Nur nicht hinschauen

Ein Mann hört nicht auf, Sexfilme von ihr auf Pornosites zu laden: Wie eine 26-jährige Winterthurerin ihrem schlimmsten Albtraum zu entkommen versucht.

Eine der Gefahren der digitalen Welt: Selbst intimste Momente des Lebens bleiben nicht immer zwingend privat. Foto: Gamma, Getty Images (Symbolbild)

Eine der Gefahren der digitalen Welt: Selbst intimste Momente des Lebens bleiben nicht immer zwingend privat. Foto: Gamma, Getty Images (Symbolbild)

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Milas* Handy leuchtet auf. Eine SMS von ihrer Freundin: «Ruf dringend zurück.» Mila hat Spätdienst, sie wählt die Nummer trotzdem. «Hast du wieder Kontakt mit Michael*?», fragt ihre Freundin. «Nein», sagt Mila.

«Ein Bekannter von mir hat komische Videos von euch im Internet gefunden.»

Und dann bricht Milas Welt zusammen. Sie schaut sich die Videos an, von denen sie die Bilder bis heute in Flashbacks verfolgen werden. Sie wird versuchen, sie loszuwerden, indem sie sich ihren eigenen Kopf an die Wand schlägt.

Es sind Videos, von denen sie nicht wusste, dass sie existierten. Sie zeigen sie im Alter von 15, 16, 17 Jahren beim Geschlechtsverkehr mit Michael. Er filmte heimlich. Über zehnmal.

Mila geht an diesem Abend im April 2016 um 22 Uhr nach Hause. Sie hat Angst vor allem, was jetzt kommt. Sie fühlt sich schmutzig, will duschen, schämt sich. Sie ruft ihre Mutter an, dann ihren neuen Freund. Hilflos beobachtet sie, wie die Klicks auf dem Video anwachsen, 124 Views, 503 Views, 2207 Views. Am nächsten Tag erstattet Mila Anzeige. Doch der Albtraum wird noch monatelang andauern.

Nackt im Verhörraum

Mit ihrer Therapeutin entwickelt Mila später ein Bild von dem Gefühl, das sie von jetzt an heimsucht: Sie sitzt nackt in einem Verhörraum, ihre Hände sind auf dem Rücken gefesselt. Die Fenster sind von innen verspiegelt. Mila sieht darin sich selber, doch sie weiss nicht, ob von aussen eine Person hineinschaut. Oder zwei Personen. Oder 5000.

Die 26-jährige Frau – sanfte Stimme, Lidstrich, Nike Airs – sitzt nun auf einer Parkbank in Winterthur, als sie rekapituliert, was im Frühling 2016 mit ihrem Leben passiert ist. Beim Sprechen schaut sie ihren Händen zu, die mit einer halb leeren Wasserflasche spielen. Und dann hebt Mila plötzlich ihre Augen und ihr Blick ist glasklar: «Er hat vielleicht versucht, mein Leben zu zerstören, aber er hat es nicht geschafft», sagt sie.

Fast sechs Jahre nach dem Beziehungsende beginnt er, die Videos auf alle möglichen Plattformen zu laden: Youporn, Pornhub, Xhamster, Redtube. Er bewirbt sie mit Milas Namen und Sprüchen, die auf den Plattformen trendig sind: «slutty teen», «young milf riding», «Mila pounded like a hoe». Zwei Monate später wird er verhaftet. Die Polizei beschlagnahmt das Material. Als Michael nach kurzer Haft wieder rauskommt, lädt er sich die Videos wieder runter und macht weiter. Er erstellt ein Xing-Profil in Milas Namen mit Bildern und Videos. Unter der Rubrik «Ich biete» beschreibt er sexuelle Angebote.

Sie will ihren Namen nicht mehr

Googelte man ihren Namen zu dieser Zeit, erscheinen ausschliesslich Links zu Pornoplattformen. Mila überlegt, ihren Namen zu wechseln. Ein Freund hilft ihr, die Sachen zu löschen. Er sucht neue Videos, findet zwischen April 2016 und Sommer 2017 immer wieder welche. Er informiert Mila. Mila informiert die Polizei. Die Polizei ermittelt. Wochen vergehen bis sie grünes Licht zur Löschung gibt. Milas Kollege beantragt die Löschung, die Plattformen reagieren mal schnell, mal sehr langsam. Dazwischen vergehen Wochen.

