B wie Bier, Brezn und Bezirzen

Die Oktoberfest-Saison in und um Zürich hat begonnen. Höchste Zeit für ein kleines Glossar zum Gaudi.

Hoch gehts her! Am Oktoberfest steht die Menschheit manchmal kopf.

Hoch gehts her! Am Oktoberfest steht die Menschheit manchmal kopf. Bild: Keystone

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Gewisse Trends erreichen Zürich erst mit einigen Tagen Verspätung: Die Wiesn-Tage in München sind zu Ende – auf dem Bauschänzli dagegen, unserem Kleinmünchen, wurde eben erst gerade Anstich gefeiert. Ob Sie hingehen oder nicht: Dank unserem Glossar können Sie auf jeden Fall mitreden.

Wie viele Herzen werden an einem Oktoberfest verschenkt? Wie viele gebrochen?

A wie Anmache

Trägt die Frau die Schleife der Dirndl-Schürze (siehe auch D wie Dirndl) rechts, ist sie vergeben. Trägt sie die Masche links, kann Mann es ja mal versuchen. Ist die Schleife hinten mittig gebunden, ist die Trägerin Witwe oder Wiesn-Bedienung.

B wie Bier, Brezn und Bedienung

Am besten alle drei als Direktimport aus Bayern. Aber: Auf dem Bauschänzli wird Haldengut-Oktoberfest-Bier ausgeschenkt.

C wie Cervelat-Prominenz

Ohne kein Oktoberfest. Gehört in München genauso dazu wie in Zürich. Wer, wer, wer?

D wie Dirndl

Traditionelles Trachtenkleid, das Frauen auf der Wiesn tragen (siehe A wie Anmache). Es gilt: Entweder richtig oder nicht. Keine Landhausmode, bitte (siehe auch L wie Lederhose). Dirndls gibts neuerdings sogar bei Jelmoli, Manor usw.

E wie Exen, den Masskrug

Also das Bier in einem Schnurz in sich reinschütten. Erstens völlig verpönt und führt zweitens bei reger Wiederholung zu Pizza (siehe P).

F wie Frühschoppen

Was Rocco Siffredi im Pornofilm, ist der Frühschoppen beim Oktoberfest: Nur etwas für Fortgeschrittene! Bier auf nüchternen Sonntagsmorgenmagen, dazu (O-Ton Bauschänzli-Programm) «jede Menge Musi & Gaudi mit der Band Bayern 3000 inklusive!». Bei Newcomern (siehe G) kann ein solches Erlebnis glatt zum Kulturschock führen (siehe Sch).

G wie Grünschnobl

Dieser von der 1970er-Jahre-TV-Serie «Kung Fu» (wo der unerfahrene Shaolin-Mönch Kwai Chang Caine von seinem Meister «Grünschnabel» genannt wurde) ins Bayerische übertragene Begriff beschreibt Personen, die zum ersten Mal an einem Oktoberfest teilnehmen. Sie sind verhaltensauffällig, weil sie – anders als geübte Festbesucher – noch an gewissen zivilisatorischen Errungenschaften festhalten: Sie entschuldigen sich, wenn sie dem Tischnachbarn wegen Betrunkenheit Bier über die Hose schütten oder Senf ins Haar schmieren, sie wissen den Rülpsreiz wie auch den Drang zum Erzählen von sexistischen Schenkelklopferwitzen zu unterdrücken, sie stellen das Biertrinken ein, solange sie noch gehen oder wenigstens stehen können. Handkehrum sind sie es, die jedem gequetschten Spenzerl (siehe Q) in den Ausschnitt glotzen (worauf sie von Habitués mit dem Spruch «Hey, bisch uf em Gaff?» zurechtgewiesen werden).

H wie Hit

Auf der Münchner Wiesn gibt es jedes Jahr einen Wiesnhit. Der schwappt mit der Band auch ins oktoberfestende Umland, sprich bis aufs Bauschänzli. Das geht von Udo Jürgens («Griechischer Wein») über Robbie Williams («Angels») bis zu Gabaliers unvermeidlichen «Odiodiodiodi-Eh» und «Cordula Grün». Aber aufgepasst: Wenn aus den Lautsprechern plötzlich Lieder wie «Pisse» von Schnipo Schranke oder «Like Mich am Arsch» von Deichkind dröhnen, sind Sie mit grosser Wahrscheinlichkeit in einer Punk-Party gelandet – also da, wo wahre Oktoberfest-Werte teils buchstäblich mit Füssen getreten werden.

