig, die SVPler 49 Jahre alt und die Freisinnigen 50.

Einen Überhang stellt die Stadt Zürich. Obwohl nur 28 Prozent der Wahlberechtigten in der Grossstadt wohnen, sind 34 Prozent der Kandidierenden Stadtzürcher. 8 Prozent wohnen in Winterthur, 58 Prozent im Rest des Kantons.

Noch eine kleine Zahlenspielerei: Gemäss einer Berechnung von Kantonsstatistiker Peter Moser gibt es angesichts der 32 Listen, 966 Kandidierenden und 35 zu vergebenden Plätzen für die Wahlberechtigten 1'744'856'788'602'463'177'926'460'046'262'482'
668'280'084'064'028'808'644'468'680'688'042 Möglichkeiten, einen gültigen Wahlzettel auszufüllen. Das schreibt sich auch so: 1.74 mal 10 hoch 66 oder: 1,74 Undecillionen. Moser sagte dazu: «Viel Spass beim Ausfüllen der Listen.»

Erstellt: 16.08.2019, 11:26 Uhr

Artikel zum Thema

Diese Senioren wollen Bern stürmen

SVP und GLP treten in Zürich mit eigenen Seniorenlisten bei den Nationalratswahlen an. Warum? «Wir sind Legenden», sagt Anwalt Valentin Landmann. Mehr...

Wer in Zürich zittern muss, und wer hoffen darf

Welche Partei gehört bei den Nationalratswahlen im Oktober zu den Gewinnern? Die erste Prognose für die 35 Zürcher Sitze. Mehr...

Frauen stürmen ins Parlament

Noch nie wollten so viele Frauen in den Zürcher Kantonsrat: Sie stellen 42 Prozent der Kandidierenden für die Wahlen im März. Die Frage ist nun, wie viele auch gewählt werden. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Mit CallDoc clever und flexibel versichert

Lassen Sie sich rund um die Uhr medizinisch beraten – und sparen Sie dabei! Profitieren Sie vom Prämienrabatt der Grundversicherung. Jetzt Offerte anfordern.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Bergungsarbeiten nach Taifun-Katastrophe: Der heftige Wirbelsturm «Hagibis» hinterliess über weite Teile Japans eine Spur der Verwüstung. Die Zahl der Todesopfer ist gemäss eines japanischen Fernsehsenders auf 66 gestiegen. (15. Oktober 2019)
(Bild: Jae C. Hong/AP) Mehr...