«Nun muss ich lernen, mich selbst auszuhalten»

Geri Müller war einer der umstrittensten Politiker des Landes. Nun steht er ohne Amt da – unfreiwillig. Was kommt nun?

«Weshalb sollte ich verbittert sein?»: Der abgewählte Stadtammann Geri Müller im Rathaus Baden. Foto: Doris Fanconi

«Weshalb sollte ich verbittert sein?»: Der abgewählte Stadtammann Geri Müller im Rathaus Baden. Foto: Doris Fanconi

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«Abschied» steht gross auf den Plakaten, die in Baden an allen Ecken hängen. Daneben das Konterfei von Geri Müller. Mit leicht zugekniffenen Augen schaut er sinnend in die Ferne. Eingeladen wird zum traditionellen Abschiedsfest, das die Stadt für die Bevölkerung veranstaltet, wenn ein Stadtammann geht. Doch dieses Mal ist alles etwas anders als sonst, denn dieser Abschied ist unfreiwillig – aus Sicht des Verabschiedeten.

Geri Müller wurde am 24. September als Stadtrat abgewählt und war damit automatisch auch bei den Präsidiumswahlen aus dem Rennen. Der Abschied ist umfassend. Der 57-jährige Müller, ein Animal politique, wie es in der Schweiz nur wenige gibt, bekleidet nun kein politisches Amt mehr. Weder kommunal noch kantonal noch national.

Ist Ihnen überhaupt nach Feiern zumute?
Unbedingt. Ich habe zwölf gute Jahre gehabt in Baden, auch wenn die fünf Jahre als Stadtammann zuweilen etwas schwierig waren. Ich musste merken, dass nicht alle daran Freude hatten, dass ich es bin, der dieses Amt innehat. Mir ist es wichtig, in dieser Funktion Abschied zu nehmen, denn ich werde als Privatmensch in Baden bleiben und möchte danach als normaler Bürger durch die Stadt laufen.

Hatten Sie denn überhaupt mit Ihrer Abwahl gerechnet?
Zu einem ganz kleinen Teil schon. Damit muss man immer rechnen. Ich wurde fast immer gewählt, wenn ich für ein politisches Amt antrat. Nur zweimal nicht, beide Male in Baden.

Geri Müller rutschte 1991 als 31-jähriger Berufsschullehrer für die Lokalpartei Team Baden ins kommunale Parlament nach, schaffte aber nach zwei Jahren die Wiederwahl nicht. 1995 gelang ihm dann als Mitglied der Grünen der Sprung in den Aargauer Grossen Rat. Dann ging es die Leiter der politischen Ämter hinauf: Fraktionspräsident, 2003 Nationalrat (bis 2015). Er gehörte der Geschäftsprüfungskommission und der Aussenpolitischen Kommission an, die er zwischendurch auch präsidierte. 2010 war er im Gespräch als Bundesrat für die Grünen. Wegen seiner pointierten Voten avancierte Müller schnell zu einem der bekanntesten Politiker des Landes. Und einem der umstrittensten, denn er pflegte schwierige Themen nicht zu umschiffen, sondern steuerte sie direkt an. In der Nahostpolitik äusserte er sich immer wieder dezidiert gegen die Völkerrechtsverletzungen Israels, was ihm den Vorwurf einer antisemitischen Haltung und zu grosser Nähe zur palästinensischen Terrororganisation Hamas eintrug.

2006 wurde er in die Exekutive Badens gewählt, sieben Jahre später setzte er sich in der Ammann-Wahl überraschend gegen einen freisinnigen Amtskollegen durch. Dann kam der Sommer 2014, in dem er in ein Schlagzeilengewitter geriet, weil er mit einer Frau verfängliche Selfies austauschte. Einvernehmlich, wie diese zugab. Und nun also das Ende seiner Politkarriere.

Wie erklären Sie sich Ihre Abwahl?
Vor kurzem hat mir eine Frau den Umstand, dass ich im ersten Wahlgang als Stadtammann ein gutes und als Stadtrat ein schlechtes Resultat erzielte, so erklärt: «Man will dir sagen, es war ganz in Ordnung, was du gemacht hast, aber es tuts jetzt.» Diese Interpretation ist vielleicht gar nicht so falsch. Mir ist, ehrlich gesagt, der Grund mehr oder weniger egal. Ich habe einfach wiederholt festgestellt, dass viele Menschen mich als Projektionsfläche für Inhalte und Bilder benutzen, die mehr mit ihnen als mit mir zu tun haben. Man wirft mir auch immer wieder vor, dass ich polarisiere. Das sehe ich anders: Ich rüttle Extreme wach und bringe sie ins Gespräch. Es ist zum Beispiel nicht so, dass ich mich nur mit den Hamas-Vertretern getroffen habe, ich habe auch radikale Vertreter Israels offiziell ins Bundeshaus eingeladen und mit ihnen diskutiert.