I wie illiams illisau

Und, den Fehler bemerkt? Falls nicht, würden wir (zumindest für heute) von einem Besuch des Oktoberfests abraten. Machen Sie stattdessen zur Ausnüchterung einen Spaziergang in der Allmend Brunau, danach trinken Sie einen Kräutertee, und dann ab in die Heia. (Lösung: Das Getränk auf der Bauschänzli-Karte heisst natürlich Williams Willisau, 2 cl kosten 6 Franken.)

J wie Jeunesse dorée

Wenn Sie im Bierzelt plötzlich Fendi- und Gucci-Täschli, Tommy-Hilfiger- und Hugo-Boss-Jäggli und andere Hinweise auf neureiche Kids bemerken und denken «No way, José», müssen wir Ihnen mitteilen: Leider moll, auch die Jeunesse dorée vom Zürichberg hat das Oktoberfest für sich entdeckt. Denn da kann sie hemmungslos all das tun, was der Jetset-Knigge an ihren schicken Partys untersagt.

K wie Komatrinken

Das ist selbst beim Original im München absolut verpönt, die Faustregel da gilt: Höchstens so viel, dass man am Tag danach noch weiss, wo man am Abend davor war.

L wie Lederhosn

Bis vor einigen Jahren in Zürich seltener als ein ausgebüxter Knie-Elefant. Mittlerweile Standardausrüstung. Wir finden: Lederhosn ja. Aber bitte nicht aus dem Versandhandel.

Bier her! Hier wird mit grossen Gefässen gebechert. Foto: iStock

M wie Mass

Die oktoberfesttypische Biereinheit entspricht 1,069 Litern.

N wie Nihilismus

Das hier war im September 2016 im Feuilleton der FAZ in einer Oktoberfestvorschau zu lesen: «Wenn wir nicht mehr ausgehen, heisst es, tun wir, was die Terroristen wollen. Sie wollen uns den Spass verderben, wollen, dass wir die Gardinen zuziehen und an der modernen Gesellschaft verzweifeln. Stimmt das? Kalkulieren die Terrorplaner mit Sickereffekten der Kulturkritik? Wollen sie uns mit dem Weltschmerz infizieren, der ihnen von der älteren, ideengeschichtlichen Terrorforschung zugeschrieben wird? Und wenn wir ihnen die Botschaft schicken, dass wir den Festkulturpessimismus als politische Gefahr durchschaut haben, werden sie dann einsehen, dass der Nihilismus sinnlos ist?»

O wie Obazda

Eigentlich natürlich O wie «O'zapft is», wie der Münchner Oberbürgermeister nach dem Anstich des ersten Fasses zu sagen pflegt. Doch weil man zwischendurch auch mal was essen muss, machen wir eben nun O wie Obazda (teils auch Obatzda oder Obatzter genannt). Das ist ein pikantes bayrisches Käsegericht, das sich auch hervorragend für die Pizza (siehe P) eignet.

P wie Pizza

Im Gegensatz zum Obazda (siehe O), den man durch den Mund aufnimmt, gibt man die Oktoberfest-Pizza durch den Mund aus, und dies meist irgendwo auf dem Nachhauseweg (oder, das ist dann etwas unangenehm, auf der Uber-Fahrt). Konsistenz und Garnitur der Pizza hängen sehr direkt damit zusammen, wie viel Gerstensaft man in all den Bierzeltstunden getrunken und welche Speisen man dabei zu sich genommen hat. Mehr als eine Pizza pro Oktoberfest-Abend sollte es vernünftigerweise nicht sein, doch es soll Leute geben, die schaffen angeblich locker drei bis vier.

Q wie Quetschen

Kein Bierzelt sagt Nein zu einem satt sitzenden Spenzerl (das ist das Oberteil des Dirndls). Aber: Quetschen ist unwürdig.

