Was ein zumutbarer Schulweg ist

Wenn die Schule am Montag startet, sind auch die Eltern gefordert. Sie tragen die Verantwortung für den Schulweg ihrer Kinder. Allerdings nur, wenn dieser zumutbar ist. Doch dieser Begriff ist ein Streitpunkt.

Ist dieser Weg zumutbar? Ein Kind auf dem Weg zur Schule.

Ist dieser Weg zumutbar? Ein Kind auf dem Weg zur Schule. Bild: Keystone

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Am kommenden Montag ist es so weit: Rund 23'000 Kinder im Kanton Zürich werden sich zum ersten Mal auf den Weg zur Schule machen. Eine aufregende neue Erfahrung. Auch für die Eltern. Denn gemäss Zürcher Volksschulgesetz sind sie verantwortlich für das korrekte Verhalten ihrer Kinder auf dem Schulweg oder entscheiden beispielsweise darüber, ob es zu Fuss oder mit dem Fahrrad dorthin gelangen soll.

Im Kanton Zürich sind Kinder bereits schulpflichtig, die bis zum 30. April eines Jahres das 4. Altersjahr erreicht haben. Der Stichtag für die Einschulung wird in den kommenden sechs Jahren sogar auf den 31. Juli angehoben. Gerade die Kleinsten sind im Umgang mit dem Strassenverkehr meist noch ungeübt, was deren Eltern dazu veranlasst, die Kinder täglich bis zum Kindergarten oder zur Schule zu bringen und von dort wieder abzuholen.

Eltern nur für «zumutbare Schulwege» verantwortlich

Der Fachverband der Fussgänger, Fussverkehr Schweiz, will nun die öffentliche Hand stärker in die Pflicht nehmen. «Die Aussage von Schulbehörden, wonach der Schulweg alleinige Sache der Eltern sei, ist falsch. Diese sind nur dann verantwortlich, wenn der Schulweg objektiv zumutbar ist», hält der Verband in der Publikation «Der zumutbare Schulweg – Das Recht auf Bildung beginnt an der Haustüre» fest.

Doch gerade die Zumutbarkeit eines Schulwegs gibt Anlass zu Diskussionen. Die Ansichten darüber, was zumutbar ist und was nicht, klaffen auseinander. Auch Fussverkehr Schweiz bezeichnet den Begriff als «unbestimmt» und «auslegungsbedürftig». In seiner Publikation sind Erkenntnisse aus bisherigen Gerichtsentscheiden rund um die Thematik zusammengefasst (siehe Box). Massgeblich für die Beurteilung in der Rechtsprechung sind der Schüler selbst und sein persönlicher Entwicklungsstand, die Art und die Gefährlichkeit des Schulwegs. Allgemeingültige Regeln sind gesetzlich aber nicht festgehalten.

Rekurse sind möglich

So sucht man auch im kantonalen Volksschulgesetz vergeblich nach Angaben, welche Schulweglänge denn nun zumutbar ist. «Es gibt keine Normen an, um den Gemeinden einen gewissen Handlungsspielraum zu ermöglichen», sagt Urs Meier, stellvertretender Amtschef des Zürcher Volksschulamtes. «In einer Stadt wie Zürich kann beispielsweise ein Schulweg von einem Kilometer nicht zumutbar sein, weil das Kind dabei stark frequentierte Strassen überqueren muss. Auf dem Land wiederum können auch längere Schulwege zumutbar sein, weil sie nur über Feldwege und durch Quartiere führen.»

Meier weist darauf hin, dass im Vorfeld der Einschulung in den meisten Gemeinden Elternabende stattfinden, an denen auch das Thema Verkehrssicherheit erörtert wird. «An solchen Anlässen können allfällige Bedenken bereits eingebracht werden.» Sind Eltern mit dem Entscheid einer Schulzuteilung nicht einverstanden, weil der Weg dorthin zu weit oder zu gefährlich ist, haben sie die Möglichkeit, dagegen bei der örtlichen Schulpflege ein Gesuch um Umteilung zu stellen oder Massnahmen zu fordern. «Wir haben pro Jahr bis zu 50 Anfragen, was die Schulwege anbelangt», sagt Meier. «In der Regel kann man sich auf eine Lösung einigen. Ist das nicht der Fall, kann ein Rekurs an den Bezirksrat eingereicht werden.»

Faustregeln statt Gesetze

Grundsätzlich sollten die Kinder nach einer gewissen Zeit in der Lage sein, allein in die Schule zu gelangen. «Wir haben die Faustregel, dass für Kindergartenkinder ein Schulweg von 1 bis 1,2 Kilometern zumutbar ist. Diesen sollten sie nach einer Eingewöhnungszeit von zwei bis drei Monaten allein zurücklegen können», sagt Meier.

Ist das auch nach diesem Zeitraum nicht möglich, müssen die Gemeinden laut Meier geeignete Massnahmen ergreifen. Dazu gehören beispielsweise der Transport der Kinder mit einem Schulbus, die Übernahme von Abonnementskosten bei Benutzung des öffentlichen Verkehrs, ein Begleitdienst, das Einrichten von Lotsendiensten oder Fussgängerüberführungen bei gefährlichen Strassen. «Eltern können in einem solchen Fall nicht verpflichtet werden, sich an Massnahmen zur Sicherung des Schulwegs zu beteiligen.»

