Ohne Biss

Züri-Saldo 2016: Ein Schmetterling trotzte dem Zürichberg, ein unbefangener Stadtrat war plötzlich befangen, und ein Kunstfestival kam in der Stadt nie an.

Ein Monolith fürs Getreide und ein Ärger für Wipkingen: Das Swissmill-Silo, zweihöchstes Gebäude der Stadt, seit April unverkleidet. Foto: Reto Oeschger

Ein Monolith fürs Getreide und ein Ärger für Wipkingen: Das Swissmill-Silo, zweihöchstes Gebäude der Stadt, seit April unverkleidet. Foto: Reto Oeschger

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Hat 2016 Zürich weitergebracht? Wissen, Wohlstand und Glück gemehrt? Mehr Haben als Soll? In Sachen Beton war es ein gutes Jahr. Der Swissmill-Silo steht mit 118 fast fensterlosen Metern stumm an der Limmat, für Wipkingen ein Turm des Schreckens und des Schattens, für entfernt Wohnende ein Monument der Müllerei, eine kühne Variante des Bautyps Hochhaus, der grobe Bruder des Prime Tower. Gestylten Beton zeigt der Neubau des Landesmuseums, der am 1. August eröffnet worden ist. Mit seiner Wucht und dem dramatischen Schlund macht er zwischendurch sogar vergessen, dass er der Stadt den Blick aufs Märchenschloss geraubt hat.


Dem Stein in der klassischen Art wird seit Juni auf dem Münsterhof gehuldigt, wo die Parkplätze vertrieben wurden und die Pflastersteine jetzt sich selber sein können. Seither stellt der Platz allen Passanten die Frage: Wie hast dus mit der Leere? Hältst du sie aus? Oder kannst du den Platz nur queren mit dem Blick aufs Handy?


Wer in Zürich «leer» hört, denkt automatisch an die Stadtkasse. Riesige Defizite stellt der Finanzplan seit langem in Aussicht, stets macht die SVP auf Uriella und prophezeit Ruin und Verderben. Doch jedes Jahr kommt es gut; die Rechnung 2016 schliesst mit einem Gewinn von 175 Millionen Franken, was Finanzvorsteher Daniel Leupi von den Grünen eine so beseelte Miene verleiht, als ob ihm im Traum Dagobert Duck erschienen wäre. Jedenfalls sieht er viel zufriedener aus als zu Beginn der Legislatur, als ihn der Stadtrat von seiner geliebten Polizei in die Finanzen versetzte.


Etwas Seltsames muss in dieser Stadtpolizei sein, etwas, das Parksünder und ertappte Kiffer nicht wahrnehmen. Denn nach den Grünen waren auch die Linksalternativen ganz wild darauf, das Polizeidepartement zu führen – noch wilder, seit es zum Sicherheitsdepartement befördert worden ist. Auch wenn die AL jeden Polizeieinsatz gegen Hooligans und Demonstranten mit einem politischen Vorstoss geisselt, ihr Stadtrat Richard Wolff – Wahlkampfname «mit Biss» – wollte nach seiner Wiederwahl partout in diesem Amt bleiben. Bloss hat er dann im Herbst jeden Biss verloren, als sich die Lärmklagen um das besetzte Koch-Areal häuften und den Bürgerlichen einen Politschlager schenkten. Seit seiner überraschenden Wahl im Jahr 2013 wischte Wolff die oft gestellte Frage, ob seine Söhne zu den Hausbesetzern gehören, immer wie eine lästige Fliege weg.

Dann, mit einem Mal, am 28. Oktober, die 180-Grad-Wende: Wolff bekannte sich als befangen und musste das Geschäft «Koch-Areal» abgeben. Das ist eine Blamage, wie sie im Zürcher Stadthaus selten vorkommt und den beissgehemmten Wolff zum Absteiger des Jahres 2016 macht. Oder zumindest Co-Absteiger, denn der FC Zürich spielt ja in der laufenden Saison nicht mehr in der ersten Liga.


