Nun beginnt das Ellbögeln

Bei der Winterthurer Stadtratswahl erzielt SVP-Mann Oswald das beste Resultat. Heimlicher Sieger aber ist der Grüne Altwegg. Doch er oder SP-Frau Meier muss nun verzichten.

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Vor den Kameras machen im neuen Mediencenter im Winterthurer Superblock alle fünf Kandidaten gute Miene. Und jede Partei rechnet sich auf irgendeine Weise zur Wahlsiegerin hoch. Doch bereits heute Morgen wird es mit den Freundlichkeiten vorbei sein. Der Nachfolger des im Zusammenhang mit der Wärmering-Affäre zurückgetretenen Matthias Gfeller (Grüne) wird in einem zweiten Wahlgang am 2. April bestimmt. Heute beginnen die Verhandlungen – und diese werden vor allem zwischen den Grünen und der SP besonders hart sein. Es geht in Winterthur um mehr als bloss einen Sitz im Stadtrat – es geht um die politischen Mehrheitsverhältnisse. Konkret geht es um die Frage, ob das einst linke Winterthur weiterhin von einer bürgerlichen 4:3-Mehrheit in der Stadtregierung dominiert wird oder gar mit 5:2. Entscheidend wird sein, dass im zweiten Wahlgang bei den Linken jemand zugunsten einer übergeordneten politischen Haltung verzichtet.

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Die Analyse des ersten Wahlgangs:

Daniel Oswald (SVP) erreicht erwartungsgemäss am meisten Stimmen, weil er aus dem bürgerlichen Lager kaum Konkurrenz hatte. Die FDP hat ihn unterstützt, die CVP nicht. Mit einem Anteil von 28,1 Prozent der abgegebenen Stimmen schöpft Daniel Oswald aber bei weitem nicht das Stimmenpotenzial aus dem bürgerlichen Lager aus. Oswald selber ist überzeugt, dass er Stimmen an den GLP-Kandidaten Michael Zeugin verloren hat. Auf die Frage, wen er sich als Gegner für den zweiten Wahlkampf wünscht, gibt er als Einziger eine ehrliche Antwort: «Möglichst viele.»

Christa Meier (SP) erreicht ungefährdet Platz zwei – und ist zufrieden. «Wir haben die Leute auf der linken Seite mobilisiert, wir haben ähnliche Positionen wie die Grünen und haben uns nicht bekämpft. Wir haben von Anfang an gewusst, dass wir uns gegenseitig Stimmen wegnehmen.» Für Christa Meier, die Gemeinderatspräsidentin von 2014 und Leiterin der Klinikschule am Kantonsspital Winterthur, zählt im Moment vor allem: «Die linke Seite hat klar ihren Anspruch auf diesen Stadtratssitz demonstriert.» Wenn man jedoch Meiers Stimmen aus dem ersten Wahlgang in Relation zum SP-Wähleranteil bei den letzten Gemeinderatswahlen setzt, hat sie persönlich nicht gut abgeschnitten. Meier hat als einzige Kandidatin das eigene Wählerpotenzial nicht ausgeschöpft. Sie hat am Sonntag bloss 23,4 Prozent der gültigen Stimmen erreicht. Die SP schaffte 2014 dagegen als stärkste Partei 24,4 Prozent.

Jürg Altwegg (Grüne) ist der heimliche Wahlsieger, weil er gestern weitaus am meisten Fremdstimmen gemacht hat: 8,3 Prozent erreichten die Grünen 2014, ganze 20,1 Prozent machte Altwegg gestern. «Ich habe viel besser abgeschnitten als erwartet», sagt er selber. «Nie mehr Grün» war ein verbreiteter Slogan in Winterthur nach dem Wärmering-Desaster und Matthias Gfellers vorzeitigem Rücktritt. Die Baisse der Grünen war auch ein Grund für die SP, im ersten Wahlgang gegen die verbündeten Grünen anzutreten. Die SP wollte «auf Nummer sicher gehen», damit der dritte linke Stadtratssitz nicht auch noch an die SVP geht. Altwegg ist gelernter Elektrotechniker, hat früher ein KMU geführt und bezeichnet sich selber als «liberalen Grünen». Gemäss seiner eigenen Analyse hat er sogar FDP-Stimmen erhalten.

Michael Zeugin (GLP) hat den vierten Platz erreicht, der im Vorfeld eher dem Grünen Altwegg zugetraut worden war. Doch auch er ist zufrieden, weil er ohne verbündete Parteien 17 Prozent der Stimmen erreicht hat bei einem GLP-Wähleranteil von 11,1 Prozent. Zeugin glaubt, dass er «bis weit ins FDP-Lager hinein» Stimmen geholt hat.

Barbara Huizinga (EVP) ist als Vertreterin der kleinsten Partei klar auf dem letzten Platz gelandet. Aller Voraussicht nach wird sie auf den zweiten Wahlgang verzichten. Gespannt darf man immerhin auf die Empfehlung der EVP sein.

Klar ist, dass die SVP im zweiten Wahlgang antreten wird. Zeugin (GLP) sagt: «Wir haben immer mit zwei Wahlgängen gerechnet, die wesentlichen Kräfte müssen im Stadtrat vertreten sein, und die GLP ist im Gemeinderat drittstärkste Partei.» Das ist noch kein definitives Ja zur Teilnahme am zweiten Wahlgang, aber zumindest eine eindeutige Ankündigung.

Knatsch zwischen SP und Grün

Von den Zahlen her klar ist auch, dass SVP-Mann Oswald grosser Favorit wäre, wenn sich SP und Grüne nicht auf eine einzige Kandidatur einigen. Jürg Altwegg sagt selbstbewusst: «Für mich wäre es eigenartig, wenn ich mit diesem Resultat verzichten würde – Hauptsache ist aber, dass wir uns mit der SP einigen.» Bei der SP lässt sich Co-Präsidentin und Nationalrätin Mattea Meyer nicht auf die Äste hinaus. Eine SP-Mitgliederversammlung werde über die beste Strategie entscheiden. Der Sonntag hat gemäss Mattea Meyer gezeigt: «Die Leute haben genug von Abbaupolitik.» National wurde die USR III abgeschmettert, und in Winterthur schafften die Kandidaten von SP, Grünen und EVP eine Mehrheit. Für Mattea Meyer zeigt das: «Die Wähler haben Sparprogramme satt – etwa das Streichen bei Winterdienst und Schulreisen sowie der ewige Druck aufs Personal.»

Bisherige Verteilung der Sitze im Winterthurer Stadtrat: SP und FDP je zwei, SVP, CVP und Grüne je einen.

Erstellt: 12.02.2017, 20:28 Uhr

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