R wie Raute

Oder Rhombus? Reden- äh, jedenfalls: Ohne das blau-weisse Rautenmuster des bayerischen Staatswappens gehts nicht. Details zum Eindruckschinden bei der Anmache (siehe A): Die Grundform der traditionellen Rautenflagge enthält mindestens 21 Rauten, wobei die von den Rändern angeschnittenen Rauten mitgezählt werden. In jedem Fall ist aber die rechte obere Ecke des Flaggentuchs für eine angeschnittene weisse Raute bestimmt. Dies wurde durch die Verwaltungsanordnung vom 16. Februar 1971 bestätigt.

S wie Stabbieseln

Gerüchten zufolge soll es Männer geben, denen der Weg aufs WC zu weit ist. Ein Stock als Flüssigkeitsableiter tuts angeblich auch. Funktioniert olfaktorisch besser, wenn der Boden mit Sägemehl bestreut ist.

Mass, voll, kippen, nicht massvoll kippen. Foto: Reuters

Sch wie (Kultur-)Schock

Gerade Oktoberfest-Newcomer (siehe auch G) werden häufig zu Opfern eines Kulturschocks, da sie das abartige Erlebnis im Festzelt nicht in der vom Hirn vorgesehenen Frist erfassen und verarbeiten können. Geprägt wurde der Begriff 1960 von Kalervo Oberg, einem amerikanischen Anthropologen finnischer Abstammung. Wer nicht sicher ist, ob er einen solchen Kulturschock durchmacht, kann das anhand dieser sechs typischen, von Oberg beschriebenen Phasen verifizieren. 1. Euphorie. 2. Desorientierung. 3. Krise. 4. Lernen am Unterschied. 5. Akkulturation. 6. Bikulturelle Kompetenz.

T wie Trinkspruch

Es gibt solche: «Ein Proooosit, ein Proooosit, ein Prooo-ooooo-siiiiiit auf die Gemüt-lich-keit!». Und solche: «Zur Mitte, zur Titte, zum Sack. Zack-zack!» In der Regel gilt: Je später die Stunde, desto tumber die Trinksprüche.

U wie unterschätzt

Die einen sagen: Das Oktoberfest wird als Hort der Kultur unterschätzt. Die anderen sagen: Die Gefahr, die vom Oktoberfest ausgeht (Stichwort: anfixen), wird unterschätzt.

V wie Vernunft

Hat in diesem Alphabet nichts zu suchen!

W wie Wiederholung

Immer wieder Oktoberfest. Auf dem Bauschänzli zum Beispiel zum 24. Mal.

X wie XXX (sprich Zensur)

Bilder und Videos, die nach 21 Uhr gemacht wurden, keinesfalls in der Weltgeschichte herumschicken, man könnte dadurch Job, Beziehung, Freundschaften und vieles mehr gefährden. Es gibt zwar inzwischen Smartphone-Funktionen, die als eine Art technische «Zensurbehörde» helfen sollen, solche Dramen zu verhindern, doch allzu verlässlich ist das nicht. Darum: Zuwarten, bis man wieder nüchtern ist, und wenn man das Filmli oder Föteli dann noch immer sauglatt findet, ab damit.

Y wie Yoda

Der sicherste Weg, um herauszufinden, ob man bereits betrunken oder noch nüchtern ist: Man bläst ins Alkoholmessgerät des Stadtpolizisten, der einen bei einer Strassenkontrolle blöderweise herausgewunken hat. Weniger zuverlässig, aber weitaus lustiger ist diese von uns empfohlene Präventivmethode: Man versuche, fehlerfrei einen Schachtelsatz in der Umkehr-Sprechweise von «Star Wars»-Figur Master Yoda («Viel zu lernen du noch hast») zu artikulieren.

Z wie Zwingli

Sein berühmter Geist – bieder, freudlos, moralisch, prüde, sittenstreng, stier, züchtig usw. – hat am Oktoberfest Hausverbot. Wer eher Unterhaltung in diese Richtung sucht, sollte definitiv keinen Fuss aufs Bauschänzli setzen. (ish/aho/thw/ebi/bra)

Erstellt: 11.10.2019, 11:50 Uhr

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