Können wir uns darauf einigen, dass Sie kein stromlinienförmiger Politiker waren, sondern immer wieder aneckten . . .
Das stimmt. Darauf können wir uns einigen.

Geri Müller verteidigte vor dem regionalen Industrie- und Handelsverein die 1-zu-12-Initiative der Juso und äusserte sich als Stadtammann von Baden, einer Stadt, die stark auf die Unternehmenssteuern angewiesen ist, öffentlich gegen die Unternehmenssteuerreform III. Er ist kein Streithahn, aber einer, der unverblümt seine Meinung sagt und engagiert diskutiert. Es muss furchtbar anstrengend sein, so zu politisieren.

Wäre etwas mehr Diplomatie zuweilen nicht zielführender?
Wenn ich abends den Tag reflektiere und feststelle, dass ich irgendwo zu früh eingelenkt habe, kann ich das nur schwer ertragen. Für mich ist nicht das Anecken schlimm, schlimm wäre, wenn meine Ecken sich abgerundet, die Kanten sich abgeschliffen hätten. Mir geht es aber nicht darum, zu provozieren. Wirklich nicht. Ich will kommunizieren. Ich will verfeindete Lager miteinander ins Gespräch bringen.

Dann folgt eine für ihn bezeichnende Geschichte. Geri Müller ist einer, der einfach nicht glauben will, dass sich etwas nicht irgendwann zum Guten wendet. Er hatte drei Präsidenten von verfeindeten Volksgruppen aus Bosnien und Herzegowina nach Baden eingeladen. Zuerst führte er sie ins Kirchenschatz-Museum und erzählte ihnen, wie erbittert sich in der Schweiz einst die Katholiken und Reformierten bekämpften. Und wie schlecht es dem Land deshalb ging. Dann befragte er jeden einzeln, was er sich denn für sein Volk wünsche. Alle drei kamen auf dieselben Begriffe: Bildung/Prosperität, Gesundheit, Sicherheit. Als er sie an einem Tisch versammelte und damit konfrontierte, dass sie doch dasselbe wollten, brach ein Wortgefecht mit gegenseitigen Beschuldigungen aus, doch sprachen sie wenigstens miteinander. Und die drei, die in verschiedenen Zügen von Zürich nach Baden gefahren waren, reisten schliesslich gemeinsam zurück nach Zürich.

«Anfänglich war ich so perplex über die Vorwürfe, dass ich alles zugab – auch Dinge, die falsch waren.»

Doch nun zu der Geschichte, die nicht Geri Müller über andere erzählt, sondern die andere von ihm erzählen. Die ihn im Sommer 2014 schlagartig auch in den Fokus jener Landsleute rückte, die mit Politik nichts am Hut haben. Als er am 19. August in Jeans und hellem Kittel an der Seite eines bekannten Medienanwalts die Brasserie Lipp in Zürich betrat, um zu erklären, was er sich selbst bis heute nicht richtig erklären kann, nämlich, weshalb er so unbedacht war, einer Frau Selfies zu schicken, wurde er von rund fünfzig Journalistinnen und Journalisten erwartet. Fünf Kameras waren auf ihn gerichtet, die teilweise live übertrugen. «Grüsel-Geri» («Blick») füllte tagelang die Schlagzeilen, selbst brasilianische Medien berichteten. Weit über 500 Artikel verzeichnet die Schweizer Mediendatenbank zu «Gerigate» bis heute.

Mittlerweile hat der Presserat die «Schweiz am Sonntag», welche den Fall ins Rollen brachte, scharf gerügt, weil sie Müllers Intimsphäre in schwerer Weise verletzt habe. Die Selfie-Empfängerin wurde vor Gericht wegen übler Nachrede, versuchter Nötigung und unbefugter Aufnahmen verurteilt. Doch sind sich Insider einig: Diese unglückliche Geschichte hat Geri Müller die Wahl gekostet. Erst wandten sich die Stadtratskollegen von ihm ab, dann tat sich in der Partei ein Graben auf zwischen solchen, die zu ihm hielten, und solchen, die sich von ihm abwandten. Schliesslich entzog ihm das Volk das Vertrauen.