Der Aufsteiger 2016 ist das Gewöhnliche Widderchen, ein kleiner Schmetterling, der wegen seiner roten Punkte auf den Flügeln auch «Blutströpfchen» heisst. Es steht in der Schweiz vor dem Aussterben, lebt aber am Kirchenhügel von Fluntern in aussergewöhnlich grosser Population. Die Naturschützer sind begeistert, der Quartierverein Fluntern ist konsterniert, denn er will die steile Wiese zum Rebberg umbauen. In seltener Harmonie unterstützte der Gemeinderat das Vorhaben, doch das Baurekursgericht gab dem Widderchen den Vorzug: gesetzlicher Naturschutz vor Züriberger Klevner.


Womit wir beim grossen Rausch von 2016 wären – der Manifesta. Genauer gesagt, war dieses internationale Kunstfestival ein vorgängiger Fantasierausch, ein Präsuff. Phänomenales wurde uns von Stadtpräsidentin Corine Mauch in Aussicht gestellt, renommierte Künstler aus aller Welt würden sich mit Zürich auseinandersetzen und uns einen Spiegel vorhalten, die Manifesta werde Stadtgespräch sein und Zürich in den Kunsttaumel versetzen. Doch ohne das Floss mit seiner Bar hätte ausserhalb der Kunstszene niemand die Manifesta bemerkt; zu verteilt übers Stadtgebiet, zu unscheinbar, zu wenig Zürich-bezogen waren die Werke.

Einzig die 80 Tonnen getrockneter Klärschlamm, die Zürichs gesammelte Notdurft aus einem Tag vor Augen und Nasen führten, sorgten für allgemeines Erstaunen und für einen empörten Vorstoss der SVP. Was zur Folgerung führt: Wenn ein Kunstwerk die SVP nicht provoziert, ist es zu brav. Weitere Kulturerfahrungen dieses Jahres: Wer mit Köppel spielt wie das Neumarkt-Theater, kriegt eine Subventionskürzung vom Kanton. Und wer den McDonald’s als Nachbarn vertreibt, wie das Schauspielhaus, erhält halt den Spar.


Ein weiterer Discounter konnte 2016 in Zürich triumphieren: Lidl zieht in die Fraumünsterpost ein. In den Räumen der einst ehrwürdigsten Postfiliale in direkter Nachbarschaft zum Stadthaus, in diesem Renaissancepalais von 1898, werden künftig Streichwürste und Dessous verkauft. Noch haben die Altstadtbewohner und -bewohnerinnen den Schock nicht verdaut.


Die Rütihof-Bewohner in Höngg dagegen schweben im Hoch, denn sie haben nach jahrelangem Kampf mithilfe des Bundesgerichts den Ringling besiegt, in ihren Augen ein Monster, das sich als Wohngenossenschafter verkleidet hat. Wird dereinst auch das Hardturmquartier jubilieren? Dort möchte sich der Stadtrat ein Fussballstadion und eine Genossenschaftssiedlung schenken lassen zum Preis zweier Hochhäuser der Credit Suisse. Die Pläne und Investoren wurden im Juli vorgestellt; die Reaktionen waren vielsagend verhalten. Anders als die Fussballfans haben jene vom Eishockey mehr Anlass zur Vorfreude: Am 25. September sagten die Stimmberechtigten klar Ja zur neuen ZSC-Lions-Arena in Altstetten – und damit Nein zu den Schrebergärten.


Das Eisstadion soll, obwohl in Bahnhofnähe, auch mit dem Tram erschlossen werden. Doch mit welchen Trams? Die VBZ fahren auf dem letzten Rad; im Mai wollten sie 70 neue Fahrzeuge des Herstellers Bombardier kaufen, doch die unterlegenen Anbieter Siemens und Stadler rekurrierten gegen die Vergabe und deckten das Verwaltungsgericht mit so viel Ordnern ein, dass die Richter bisher nicht aus diesem Haufen herausgefunden haben. Wenn das noch lange so weitergeht, werden die VBZ-Trams an der Haltestelle Siemens in Albisrieden nicht mehr halten.


Fazit? Klüger sind wir nicht geworden, weiser schon gar nicht, aber wir werden immer mehr. 495’000 Einwohner sind es 2030, hat die Statistik dieses Jahr errechnet. Welch Graus für die übrige Schweiz: eine halbe Million Zürcher!

Erstellt: 30.12.2016, 20:32 Uhr

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