Plagiat und Mobbing: Neue Vorwürfe erschüttern die ETH

Ein Professorenpaar soll an der Empa Mitarbeiter schikaniert haben. Zudem untersucht die Hochschule wissenschaftliches Fehlverhalten.

Die Eidgenössische Forschungsanstalt beschäftigt knapp 1000 Mitarbeitende: Empa-Gebäude in St. Gallen.

Die Eidgenössische Forschungsanstalt beschäftigt knapp 1000 Mitarbeitende: Empa-Gebäude in St. Gallen. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Die ETH belegt in internationalen Rankings Spitzenplätze und gehört damit zu den besten Universitäten der Welt. Mehrere Vorfälle haben in den letzten Monaten gezeigt: Die guten Resultate entstehen in einem teilweise miserablen Arbeitsklima. Mehrere Professorinnen und Professoren legten missbräuchliches Fehlverhalten gegenüber ihren Angestellten an den Tag. Ein Institut musste geschlossen werden, es kam zu Verfahren wegen Mobbings und sexueller Belästigung. Kommuniziert werden sie äusserst zurückhaltend.

Nun erweitert sich der Kreis der Anschuldigungen – auf die Empa in Dübendorf, der zweitgrössten Forschungsanstalt im ETH-Bereich. Im Fokus stehen Professor H. und Professorin V.*. Die Lebenspartner sollen jahrelang gemeinsam gemobbt und wissenschaftliche Fehlleistungen produziert haben.

Die ETH und die Empa bestätigen auf Anfrage, dass gegen die Professoren eine Untersuchung wegen Fehlverhaltens in der Forschung eingeleitet wurde. Er darf seine Professur an der ETH vorläufig behalten, sie ist zurzeit krankgeschrieben, soll im März aber an die Empa zurückkehren.

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Einer, der unter den Beschuldigten litt, ist Jakub Zeman** – ein ehemaliger Doktorand von Professor H. «Meine Forschungsarbeit ist am Ende, meine Motivation ebenfalls», sagt Zeman. Er ist nervös, lange Zeit hat er geschwiegen, auch jetzt will er nur unter anderem Namen reden: «Wir sind Naturwissenschaftler, klar, aber können wir mal über Ethik reden?», fragt er. Er erzählt von regelmässigen nicht nachvollziehbaren Kündigungen, Redeverboten und von wahnwitzigem Resultate-Druck – alle zwei Wochen wollte das Professorenpaar Resultate sehen. Interessiert sollen die Professoren H. und V. vor allem an farbigen Präsentationen, weniger an komplexen Inhalten gewesen ein.

Ein Dank statt Autorschaft

Der schwerste Vorwurf gegen das Paar lautet auf Plagiat. Dem «Tages-Anzeiger» liegen zwei der betroffenen Doktorarbeiten vor. Für die Publikation eines Papers von Professorin V. und Professor H. wurden einer Doktorarbeit die interessantesten Grafiken praktisch eins zu eins entnommen, die Farben etwas abgeändert. Die Doktorandin selber erscheint aber nicht als Urheberin der Grafiken, ihr wird bloss am Ende des Papers knapp gedankt. In einer weiteren Arbeit wird ein ganzes Kapitel einer Doktorarbeit erneut ­publiziert, ohne Zitierung des Doktoranden.

Ein unabhängiger Wissenschaftler an einer Schweizer Hochschule, der die Arbeiten studiert hat, äussert Zweifel an der wissenschaftlichen Integrität des Vorgehens. «Quellenverweise bei den einzelnen, direkt übernommenen Grafiken und Erkenntnissen wären angebracht gewesen», sagt er.

Das Professorenpaar kam 2008 in die Schweiz und erlebte einen steilen Aufstieg. H. erhielt ein Doppelmandat: Eine Professur an der ETH sowie die Leitung einer Empa-Abteilung. Der Professor stellte eine Bedingung: einen Job für seine Lebenspartnerin. Sie bekam ihn – und zwar ebenfalls an der Empa, im selben Departement.

«Das Professorenpaar erwies sich als eingespieltes Team.»Robin Kramer

Die Empa befand sich damals noch mitten in einer Transformation: Mehr Professorinnen und Professoren sollten der ehemaligen Materialprüfungsstelle mehr Publikationen und letztlich mehr Forschungsgelder bringen. Die langjährigen Forscher hatten ausgedient – und sie bekamen das zu spüren.

Robin Kramer** war 2008 einer von mehreren Senior Scientists in der Abteilung. Heute ist keiner von ihnen mehr an der Empa. «Das Professorenpaar erwies sich als eingespieltes Team», sagt Kramer. Professorin V. habe die Rolle des «bissigen Hundes» übernommen. In Sitzungen sei sie regelmässig aufgesprungen und habe Mitarbeitende zusammengestaucht.

