Rechte Solidarität mit Seferovic

Gesehen und gehört: Der Nati-Stürmer wird im Zürcher Kantonsrat von der SVP in Schutz genommen – und von unverdächtiger Seite kritisiert.

«Das darf nicht passieren»: SVP-Fraktionspräsident Jürg Trachsel über den ausgepfiffenen Fussballer Haris Seferovic. Foto: TA

«Das darf nicht passieren»: SVP-Fraktionspräsident Jürg Trachsel über den ausgepfiffenen Fussballer Haris Seferovic. Foto: TA

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Da soll einer noch behaupten, die NZZ sei das Blatt der Freisinnigen. SVP-Fraktionspräsident Jürg Trachsel hat gestern eine gesalzene Fraktionserklärung verlesen, die sich gegen die Nationalitätennennungspolitik des Stadtzürcher AL-Sicherheitsvorstehers Richard Wolff richtete. Dabei zitierte er zweimal die «NZZ am Sonntag» – notabene ohne zu zitieren. Richtig: Das nennt man Plagiat. Aber auch das will gelernt sein. Trachsel hat falsch abgeschrieben und so den Sinn verkehrt. «Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt», singt Pippi Langstrumpf (wie die Zeitung richtig zitierte). Trachsel machte daraus: «Ich mache mir die Welt, wie sie ist» (und zitierte dabei brav, aber auch falsch die schwedische Chaotin). Immerhin gab Trachsel das zweite Zitat richtig wieder, als er künftige Polizeimeldungen verballhornte: «Es ist etwas passiert in Zürich.» Trachsel gab sofort alles zu, lobte selbstironisch seine Belesenheit und murmelte etwas von «Hitze des Gefechts». Dass es FDP-Präsident Hans-Jakob Boesch war, der ihn mit einem Tweet geoutet hat, konterte er gekonnt: «Im Gegensatz zu Boesch und der FDP sind wir aktiv.»

Noch mehr zu reden gaben im Ratsfoyer die Pfiffe von Basel. Der sensible Chancentod Haris Seferovic wurde von der SVP in Schutz genommen. Trachsel verurteilte das Verhalten einiger Zuschauer: «Das darf nicht passieren», meinte er und ergänzte maliziös, dass «ein Profi-Stürmer allerdings schon in der Lage sein sollte, die eine oder andere Möglichkeit zu verwerten.» Trachsel wollte lieber das Positive sehen und resümierte: «Durch ist durch, und der Held ist ein Zürcher» (womit er Ricardo Rodriguez meinte).

«Man pfeift die eigenen Leute nicht aus», fand auch Philipp Kutter. Der CVP-Fraktionschef hatte allerdings zunächst gedacht, dass die Zuschauer pfiffen, weil Seferovic gehen musste, obwohl er am meisten gerackert hatte.

«Ich habe mich extrem geärgert, es war unwürdig», meinte Markus Späth. Elegant fand der SP-Fraktionspräsident Trainer Vladimir Petkovics Stellungnahme, «wir könnten noch einiges lernen von den nordirischen Fans». Späth glaubt nicht an einen Balkangraben, sondern eher an ein gestörtes Verhältnis der Schweizer zu ihren Stürmern. Alex Frei wurde damals ebenfalls in Basel ausgebuht, wohlgemerkt in seinem Heimstadion. Marco Streller warf nach Pfiffen in St. Gallen gar den Bettel hin.

Da ist Esther Guyer von anderem Schrot und Korn. «Der soll nicht so empfindlich tun», meinte die grüne Fraktionspräsidentin an die Adresse von Seferovic. «Ich hätte sicher nicht gepfiffen, wenn ich dort gewesen wäre», fügt sie an. Geflucht habe sie gleichwohl wegen der vergebenen Chancen. Die «entscheidende» Szene habe sie allerdings nicht miterlebt. Grippegeschwächt, war Guyer zu diesem Zeitpunkt schon eingeschlafen.

Es sei eine Schweizer Eigenschaft, nie zufrieden zu sein, analysierte Markus Bischoff. Der Fussball sei ein Jahrmarkt der Emotionen, philosophierte der AL-Fraktionschef. Da müsse man auch einstecken können. Seferovics Reaktion sei «dünnhäutig» gewesen. Interessanter fand Bischoff, dass zwei Nationen aufeinandertrafen, deren Wesen bei den Nationalhymnen sichtbar wurden: So blieben die katholischen Spieler Nordirlands beim «God Save the Queen» stumm, während bei den Einheimischen nur eine Minderheit den Schweizerpsalm sang.

«Die Verärgerung der Anwesenden nachvollziehen» konnte Thomas Vogel. Auch der FDP-Fraktionschef hat sich zu Hause aufgeregt über vergeigte Chancen. Er ist aber auch ein Seferovic-Versteher: «Er hat sein Bestes gegeben und nicht absichtlich versagt.»

«Daneben» und eine «Frechheit» fand Rico Brazerol die Pfiffe. Dabei hatte sich der BDP-Mann kurz vor dem Match auf glitschiges Terrain begeben, indem er einen Facebook-Post weiterverbreitete mit dem «Erfolgsgeheimnis» der Berner Young Boys: «Tor: von Ballmoos, Verteidigung: von Bergen, Rest: von Afrika.» Das hat Brazerol sofort ein «Du hast Mut» eingetragen von SVP-Haudegen Claudio Schmid. Dieser ist kein Fussballfan, wundert sich aber über die Basler Pfiffe: «Die sollten sich doch alle freuen!» Für Schmid ist der Nati-Erfolg angesichts der Schweizer Vorfreude auf die (von SRF übertragenen) WM «der Genickbruch für die No-Billag-Initiative». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2017, 23:03 Uhr

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