Pensen rauf, Lehrermangel runter

Im Kanton Zürich wird das Lehrpersonal knapp. Ein Grund für den sich abzeichnenden Engpass: Lehrerinnen und Lehrer arbeiten zu häufig Teilzeit.

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Die Gleichung ist einfach: Wenn die Zahl der Schülerinnen und Schüler steigt und jene der Lehrer stagniert, führt das zu einem Mangel beim Lehrpersonal. Genau in dieser Situation befindet sich der Kanton Zürich derzeit. Die Statistiker rechnen besonders in Zürich in den nächsten ­15 Jahren mit anhaltendem Bevölkerungswachstum und steigenden Schülerzahlen. Die Chefin des Zürcher Volksschulamts Marion Völger warnt deshalb eindringlich vor grossen Engpässen. Es sei schwieriger, in den nächsten Jahren Lehrpersonen zu finden als genügend Schulraum, sagte sie kürzlich im TA.

Was Lehrermangel bedeutet, haben die Schulpflegen Anfang der 70er-Jahre erlebt. Damals herrschte Hochkonjunktur, die Privatwirtschaft schuf Arbeitsplätze in Hülle und Fülle, und der Lehrerberuf war für die Jugend unattraktiv. Die NZZ schrieb deshalb 1971 nach den Sommerferien von einem «gewaltigen Lehrermangel». Vor jeder dritten Klasse standen Aushilfslehrerinnen oder -lehrer, teilweise sogar Studenten. Und weil sich auf ­normale Inserate kaum jemand meldete, versuchten die Behörden das Personal mit Zückerchen zu locken. Man stellte den Lehrern Wohnungen zur Verfügung oder half beim Bau von Eigenheimen. Und es gab Gemeinden, die den Lehrerinnen 50-Prozent-Stellen anboten, was damals absolut neu war.

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Im Vergleich zu den 70ern ist es heute noch ruhig an den Schulen. Den Begriff «Lehrermangel» benutzt das Volksschulamt in einem eben versandten Rundschreiben an die Gemeinden erst bei den Heilpädagogen. In diesem Bereich haben gegenwärtig nur 60 Prozent der Stelleninhaber die verlangte Ausbildung. Bei den Kindergärtnerinnen ist die Situation «angespannt». In den Primar- und Sekundarschulen gibt es trotz steigender Schülerzahlen noch keine Probleme, denn der Lehrerberuf ist, anders als in den 70er-Jahren, heute bei der Jugend attraktiv. An den Pädagogischen Hochschulen kennen die Studierendenzahlen nur eine Richtung: nach oben.

Nur die Hälfte ist gesichert

Doch das reicht nicht aus. Im aktuellen Bildungsbericht des Bundes wird beim Lehrpersonal eine grosse Lücke für die ganze Schweiz prognostiziert. In der näheren Zukunft sind demnach landesweit jedes Jahr über 10'000 neue Volksschullehrerinnen und -lehrer nötig. Die Pädagogischen Hochschulen können diese Menge nur zur Hälfte ausbilden. «Wir werden unseren Beitrag zwar leisten, aber allein können wir den zusätzlichen Bedarf nicht decken», sagt Heinz Rhyn, Rektor der Pädagogischen Hochschule Zürich.

Für die Prognostiker des Bundes ist klar, wie die Lücke zu füllen ist: durch Wiedereintritte von ehemaligen und durch ausländische Lehrpersonen. Zudem schlagen sie eine zweite wirksame, aber unpopuläre Massnahme vor: die Vergrösserung der Schulklassen.

Das Zürcher Volksschulamt erwähnt diese Massnahme nicht explizit, ruft im aktuellen Rundschreiben Schulleiter und Schulpflegen auf, dem Lehrermangel schon heute mit Massnahmen vorzubeugen. Die anstehenden Herausforderungen seien gross.

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Als Erstes will der Kanton den Trend zur Teilzeitarbeit brechen. Seit Jahren sinkt der durchschnittliche Beschäftigungsgrad der Lehrpersonen. Derzeit liegt er bei 69 Prozent. Es gibt Gemeinden, wo er sogar unter 50 Prozent liegt. Die Erhöhung des durchschnittlichen Pensums um nur 1 Prozent würde nach Berechnungen der Bildungsdirektion rund 250 Lehrkräfte sparen. Es sei deshalb wichtig, die Lehrpersonen zur Aufstockung ihrer Pensen zu motivieren, denn: «Der Beschäftigungsgrad kann nicht einseitig durch die Schulpflege erhöht werden.»