Abteilungsleiter H. habe die Forscher absichtlich schlecht aussehen lassen. «Einst ermunterte er mich für ein Forschungsprojekt in England», sagt Kramer. Hinter seinem Rücken habe er das Projekt torpediert und schlechtgeredet. Gemäss Kramer wurde es abgeschossen, er stand als Verlierer da. Kramer sagt: «Er ertrug es nicht, wenn andere Erfolg hatten.»

Letztlich war das Arbeitsverhältnis dermassen gestört, dass einer gehen musste. Kramer erhielt die Kündigung durch Direktionsmitglied A*., der von Beginn weg über die Missstände informiert gewesen sei, sagt Kramer. «Statt Alarm zu schlagen, war er Professor H. treu ergeben.»

«Katastrophal schlecht»

Ein anderer Empa-Forscher erzählt, wie der Professor ihn geschnitten habe, indem er seine Mails ignorierte und eine Zusammenarbeit verunmöglichte. Der Empa-Forscher unterrichtete im selben ETH-Departement wie Professor H. Nach einer ­Studierendenbefragung sei es zum Eklat gekommen: Der ­Forscher erhielt sehr gute Noten, der ­Professor sei «katastrophal schlecht» beurteilt worden. Nicht wenige Studierende hätten gefordert, dass die Vorlesungen nicht mehr durch Professor H., sondern durch den Forscher gehalten werden sollen. Kurz darauf wurde der Forscher zu einem Gespräch zitiert. Professor H. und Direktionsmitglied A. hätten ihm vorgeworfen, er verhalte sich illoyal, ohne dies genauer zu definieren. Sie legten ihm nahe, zu kündigen. Weder das Verhalten noch die Leistung des langjährigen Forschers waren vorgängig je bemängelt worden. «Ich musste die Empa verlassen, ich stand auf dem Abstellgleis.»

Die betroffenen Forscher prangerten das mutmassliche Fehlverhalten von Beginn weg an: Alle Stellen, ob Empa-Direktion, Personalabteilung oder die ETH-Ombudsstelle seien informiert gewesen. Teilweise stiessen die Forscher auf Verständnis. Doch stets erhielten sie zur Antwort, das nichts getan werden könne.

Es dauerte bis Ende 2017, als ein ehemaliger Ombudsmann aktiv wurde und die mutmasslichen Missstände an das ETH-Rektorat weiterleitete. «Diese Partnerschaft war definitiv ungesund für den Wissenschaftsbetrieb», sagt der Ex-Ombudsmann rückblickend. Sein Alarm verhallte erst einmal im Nichts, der Ombudsmann wurde kurze Zeit später in Rente geschickt – gegen seinen Willen.

Die ETH-Richtlinien verbieten eine Anstellung von Lebenspartnern in derselben Abteilung. Im Falle des Paars war dies trotzdem der Fall. Die Empa erklärt dies mit dem Umstand, dass Professor H. formell nicht in derselben Abteilung, sondern durch die ETH angestellt sei.

Hohe Kündigungsquote

Das Professorenpaar waltete weiter. Letzten Februar wandten sich mehrere Doktoranden in einem gemeinsamen Statement ans die ETH. Es liegt dem «Tages-Anzeiger» vor: Das Paar führe kaum, steht darin, sei wissenschaftlich nicht qualifiziert, könne nur sehr vage weiterhelfen. Ausländische Studierende würden erst kurz vor Ablauf ihres Vertrags informiert, ob sie bleiben können, temporäre Verträge für Doktoranden seien an der Tagesordnung, die Kündigungsquoten lägen bei fast 50 Prozent, es gebe wissenschaftliche Fehler aufgrund von Resultatedruck. Die ETH ­reagierte kaum. Mehrere Doktoranden reichten danach persönliche Reporte ein, in denen sie die beiden des Fehlverhaltens bezichtigten.

Wieder passierte nichts. Im Juni verlassen in nur einer Woche drei Doktoranden die Empa. Die Mitarbeiter blieben im Ungewissen, was genau mit ihren Reporten passierte. Bei einem öffentlichen Gespräch mit allen Beteiligten haben die Betroffenen nicht den Mut aufzumucken. «Der Sommer war unerträglich, die Forschung lag lahm», sagt ein Doktorand Zeman. «Wir waren uns sicher, das Professorenpaar würde entlassen.»

