«Plötzlich hatte es überall Hände»

Regina Frey hat sich den Orang-Utans auf Sumatra verschrieben. Dabei hat sich einst mehr für den Regenwald interessiert. Heute verkauft sie für den Schutz der Affen exklusiven Kaffee.

«In Indonesien galt ein kleiner Orang-Utan lange als Statussymbol»: Regina Frey im Affenhaus des Zoos Zürich.

«In Indonesien galt ein kleiner Orang-Utan lange als Statussymbol»: Regina Frey im Affenhaus des Zoos Zürich. Bild: Sabina Bobst

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Sie engagieren sich auf Sumatra für den Schutz der Orang-Utans. Wie wohl ist Ihnen beim Anblick der Tiere im Affenhaus des Zoos?
Grundsätzlich sehe ich alle Tiere lieber in der Freiheit, in ihren angestammten Lebensräumen. Auf der anderen Seite ist Bildung ein wichtiger Faktor im Tierschutz. Nehmen wir den Orang-Utan: Die Tiere faszinieren und wecken starke Emotionen, wenn man sie aus der Nähe sieht. Der Zoo zeigt, dass es sehr traurig wäre, wenn es keine Orang-Utans mehr gäbe, weil der Lebensraum der Tiere zerstört wird. Und man kann Missverständnisse ausräumen.

Welche Missverständnisse gibt es rund um den Orang-Utan?
Die Wilderei: Darum geht es erst in zweiter Linie. Vor 40 Jahren war der illegale Handel mit jungen Tieren das Hauptproblem. Damals galt ein kleiner Orang- Utan als Statussymbol, jeder Beamte in Indonesien, der etwas auf sich hielt, besass einen kleinen Orang-Utan.

Weshalb eignet sich ein kleines Äffchen als Statussymbol?
Das kam von den Holländern. Was die Kolonialisten toll fanden, fanden die Einheimischen auch toll. Es hiess etwas, wenn man einen kleinen Orang-Utan hatte, man war wer.

Worum geht es heute im Tierschutz?
Der Schutz des Lebensraums der Affen ist in den Vordergrund gerückt. Die Zerstörung des Regenwalds ist nicht ein kleineres Übel, sondern d a s Übel. Alles andere sind dann Folgen.

Alles andere?
Der Orang-Utan findet nicht genügend Futter, ist isoliert, beginnt, die Gärten der Bauern zu plündern – und irgendwann schlägt ihn der Bauer tot. Oder erschiesst ihn. Dann kommt vielleicht das Kleine, das am Bauch hängt, in den illegalen Handel. Früher war die Zahl dieser Tiere hoch, die galt es dann zu befreien und auszuwildern. Heute ist Tierschutz weniger abenteuerlich.

Wie kamen Sie auf den Orang-Utan?
Meine Faszination galt seit je dem Regenwald. Hätte man damals im Hörsaal gefragt, wer Lust habe, auf Sumatra den Skorpion XY zu retten, dann hätte ich bestimmt aufgestreckt. Skorpione interessierten mich nie, aber ich wollte die erste Gelegenheit ergreifen, um in den Urwald zu gehen.

Aber Sumatra musste es schon sein?
Nein, Urwald, egal wo. Als Studentin hat man in der Schweiz schlechte Chancen, in den Urwald zu gehen. Ehemalige Kolonialmächte hingegen haben immer irgendwo noch eine Tropenstation. Ich hatte immer mit Neid festgestellt, dass meine ausländischen Mitstudenten viel mehr Möglichkeiten hatten.

Wie lautete die Frage im Hörsaal, die Ihnen die «Flucht» erlaubte?
Wer will in Sumatra Orang-Utans aus illegaler Gefangenschaft auswildern? Nur zwei haben aufgestreckt. Zwei Frauen, ausgerechnet! Das hatten die sich natürlich nicht so vorgestellt. Also mussten wir zu einem Test antreten, uns bewähren. Zuerst ging meine Kollegin zwei Monate in den Zoo Frankfurt. Sie musste Käfige schrubben, Futter schleppen, kam ziemlich dran. Mit dem Resultat: Doch, die kann man brauchen. Mein Test fiel dann um einiges einfacher aus, ich kam ins «Babyhaus».