Weiter ermuntert das Volksschulamt, Bewerbungen von Quereinsteigerinnen und -einsteigern prioritär zu berücksichtigen, auch wenn diese noch in der Ausbildung seien. Für Sekundarschulen, die das tun, bietet das Volksschulamt sogar zusätzliche Stellenprozente aus dem Stellenpool an, der eigentlich für besonders belastete Schulen gedacht wäre. Wenn die Zahl der Bewerber kleiner wird wie derzeit im Kindergarten, sollen auch pensionierte Lehrerinnen zur Weiterarbeit motiviert und persönliche Beziehungen genutzt werden. Allerdings appelliert das Amt an die Solidarität: «Auf das Abwerben von Personal in anderen Gemeinden soll verzichtet werden.»

Die demografische Entwicklung, welche die Schulen in Bedrängnis bringen wird, trifft im Kanton die Regionen unterschiedlich. Besonders gefordert dürften die Schulen im Limmattal und in den Städten werden. Die Zürichseegemeinden müssen nur mit einem moderaten Wachstum rechnen. Zürich und Winterthur haben bereits mit Aktionsprogrammen reagiert. Das Zürcher Schulamt hat kürzlich eingeräumt, die Entwicklung unterschätzt zu haben. Nun will die Stadt Zürich in den nächsten 10 Jahren fast 2 Milliarden Franken in Schulbauten investieren. Auch das Winterthurer Schulamt ist sich der schwierigen Zukunft bewusst. Die aktualisierte Schulraumplanung geht von 90 zusätzlichen Schulklassen aus.

Lohn ist konkurrenzfähig

Für Bildungsbehörden und Ausbildner ist die Frage zentral, wie man Junge und Berufstätige in Zukunft für den Lehrerberuf gewinnen kann. PH-Rektor Heinz Rhyn sagt dazu: «Der Lehrerberuf ist sinnstiftend, das macht ihn attraktiv. Gute Arbeitsbedingungen sind jedoch ebenso wichtig.»

Mindestens was den Lohn betrifft, ist der Lehrerberuf konkurrenzfähig. Gemäss dem Bildungsbericht sind Lehrerinnen und Lehrer besonders am Anfang ihrer Karriere sehr gut bezahlt. Weder Mediziner noch Ökonomen kommen nach dem Studium lohnmässig auf das Niveau von Sekundarlehrkräften, und auch die Primarlehrerlöhne gehören am Anfang der Karriere zu den höchsten überhaupt, besonders im Kanton Zürich. Hier verdient eine Primarlehrperson nach fünf Berufsjahren jährlich bereits über 100'000 Franken. Rhyn ist deshalb überzeugt: «Wir haben in Zürich gute Rahmenbedingungen.» Wer an der Pädagogischen Hochschule Zürich studiert, arbeitet später auch im Kanton, was bei anderen Ausbildungsstätten bei weitem nicht überall der Fall ist.

Erstellt: 26.05.2019, 21:02 Uhr

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Die Pädagogische Hochschule Zürich (PHZH) ist die grösste Hochschule ihrer Art in der Schweiz. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Studierenden stetig auf fast 3600 gestiegen. 2018 hat die PHZH fast 1000 neue Lehrpersonen diplomiert. Die verschiedenen Studiengänge sind allerdings unterschiedlich beliebt. So sind die Zahlen beim reinen Kindergartenlehrgang rückläufig. Sie steigen hingegen bei den Primarlehrkräften. Bei den Quereinsteigenden sind die Zahlen ziemlich konstant. Im letzten Jahr waren an der PHZH gut 300 von ihnen in der Ausbildung. Ebenfalls beliebt ist die Ausbildung zur schulischen Heilpädagogin an der Hochschule für Heilpädagogik (HFH) in Zürich. Seit 2008 wird hier die Zahl der Studienplätze laufend erhöht. Derzeit sind 155 für den Kanton Zürich reserviert. Trotzdem besteht eine Warteliste. Auch bei den Weiterbildungen für Lehrpersonen ist das Interesse grösser als das Studienangebot. Die HFH ist eine interkantonale Schule und wird getragen von 13 Deutschschweizer Kantonen und dem Fürstentum Liechtenstein. Für sie bietet die Schule weitere Ausbildungsplätze. (sch)

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