Was stattdessen folgte, war eine lähmende Zeit des Seilziehens. Das Paar forderte die Doktoranden auf, Unterstützungsbriefe für es zu schreiben, wer nicht unterschrieb, der galt als Feind. Irgendwann in dieser Zeit erhielt das Paar Zugang zu den anonymisierten Studenten-Reporten – die Doktorierenden blieben verunsichert zurück, die ETH informierte nicht. Laute Streits und misstrauische Stimmung waren Alltag in der Empa. Im Oktober verfassen die Doktoranden ein weiteres Statement.

Ehemalige Empa-Forscher und Doktorierende sind dennoch frustriert.

Ähnlich wie im Fall mutmasslicher sexueller Belästigung im Architekturdepartement blieb auch den Ingenieuren jegliche rechtliche Unterstützung verwehrt mit der Begründung, dass sie keine Partei im Verfahren seien. Im Oktober 2018 kündigt die ETH eine rein wissenschaftliche Untersuchung an.

Die Forscher betrachten die Empa-Direktion als Mitschuldige der Situation. Insbesondere Direktionsmitglied A. sei von Anfang an über die Vorgänge informiert gewesen. «Die Direktion hatte das Vorgehen des Paars nicht nur gebilligt, sondern aktiv gefördert», sagt Forscher Kramer. «Es wäre eine Katastrophe, wenn das Direktionsmitglied A. sich in diesem Verfahren aus der Verantwortung nehmen kann.»

Professor H. trat 2017 seine Abteilungsleitung in der Empa ab. Es übernahm: seine Partnerin, Professorin V. Gewisse Rechte an Forschungsprojekten bleiben sowieso in der Familie. Professor H. verwehrte Doktoranden teilweise den Zugang zu Wasser- und Windtunneln an der Empa – Forschungsinstrumente, um die Wärmeflüsse in einer Stadt zu untersuchen. Dies, weil diese den Doktorvater wechseln wollten. Professorin V. verbucht weiterhin Erfolge: Im letzten Dezember ernannte sie der Schweizer Nationalfonds (SNF) in den Forschungsrat. SNF gilt als grösster Geldgeber für Forschungsprojekte in der Schweiz. Ebenfalls im Rat: ihr Partner, Professor H.

Der Empa-Wasserkanal: Professor H. verweigerte einigen Doktorierenden den Zugang – weil sie den Doktorvater wechseln wollten. Foto: Keystone

ETH und Empa prüfen wissenschaftliche Korrektheit

Das SNF-Wahlreglement verlangt für seine Forschungsräte «eine qualitativ hervorragende und in jeder Hinsicht einwandfreie, international anerkannte Forschungstätigkeit». Auf Anfrage gibt der SNF bekannt, er sei über die Situation informiert und habe sogleich «erforderliche Entscheidungen» getroffen, ohne dies genauer zu spezifizieren. Während der Untersuchung gegen das Professorenpaar gelte die Unschuldsvermutung.

Mit der aktuellen Untersuchung prüfen ETH und Empa die wissenschaftliche Korrektheit in der Arbeit des Paares. Ehemalige Empa-Forscher und Doktorierende, die sich durch das Paar schikaniert fühlten, sind dennoch frustriert: Um Vorwürfe wie Mobbing zu untersuchen, bräuchte es eine Disziplinaruntersuchung. Dazu würden jedoch die Vorwürfe nicht ausreichen, liess die ETH erst telefonisch ausrichten. Später korrigierte sie ihre Aussage: es sei noch offen, ob es zu einer Disziplinaruntersuchung komme.

Sowohl das Professorenpaar wie auch das Empa-Direktionsmitglied wollten zu den Vorwürfen nicht persönlich Stellung beziehen.

* Namen der Redaktion bekannt. ** Name geändert (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.02.2019, 06:16 Uhr

Das Forschungsinstitut Empa

Die Empa ist mit einem Jahresbudget von 128 Millionen Franken die zweitgrösste Forschungsanstalt im ETH-Bereich. Schon vor Jahren vollzog sie einen strategischen Richtungswechsel: von der reinen Materialprüfungsanstalt zur Forschungseinrichtung. In den Nullerjahren wurde kritisiert, das Forschungsinstitut sei zu wenig produktiv. Sie stand als Verschwenderin von Steuergeld in Verruf. Die Direktion bemühte sich deshalb um die Anstellung von Professorinnen und Professoren. Diese sollten die Zahl der Publikationen steigern und Projekte ermöglichen, die durch den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanziert werden. Beides gelang: Die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen stieg von 67 im Jahr 2001 auf knapp 630 im Jahr 2015, die SNF-Projekte von 5 auf 120. (mrs)

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