«Schulbusse sind keine Option»

Für Marco Hüttenmoser, Verkehrsexperte und Mitglied von Fussverkehr Schweiz, sind Schulbusse keine Option – oder höchstens in Bergregionen mit langen Schulwegen. «Für die Entwicklung der Kinder ist das Zurücklegen des Schulwegs zu Fuss nicht nur punkto Bewegung sehr wertvoll. Es ist auch eine Möglichkeit, mit anderen Kindern in Kontakt zu treten und eigene Erfahrungen zu sammeln», sagt er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Ein langer Schulweg von 2 bis 3 Kilometern könne durchaus spannend und bereichernd sein, wenn er gemeinsam mit anderen Kindern zurückgelegt werden könne «und solange die Kinder zum Mittagessen nicht nach Hause müssen».

Die Kinder lernen nicht nur in der Schule, sondern auch auf dem Schulweg. «Das darf nicht verloren gehen. Aus diesem Grund lehne ich auch Elterntaxis ab. Trotzdem verurteile ich die Art und Weise, wie Eltern gemobbt werden, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren. Vor allem bei fehlender Verkehrssicherheit sind sie dazu gezwungen.»

Tempo 30 im Quartier, Tempo 20 vor dem Kindergarten

Er fordert Massnahmen, die die Verkehrssicherheit für Kinder nachhaltig und langfristig verbessern. So soll in Wohnquartieren generell Tempo 30 gelten – und regelmässig entsprechende Verkehrskontrollen durchgeführt werden. «Das ist vor allem auf dem Land kaum der Fall. Dort sind die Verhältnisse oft noch gefährlicher als in der Stadt.» In der Umgebung von Kindergärten und Grundstufen verlangt Hüttenmoser sogar eine Reduktion auf Tempo 20. «Der Vortritt für Kinder soll dort überall Pflicht sein, damit sie nicht dauernd auf den Verkehr achten müssen, sobald sie vor die Türe treten.»

Ein Netz aus sicheren Strassenquerungen und Zebrastreifen mit Inseln sei ebenfalls entscheidend für die Schulwegsicherheit. «Wir fordern, dass auf Schulwegen Temporeduktionen bei schlecht sichtbaren Fussgängerstreifen eingerichtet werden, um die Übergänge sicherer zu gestalten. Kinder müssen die Sicherheit im Verkehrsverhalten erst gewinnen. Dazu muss der Verkehr langsamer sein.»

Hüttenmoser nimmt auch die Eltern in die Pflicht. Sie sollten schon zweijährige Kinder auf den Verkehrsalltag vorbereiten und nicht erst kurz vor Schulbeginn damit beginnen. «Das lässt sich gut im Alltag machen, indem man beispielsweise den Weg zum Laden oder zur Post zu Fuss mit dem Kind geht.» Die Möglichkeiten der Eltern seien allerdings beschränkt. «Sie können ihre Kinder zwar frühzeitig auf die Gefahren im Verkehr aufmerksam machen, ihnen die richtige Kleidung mit Reflektoren anziehen, sie frühzeitig auf den Schulweg schicken und anfänglich kurze Zeit begleiten. Aber den Verkehr können sie nicht ändern. Hier liegt die Hauptverantwortung beim Kanton und den Gemeinden.»

Erstellt: 13.08.2014, 13:05 Uhr

Zumutbarkeit von Schulwegen: Bisherige Gerichtsentscheide


  • Die Überquerung einer stark befahrenen Strasse kann Kindergartenkindern nicht zugemutet werden. Auch dann nicht, wenn ein Fussgängerstreifen mit Mittelinsel vorhanden ist. (Entscheid des Bildungs- und Kulturdepartements des Kantons Luzern vom 23. Januar 2012)

  • Einem Kindergartenschüler ist das Überqueren einer Kantonsstrasse, die täglich von 9900 Fahrzeugen befahren wird, auf einem nicht idealen (unübersichtlichen) Fussgängerstreifen nicht zumutbar. (Entscheid des Erziehungs- und Kulturdepartements Luzern vom 11. August 1998)

  • Die Überquerung einer täglich von mehr als 10'000 Fahrzeugen befahrenen Kantonsstrasse ist trotz Ampelanlage einem Kind im Kindergartenalter nicht zuzumuten. (Erziehungsrat Aargau, 21.1.1994)

  • Die Überquerung einer durch Lichtsignale gesicherten Strasse ist nach Meinung des Erziehungsdepartements auch von Kindern im Kindergartenalter zu bewältigen. (Erziehungsdepartement Basel, 30.7.1998)

  • Ein Schulweg von 1,2 Kilometern entlang einer Kantonsstrasse – weitgehend ohne Trottoir, mit geringem Verkehrsaufkommen, aber regelmässigem Schwerverkehr – kann Kindern im Kindergartenalter ohne Begleitung nicht zugemutet werden. (Erziehungsdepartement Graubünden, 29.1.1997)

  • Die unbegleitete Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel kann 4- bis 6-jährigen Kindern nicht zugemutet werden. (Entscheid des bernischen Verwaltungsgerichts vom 18. Juli 2012)


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