«Platz zum Sitzen haben wir genug in Zürich»

Vor den Plänen der Stadt mit dem Globus-Provisorium graut es dem ETH-Architekturprofessor Miroslav Šik. Man mache damit eine städtebauliche Narbe noch schlimmer.

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Wann immer in den letzten 40 Jahren Ideen für den Ersatz des Globus-Provisoriums gesucht wurden, waren Sie dabei. Auch ihre Studenten an der ETH haben Sie darüber nachdenken lassen. Nehmen Sie am Wettbewerb teil, wenn jetzt ein Park entstehen soll?
Nein, da mache ich nicht mit. Das ist eine Ausgangssituation, die ich nicht mittragen kann. So leid mir das tut – und so selten man sich mit einem solchen Ort auseinandersetzen kann. Aber was jetzt geplant ist, geht einfach nicht.

Liegt das an der Berufskrankheit, dass ein Architekt einen solchen Ort einfach nicht unbebaut lassen kann?
Sie meinen wie ein Chirurg, der operieren will? Einverstanden: Gestalten durch Nicht-Bauen gehört bei uns nicht zur Berufsausbildung. Aber darum geht es hier nicht. Ich habe effektiv einen Horror vor dem Anblick, der sich bietet, wenn man das Provisorium abreisst und das Papierwerd-Areal leer lässt.

Was soll daran so schlimm sein?
Ist Ihnen nie aufgefallen, wie seltsam weit die Limmat an dieser Stelle ist? Es handelt sich da um eine Narbe mitten in der Stadt, die man nun noch akzentuiert, wenn man das Areal räumt. Der Fluss würde optisch noch weiter.

Ein Kenner der Materie: Miroslav Šik in seinem Büro an der Militärstrasse. Bild: Sabina Bobst

Warum eine Narbe?
Wenn wir übers Papierwerd-Areal sprechen, müssen Sie die Leidensgeschichte des Limmatraums im Kopf haben. Es ist eine Geschichte des Verlusts. Das beginnt mit Karl Moser, der in den Dreissigerjahren Wut und Tränen ausgelöst hat mit seinem Projekt, das auf radikale Art Tabula rasa machen wollte.

Moser war der Architekt des Universitätsgebäudes und schlug vor, das ganze Niederdorf abzureissen.
Genau, er hätte voller Lust auch alle Zunfthäuser und Verwaltungsbauten am Fluss für moderne Neubauten geopfert. So weit kam es zwar nicht, aber es gab Ende der Vierziger einen anderen radikalen Modernisierungsschritt. Nachdem man das Niederdorf saniert hatte, indem man Gassen ausweitete und Hinterhöfe auskernte, eliminierte man unter dem Stichwort «Aktion freie Limmat» die letzten Zeugen der frühindustriellen Zeit: Bauten, die auf Stahl- oder Holzstelzen im Fluss standen. Zürich verlor all seine Stege und Mühlen. Nur das Globus-Provisorium erinnert noch daran.

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Gefällt Ihnen der Plan der Stadt, aus dem Papierwerd-Areal einen Platz zu machen?






Das ist die Narbe, die Sie meinen?
Das ist nur ein Teil davon. Haben Sie sich nie über die unansehnliche Häuserzeile gewundert, die oberhalb des Centrals die Limmat säumt? Man räumte damals den Fluss leer, weil man sich einen Blick übers Wasser bis auf die Alpen wünschte. Getragen war das von einer älteren Wunschvorstellung: zwei Boulevards links und rechts des Flusses, wie in Paris. Am linken Ufer blieb es bei Ansätzen. Das Zwischenstück vom Münsterhof bis zum Heimatwerk, durch die Schipfe verbunden, wurde nie realisiert. Es galt schon in den Vierzigern aus denkmalpflegerischen Gründen als unantastbar. Anders unten beim Bahnhof, dort hatte man weniger Hemmungen.

«Es müsste uns eigentlich irritieren: Der Fluss ist an dieser Stelle gesäumt von Häusern, die nie eine Front hatten.»

Was stört Sie daran?
Was da passiert ist, müsste uns eigentlich irritieren: Der Fluss ist an dieser Stelle seither gesäumt von Häusern, die nie eine Front hatten. Sie waren immer versteckt gewesen hinter den Gebäuden im Fluss. Hinterhäuser eben, uneinheitlich in Gestalt und Höhe, eher Unterschicht. An diesem Ort gab es keine repräsentativen Zunfthäuser wie weiter oben, es war ein reines Industrie- und Gewerbegebiet. Die Aktion freie Limmat führte dazu, dass diese Häuser plötzlich nackt dastanden.