Wie war Ihre erste Begegnung mit «echten» Orang-Utans?
Prägend. Ich war mit ungefähr zehn halbwüchsigen Orang-Utans im Käfig. Plötzlich hatte es überall Hände. Man löst einen Griff und wird sofort irgendwo anders wieder gepackt. Wir wissen, dass Orang-Utans uns sehr ähnlich sind – aber eben: Sie haben vier Hände. Ich bekam beinahe etwas Panik. Kommt hinzu: Die haben einen sehr kräftigen Griff.

Um die Affen zu schützen, verkaufen Sie Orang-Utan-Kaffee. Wie schützt man so den Regenwald?
Der beste Arabica-Kaffee der Welt kommt aus dem Hochland von Aceh. Er wächst am Fusse des Bergregenwaldes. In dieser Zone herrscht ein fragiles Gleichgewicht. Wenn die Bauern ihre Anbaufläche vergrössern und dazu den Regenwald roden, verändert sich das Mikroklima. Der Kaffee wird krank, die Qualität sinkt. Es ist eine Symbiose zwischen Kaffee und Regenwald. Das heisst: Kaffee und Regenwald gehen zusammen. Und somit geht auch Kaffee und Orang-Utan zusammen. Unsere Bauern dürfen ihre Anbauflächen nicht auf Kosten des Bergregenwalds vergrössern.

Was erhalten die Bauern als ­Gegenleistung?
Wir zahlen ihnen einen guten Preis für den Rohkaffee sowie Prämien. Sie erhalten zusätzlich 50 Eurocent für jedes exportierte Kilogramm Kaffee. Ebenso gehen 50 Eurocent in die Stiftung Paneco. Mit diesem Geld wird der Regenwald aktiv geschützt. Prozesse gegen illegale Machenschaften der Palmölindustrie sind teuer, da hilft das Geld aus dem Kaffeegeschäft.

Mit Kaffee gegen Palmöl?
Genau. Palmöl ist eine Monokultur, für die der Regenwald grossflächig gerodet wird. Da hat es für den Orang-Utan keinen Platz mehr. Hingegen haben Kaffee und Orang-Utans etwas gemeinsam: Ohne Regenwald geht gar nichts.

Kaffee erlebt derzeit einen Hype. Hat das Ihre Wahl beeinflusst?
Kaffee ist ein Luxusprodukt, das stimmt. Und da setzt unsere Idee an: Man braucht Kaffee nicht zum Leben und kann deshalb auch etwas mehr bezahlen – damit einen Kleinbauern unterstützen.

Wie erfahren Kaffeetrinker von der Geschichte hinter dem Orang-Utan-Kaffee?
Wir verkaufen unseren Kaffee nur an kleinere und mittlere Röster. Diese haben eine persönliche Beziehung zu ihren Kunden und erzählen diesen auch unsere Geschichte. Das ist uns sehr wichtig: Wir wollen mit unserem Kaffee eine Botschaft rüberbringen.

Welche Rolle spielt Ihre Familiengeschichte?
Meine Vorfahren haben die Gebrüder Volkart in Winterthur gegründet. Mein Ururgrossvater ging als Jüngstes von zig Geschwistern mit dem Schiff nach Indien, weil er wusste, dass es in der elterlichen Mühle keinen Platz mehr für ihn gab. So stieg er ins Geschäft mit den Kolonialwaren ein. Dazu gehörte auch Kaffee. Es ist vielleicht ein bisschen Nostalgie dabei, dass ich nun versuche, etwas mit Kaffee zu machen, letztendlich geht es mir aber um den Regenwald.

Erstellt: 13.10.2016, 14:16 Uhr

Orang-Utan-Kaffee

Crowdfunding für Sumatra

Das Unternehmen Orang Utan Coffee ist ein Partner der Stiftung Paneco, welche die Biologin Regina Frey aus Berg am Irchel gegründet hat. Aktuell werden in einem Crowdfunding 50?000 Franken gesammelt. Mit dem Geld soll auf Sumatra eine eigene Verarbeitungsanlage gebaut werden. Dies ermöglicht, grössere Mengen ohne Zeitverlust zu verarbeiten, externe Kosten zu senken und die Qualität zu sichern. Heute exportiert die Stiftung 180 Tonnen Kaffee pro Jahr; zu Beginn 2012 waren es 12. Den Kaffee kann man in den Vicafés am Bellevue sowie am Goldbrunnenplatz kaufen. (bra)

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