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«Plötzlich sieht der Gewinner alles Negative»

Ein 157-Millionen-Lottogewinn macht glücklich. Falsch, sagt der Sozialpsychologe. Die Zufriedenheit gleicht irgendwann jener eines Verletzten.

Der Gewinn macht glücklich, aber das Gefühl hält nicht ewig an.
Der Gewinn macht glücklich, aber das Gefühl hält nicht ewig an.
Ennio Leanza, Keystone

Auf einen Schlag um 157 Millionen Franken reicher. Dieses Schicksal wird jener unbekannten Person zuteil, die am Dienstag im Kanton Zürich ihren Lottoschein abgegeben und auf die fünf Gewinn- plus zwei Zusatzzahlen getippt hat. Sie hat den Euro-Millions-Jackpot geknackt und damit den höchsten Lottogewinn in der Schweiz erzielt. Zahlreiche Lottogewinner sind schon an ihrem Glück zerbrochen. Was macht dieser plötzliche Mehrbesitz an Geld mit der Spezies Mensch, und muss das sein? Ein Fall für den Sozialpsychologen.

Nehmen wir an, Sie hätten 157 Millionen Franken gewonnen. Wie würde sich das anfühlen?

Ich würde mich freuen und mir überlegen, was ich mit dem Geld alles Gutes tun könnte. Ich empfände ein unglaubliches Glücksgefühl, aber dieses Glücksgefühl würde nicht lang anhalten.

Warum? Was kommt dann?

Die Aussenperspektive und die Innenperspektive driften meist auseinander. Wenn wir uns von aussen vorstellen, wie sich Personen fühlen, dann fokussieren wir auf Einzelereignisse, im Guten wie im Schlechten. Wir unterstellen den Personen extreme Gefühlsreaktion. Dabei vernachlässigen wir die psychologischen Verarbeitungsprozesse, die bei der Person ablaufen. Menschen sind sehr schnell im Rationalisieren von positiven wie negativen Ereignissen, sodass die Gefühlsintensität bald abnimmt und Schicksalsschläge in ihrer Wirkung abgemildert werden. Oft wird unterschätzt, dass dies auch bei positiven Gefühlen der Fall ist. Wir kennen das aus anderen Kontexten, die Honeymoon-Zeit ist irgendwann vorbei. Vereinfacht gesagt: Wir gewöhnen uns schnell an einschneidende Erlebnisse.

Verändert es den Menschen?

Diverse psychologische Studien zeigen auf, dass dem nicht so ist. Im Grunde unterscheiden sich ein Lottogewinner und ein Schwerverletzter nicht in ihrer Lebenszufriedenzeit, wenn man sie mit einer gewissen Distanz zum Ereigniszeitpunkt befragt. Sie werden beide von der Realität eingeholt. Der Verletzte sieht, wie viel Positives um ihn herum ist. Der Lottogewinner sieht plötzlich alles Negative. Zum Beispiel, dass er eine Beziehungskrise hat, bei der ihm das Geld nicht hilft.

Ähnlich der Befund von Swisslos. Die Landeslotterie befragt ihre Gewinner jeweils fünf Jahre nach ihrem Gewinn und stellt fest: Die meisten leben ähnlich wie zuvor.

Doch man muss auch beachten: Ein solcher Gewinn kann neue Probleme schaffen. Geld kann Beziehungen verändern. Plötzlich ist der Gewinner ein wohlhabender Mensch, an den andere Erwartungen gestellt werden.

Swisslos rät der Person, den Gewinn keinesfalls publik zu machen. Das viele Geld würde ihr Leben ohnehin schon stark verändern. Was raten Sie?

Ein Lottogewinner ist ja gewissermassen ein Neureicher. Er muss also einen bestimmten Umgang mit Geld erst noch lernen. Er hat noch nicht den Habitus, wie man mit Geld auftritt, wenn man potenziell was abgeben kann. Man muss sich da ein Verhaltensskript zulegen, wie man damit umgeht, wenn jemand Geld von ihm will.

Was macht Geld mit den Menschen?

Interessant ist bei allen Studien in erster Linie, wie Leute ihr Geld ausgeben. Das macht dann nämlich den Unterschied in Sachen Happiness. Wenn man für andere Personen Geld ausgibt, hat das einen positiven Effekt auf unser Wohlbefinden. Der reine Konsum macht hingegen tendenziell unglücklich. Das gilt für alles, hinter dem nicht irgendeine Sinnhaftigkeit steckt.

Was würden Sie mit 157 Millionen Franken tun?

Ich würde ganz unkompliziert einige talentierte Nachwuchsforscher in mein Team nehmen, statt immer bürokratisch Drittmittel beantragen zu müssen.

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Und beim Schweizer Lotto, wie gross ist die Gewinnchance hier?

ETH-Mathematiker Martin Mächler rechnet an der Wandtafel.

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Am Schluss war das Geld weg – die Frau auch

Ein Zürcher Lottoschein holte gestern 157 Millionen. Ausgesorgt? Es kann auch schiefgehen, wie der Fall Werner Bruni zeigt.

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