Und Sie fürchten, dass diese unschöne Stelle noch betont wird, wenn das Globus-Provisorium verschwindet?
Einerseits das, andererseits geht es mir um das fehlende historische Bewusstsein für die Geschichte der Stadt. Mein Lehrer Aldo Rossi hat mich einst dazu angehalten, über diesen Ort nachzudenken als einen Ort der Geschichte. Das Papierwerd-Areal war mal eine Insel. Wo heute der Verkehr durch den Tunnel fliesst, befand sich früher ein Kanal. Es war ein Stück Zürich im Wasser, von dem nur wenig übrig geblieben ist: das Bauschänzli, die Wasserkirche, das Rathaus. Anders als in Luzern, wo man heute noch auf einem Wehrturm mitten im Fluss stehen kann. Von der Geschichte her ist das Areal ein überbauter Ort. Das Provisorium war lange ein Anlass, nichts zu machen – aber jetzt sollte man sich damit auseinandersetzen.

Sie wollen ein Gefühl wecken für ein Stück Stadt, das nicht mehr da ist?
Wir können etwas Neues bauen, aber es sollte zumindest eine Spur von dem bleiben, was da mal war. Wenn der Stadtrat den Plan verfolgt, einen Platz zu machen, ist das schwer nachvollziehbar.

«Das wird kein zweites Bauschänzli. Eher einer dieser Plätze, wo die Leute über Mittag ihr Sandwich essen.»

Der Stadtrat will gleichzeitig den Tunnel verlängern, um das Areal mit dem Beatenplatz zu verbinden. Damit erfüllt er einen alten Wunsch von Ihnen und anderen Architekten.
Das kritisiere ich auch nicht. Der Beatenplatz gefällt mir sehr, und es ist eine gute Idee, ihn mit dem Fluss zu verbinden. Das kann man aber auch machen, wenn man das Areal bebaut. Zudem bekommt man den Verkehr vorne an der Kreuzung nicht weg. Wenn man das Areal leer lässt, bleibt es dadurch isoliert. Das wird kein zweites Bauschänzli. Eher einer dieser Plätze, wo die Leute über Mittag ihr Sandwich essen.

Es heisst doch immer, Zürich fehle es an richtigen Plätzen.
Jetzt ist doch gerade das Central auf der anderen Flussseite enorm aufgewertet worden. Alles, was noch fehlt, ist ein Café wie am Bellevue. Wieso saugt man jetzt die Kraft von dort mit einem zweiten Platz weg? Füllen wir all diese Plätze? Der Münsterhof zum Beispiel ist wunderschön, aber krankt daran, dass abends ab fünf gar nichts mehr läuft.

Wie würden Sie das Areal nutzen?
Der Coop macht das Areal heute sehr lebendig. Da wird nicht nur eingekauft, es ist auch ein Begegnungsort. Die Leute stehen davor, die Jungen holen sich ein Sechserpack Bier. Ich halte es für falsch, diese Situation zu beruhigen und mit dem den Laden in den Untergrund abzutauchen. Man sollte das Areal vielmehr noch zusätzlich beleben, indem man das Einkaufen mit anderen Nutzungen verbindet. Darum habe ich meine Studenten die kommerzielle Nutzung verbunden mit Kunst verbinden lassen.

«Es kommt nicht darauf an, ob der Šik oder Herzog & de Meuron dort bauen. Aber es soll ein aktiver Ort sein.»

So viel zur Nutzung, aber wie muss ein Bau an diesem Ort aussehen? Als Sie 2004 an einem Ideenwettbewerb teilnahmen, hiess es: Da muss etwas mit Leuchtturm-Charakter hin.
Das war der Zeitgeist damals. Bilbao war dank dem Guggenheim-Museum plötzlich ein Begriff geworden, Hamburg plante die Elbphilharmonie. Unter diesem Eindruck dachte man, jede Stadt müsse so was haben. Heute kann ich mir genausogut vorstellen, ans bestehend Provisorium anzubauen.

Also kein Leuchtturm?
Ob man so auf die Pauke hauen muss wie wir das 2004 gemacht haben, darf man sich fragen. Es kommt auch nicht darauf an, ob jetzt der Šik oder Herzog & de Meuron etwas in ihrem Stil da hinstellen. Mir geht es um die Nutzung. Es soll ein aktiver Ort sein. Platz zum Sitzen haben wir genug.

Erstellt: 19.02.2018, 11:03 Uhr

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