Es ist ein bitterer Abgang. Verbittert er Sie?
Es ist ein Stück weit Schicksal. Es gibt Zeiten, in denen man auf der Sonnenseite steht, manchmal steht man aber auch im Schatten. Was soll ich da verbittert sein? Es hatte mich schon sehr verletzt, als ich vor fünf Jahren zu einem Terroristenhelfer abgestempelt wurde. Nur konnte ich mir irgendwie erklären, wie dieser Vorwurf zustande kam. Und es wäre sehr schlimm gewesen, wenn ich wirklich Frauen belästigt und meinen Einfluss auf die Polizei missbraucht hätte, wie man mir vorwarf. Nur hab ich all das nicht getan. Diese Vorwürfe waren im übrigen schon widerlegt, als ich an jenem Dienstag vor die Medien trat. Im Nachhinein muss ich sagen: Ich hätte mich gescheiter gar nicht geäussert. Anfänglich war ich so perplex über die Vorwürfe, dass ich alles zugab, auch Dinge, die falsch waren, danach konnte ich sagen, was ich wollte – es wurde falsch ausgelegt. Und es nützt wenig, dass sich alle Anklagen in Luft aufgelöst haben. Die Bilder in den Köpfen bleiben. Ich sage mir heute: Ich kenne meine Geschichte, und was da abging, hat mit mir persönlich nichts zu tun. Ich bin ja auch nicht der Einzige, dem so etwas widerfahren ist oder widerfährt. Entsprechend vorsichtig bin ich daher, mir ein Bild von solchen Ereignissen zu machen.

Nun muss Müller das Gespräch beenden. Denn in einer Stunde beginnt das Abschiedsfest im ehemaligen Kino Royal, zu dem die Stadt einlädt. Geri Müller muss noch zwei Telefongespräche führen und sich umziehen. Er wird den dunkelblauen Anzug und das rosa-weiss feinkarierte Hemd gegen rote Hosen, ein rotes Hemd und rote Schuhe austauschen. So sah man den Stadtammann unterwegs an der Badenfahrt. Leutselig und zuversichtlich, was seine Wiederwahl betraf. Wir möchten zum Schluss noch wissen, was er denn so ganz ohne Politik in seinem Leben anfangen will. Geldsorgen plagen ihn zumindest mittelfristig nicht, hat er doch für zwei Jahre eine Abgangsentschädigung zugesprochen erhalten.

Wird Geri Müller Privatier?
Ich bin ein politischer Mensch und werde zeitlebens an der Politik teilnehmen. Das muss aber nicht in einem Parlament oder in einer Regierung sein. Und einfach nichts mehr arbeiten kommt für mich auch nicht infrage. Ich übte schon einige Berufe aus, war Psychiatriepfleger, Berufsschullehrer, Regisseur und betrieb einen Musikverlag. Einige Angebote habe ich schon erhalten. Doch zuerst möchte ich einfach einmal etwas Zeit. Für meine Partnerin, für meine Kinder, für meine Freundinnen und Freunde. Und vor allem für mich. Ich muss wieder lernen, mich selbst auszuhalten. Seit über zwanzig Jahren war ich immer in politischen Ämtern tätig, in denen mir eine nur wenig beeinflussbare Agenda den Takt und die Begegnungen diktierte. Aber ehrlich: Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Auch mit meinem politischen Leben.

Um 19 Uhr haben sich rund 500 Leute im Royal eingefunden. Von ganz jung bis ziemlich alt. Die Haare der Männer sind im Schnitt etwas länger, die Kleider der Frauen etwas bunter als allgemein üblich. Es gibt Gerstensuppe, Wurst, Marroni und Fackelspiess. Und natürlich Bier und Wein.

Auch der neue Stadtammann ist zugegen – er wird etwas später noch versöhnliche Worte an seinen Vorgänger richten. Geri Müller wird danach ein paar Worte sprechen, danken vor allem. Und er wird singen – nicht besonders schön, aber von Herzen: «You can get it if you really want.» Als sein Bruder, der Opernsänger Peter Bernhard, das Lied «Time to Say Goodbye» vorträgt, werden rundum Taschentücher herausgekramt. Die Stimmung ist emotional, fröhlich und zwischendurch auch richtig ausgelassen. «Passt», finden die Gäste.


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Das spezielle Politbüro zum Jahr 2017.


Erstellt: 28.12.2017, 21:47 Uhr

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