Kirchendiebe schlagen im Kanton Zürich zu

Sie plündern den Opferstock, brechen in Pfarrhäuser ein und klauen vergoldete Zeiger der Turmuhr.

Auf das Geld in den Opferstöcken haben es auch Kriminelle abgesehen. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Auf das Geld in den Opferstöcken haben es auch Kriminelle abgesehen. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

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Der Diebstahl war besonders dreist: Bei einer Abdankung in der Alten Kirche Altstetten liess ein Unbekannter im letzten März die gesamte Kollekte mitlaufen. 2000 Franken stahl er aus den Spendenboxen, während die Angehörigen das Leidmahl im nahen Restaurant einnahmen. Dass nun auch Institutionen wie Kirchen vor Dieben nicht verschont würden, sei schwer zu begreifen, empörte sich die Tochter des Verstorbenen darauf in Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Kinderwagen und Musikinstrumente wurden gestohlen, ebenso Material von Kirchenbaustellen.

Eine Zunahme von Diebstählen in Kirchen sorgt derzeit in Deutschland für Schlagzeilen. In der Schweiz zeigen die Zahlen ein etwas anderes Bild. Laut dem Bundesamt für Statistik gab es letztes Jahr 228 Einbruch- und Einschleichdiebstähle in Kirchen, im Jahr zuvor waren es 221, 2014 total 258 und 2013 insgesamt 284 Fälle. Im Kanton Zürich ist die Zahl der Diebstähle und Einbrüche in Kirchen, Synagogen und Moscheen in den letzten Jahren ungefähr gleich geblieben, wie Marc Besson von der Kantonspolizei sagt. Letztes Jahr wurden kantonsweit 54 derartige Delikte erfasst, 2015 waren es 56, 2014 insgesamt 64. Spitzenreiter war das Jahr 2012 mit 98 registrierten Kirchendiebstählen und -einbrüchen im Kanton.

Sogar Betende werden bestohlen

Häufig betroffen sind Gotteshäuser in der Stadt Zürich. 2016 wurden der Stadtpolizei 30 Diebstähle und Einbrüche in Kirchen, Moscheen, Synagogen sowie Freikirchen gemeldet, wie Sprecherin Judith Hödl sagt. 2015 waren es 36, im Jahr davor 27 Fälle. Auch in der Stadt war das Jahr 2012 aus Kirchensicht besonders unerfreulich: Gleich 46-mal schlugen die Kirchendiebe zu. Die Deliktssumme betrug 105'000 Franken. Allein bei einem Einbruch in eine Kirche kamen damals Messgefässe, Kunstgegenstände und Reliquien im Wert von 55'000 Franken abhanden. Ungewöhnlich war ein Fall, den die Polizei im Oktober 2010 registrierte. Damals stahlen Unbekannte Zifferblätter und vergoldete Zeiger der Turmuhr der Kirche Unterstrass. Ihr Wert: 45'000 Franken. Die Gegenstände waren wegen einer Renovation im Kirchturm deponiert worden.

Auch sonst lassen Kirchendiebe mitlaufen, was sie gerade antreffen, wie ­Judith Hödl sagt: Bibeln, Kinderwagen und Musikinstrumente wurden ebenso schon gestohlen wie Bargeld, Portemonnaies, Handys, Computer oder Bau­material von Kirchenbaustellen.

Bei vielen Kirchen ist das Thema ein «lästiger Dauerbrenner», wie Aschi Rutz, Sprecher der Katholischen Kirche Kanton Zürich, sagt. Eine Kurzumfrage unter den Pfarreien im Kanton zeige zwar, dass es aktuell keine Zunahme der Diebstähle und Einbrüche gebe. Aber immer wieder werde Bargeld aus Opferstöcken, Kerzenkassen oder dem Tresor im Pfarrhaus entwendet.

Die Diebe machten auch vor liturgischen Gegenständen wie Kelchen und Altartüchern nicht halt und liessen Krippenfiguren, Blumen oder Sitzkissen mitlaufen. Auch Betende sollen schon bestohlen worden sein. Der bei den Taten verursachte Sachschaden gehe oft mehr ins Geld als die Deliktssumme, sagt Rutz. Häufig sei der ideelle Verlust für die Gemeinde grösser als der materielle.

Alle Kirchgemeinden und Pfarreien meldeten bei der Umfrage zurück, dass ihre Kirchen tagsüber geöffnet und nachts geschlossen seien. Als Täter werden Süchtige und Kleinkriminelle vermutet, aber auch organisierte Banden, etwa aus Rumänien. Ihr Vorgehen: Sie brechen in Pfarrhäuser ein und machen sich mit Äxten oder Feuerlöschern an Tresoren zu schaffen.