Auf Facebook erhält Mila Nachrichten von fremden Männern. Im Bus hat sie das Gefühl, alle Männer würden sie anstarren. Wenn jemand mit einem Smartphone mit Kamera in der Hand auf sie zukommt, zuckt sie zusammen. Mila müsste sich nach ihrem Bachelor­abschluss auf Jobs bewerben, doch die Links unter ihrer Google-Suche lassen das nicht zu. Als sie doch eine Arbeit findet, schafft sie Transparenz. Ihre Chefinnen reagieren mit Unverständnis. Nicht nur, aber auch deswegen kündigt sie bald darauf. Ihre Mutter ist an ihrer Seite, die Männer in ihrem Umfeld können schlechter mit der Sache umgehen.

Mila kämpft gegen die Bilder in ihrem Kopf: Sie, als 16-Jährige, mit diesem Typen, den sie bereits vergessen hatte. Das erste Mal seit Jahren sieht sie ihn vor Gericht wieder. Das war vor zwei Wochen.

«Warum haben Sie das Material ­behalten?», fragt ihn die Richterin.

«Damit ich es noch mal anschauen kann», sagt Michael, ein bleicher, schlaksiger 30-Jähriger mit Hornbrille.

«Warum haben sie es heimlich gemacht?»

«Weil sie nicht einverstanden gewesen wäre.»

«Können Sie beschreiben, wie es für sie gewesen sein muss, als sie die Videos entdeckte?»

«Sicher nicht schön. Man fühlt sich wohl nicht so gut.»

«Warum haben sie es dann gemacht?»

«Um zu schauen, wie die Leute auf die Videos reagieren.»

«Warum haben Sie Profile in ihrem Namen erstellt?»

«Das weiss ich nicht mehr.»

«Warum haben Sie ihren eigenen ­Namen nicht auch publiziert?»

«Das weiss ich nicht.»

Von den Bänken hinter ihm hört man Schluchzen. Michael hatte von zwei weiteren Frauen heimliche Aufnahmen gemacht und ins Internet gestellt. Eine hat er begrapscht, als sie unter Alkoholeinfluss tief und fest schlief. Eine Erklärung bleibt er ihnen schuldig: «Es ging mir schlecht zu dieser Zeit. Ich hatte Probleme im Job und habe viel gekifft.» Er sei nun in Therapie. Michael wird in fast allen Anklagepunkten schuldig ­gesprochen: Schändung, mehrfache Verleumdung, mehrfache Verletzung des Geheim- oder Privatbereichs durch Aufnahme­geräte, mehrfaches Inverkehrbringen von Abhör-, Ton und Bildaufnahmegeräten.

Gefängnisstrafe für Täter

Das Winterthurer Bezirksgericht bestraft ihn mit 26 Monaten Gefängnis, wovon er sechs abzusitzen hat. Der Staatsanwalt zeigt sich zufrieden über das Urteil und hofft auf präjudizierende Wirkung. Ob Michael und sein Verteidiger das Urteil weiterziehen wollen, ist noch offen. Vor Gericht sagt er, dass es ihm sehr leidtue. Ob ihm die Opfer glauben?

Trotz allen Löschungsversuchen muss Mila damit leben, dass ein Teil des Materials vielleicht für immer irgendwo im Internet vorhanden sein wird. Sie hat sich zurück ins Leben gekämpft. «Aber Verzeihen?» – «Verzeihen werde ich ihm nie.»

* Name aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.05.2018, 21:52 Uhr

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einer Beratungsstelle in Verbindung zu setzen. Die Weiterverbreitung der Inhalte kann so schneller verhindert werden. (rar)

Beratungsstelle Frauen-Nottelefon Winterthur: 052 213 61 61 (www.frauennottelefon.ch)

24-Stunden-Hotline 147 der Pro Juventute
per Telefon, SMS und Chat (www.147.ch)

Die Dargebotene Hand: anonyme Beratung per Telefon unter 143, Mail oder Chat (www.143.ch)

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