«Schwer nachvollziehbar»

Um an Bargeld zu gelangen, lassen sich die Täter einiges einfallen. So versuchen sie, mit selbst gebastelten Leimruten oder mit Draht und Doppelklebband versehenen Stäben Geld aus Opfer­stöcken zu fischen. So geschehen etwa im März 2013 in Zürich-Seebach, wo die Stadtpolizei die mutmassliche Täterin, eine 24-jährige Serbin, noch am Tatort verhaften konnte.

Zwar gelingt es ab und zu, Kirchendiebe dingfest zu machen. Letztes Jahr etwa waren es kantonsweit sieben Personen, 2015 deren elf. Aber: «In den meisten Fällen bleibt die Täterschaft ­unbekannt», sagt Judith Hödl von der Stadtpolizei. Zwar sei Kirchendiebstahl gemessen an der Zahl der Delikte «kein polizeilicher Brennpunkt». Aber es gebe schon zu denken, dass die Täter sogar in Gotteshäuser stehlen. «Diesen Personen ist gar nichts heilig.» Ähnlich äussert sich Marc Besson von der Kantonspolizei. Dass sich jemand ausgerechnet in einem Gotteshaus bereichert, sei schwer nachvollziehbar. Immerhin gehe es um Geld, das andere Leute gespendet hätten, oder um Allgemeingut.

Skepsis gegenüber Kameras

Die Kirchen reagieren mit Gegenmassnahmen. Laut Sprecher Aschi Rutz gehören dazu eine verstärkte Präsenz, mehr Kontrollgänge oder häufigeres Leeren von Opferstöcken und Kerzenkassen. Weiter verstärken sie Schlösser und Fenstergitter, bewahren Bares nur noch in Tresoren auf oder legen ein Verzeichnis ihrer Wertsachen an.

Einige Kirchen haben auch Alarm­anlagen und einen Notfallknopf direkt zur Polizei installiert oder Bewegungsmelder mit Licht auf ihren Vorplätzen angebracht. Zudem werden Mitarbeitende vermehrt zur Wachsamkeit angehalten und Informationen über verdächtige Vorfälle öfter unter den Kirchgemeinden ausgetauscht.

«Diesen Personen ist gar nichts heilig.»Judith Hödl, Stadtpolizei

Interessant: Laut Sprecher Aschi Rutz meldeten nicht wenige Kirchgemeinden und Pfarreien explizit, dass sie keine Videoüberwachung haben und auch keine in Betracht ziehen. Offenbar spielt hier der Persönlichkeitsschutz eine grosse Rolle. «Man will nicht, dass Kirchgänger gefilmt werden», so Rutz.

Weniger von Kriminellen heimgesucht werden die reformierten Kirchen im Kanton Zürich. Dies hat eine Kurz­umfrage unter den Bezirkskirchenpflegen ergeben, wie Sprecher Nicolas Mori sagt. Er führt dies darauf zurück, dass reformierte Kirchen im Vergleich zu katholischen viel nüchterner ausgestattet und tagsüber vielfach geschlossen sind.

Mori vermutet, dass die Kirchen ­ähnlich häufig wie Schulen, Museen, Bibliotheken von Diebstählen betroffen sind. Mit Blick auf die häufigeren Diebstähle etwa im Detailhandel oder auch auf Baustellen müsse man realistisch sein: «Es wäre illusionär, davon auszugehen, dass ausgerechnet kirchliche Gebäude von Diebstählen ausgenommen sein sollen», sagt Mori.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2017, 06:35 Uhr

Kunstdiebe mit Auftrag

Zunahme in Deutschland

In Deutschland nimmt die Zahl der Diebstähle und Einbrüche in Kirchen zu, wie diverse Medien berichten. Besonders betroffen sind Kirchen im Osten und Norden Deutschlands. Am besten organisiert seien jene Kirchendiebe, die im Auftrag von Sammlern stehlen, zitiert «Die Welt» einen Versicherungsexperten. Die Auftraggeber hätten es auf Kunstschätze oder sakrale Gegenstände abgesehen. Wenn die Täter oder deren Auftraggeber nicht versuchten, diese Gegenstände weiterzuverkaufen, gelinge es nur selten, die Objekte wiederzuerlangen.

Einige Kirchen reagieren, indem sie Kunstschätze in einer Datenbank mit Fotos und Beschreibungen registrieren. Die meisten Kirchendiebe haben es laut dem Bericht allerdings nicht auf bestimmte Gegenstände abgesehen, sondern sind Kleinkriminelle, die wahllos Gegenstände stehlen oder den Opferstock plündern. Oft seien sie drogenabhängig und wollten sich auf diese Weise die Sucht finanzieren. Ein spezieller Fall von Kirchendiebstahl wurde letztes Jahr in Leipzig bekannt. Dort versuchten Metalldiebe, eine aus der Probsteikirche gestohlene Kirchenglocke bei einem Schrotthändler zu verkaufen. Glockendiebstähle sorgten 2010 auch in der Schweiz für Aufsehen. Damals stahlen Unbekannte bei Disentis GR gleich aus vier Kapellen Glocken und Orgelpfeifen. (mth)

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