Politiker, schwer vermittelbar

Das politische Amt als Karrierekiller? Was Zürcher Politiker bei der Stellensuche und von ihren Chefs zu hören bekommen.

«Politisches Engagement wird nicht überall geschätzt»: Beni Schwarzenbach (GLP).<br />Foto: Samuel Schalch

«Politisches Engagement wird nicht überall geschätzt»: Beni Schwarzenbach (GLP).
Foto: Samuel Schalch

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Das Milizamt ist ein undank­bares Privileg. Es ermöglicht einfachen Bürgerinnen und Bürgern, grossen Einfluss auf das Gesetz, auf die Politik zu nehmen. Mit einem Bein stehen sie in der Marktwirtschaft, mit dem anderen im Parlament. Eine Doppelbelastung, vor der viele zurückschrecken.

Immer öfter winken aber auch die Firmen ab. Der Zürcher Headhunter Heinz Brägger kennt die Schwierigkeiten von Politikerinnen und Politikern auf dem ­Stellenmarkt. Er vergleicht das politische Engagement mit jenem beim Militär: früher ein Schmiermittel für die Karriere, heute eher ein Störfaktor in der Privatwirtschaft. «Wer nicht 100 Prozent arbeitet, hat kaum Karrierechancen.»

Alt-Kantonsrat Beni Schwarzenbach denkt ungern an die Zeit seiner Stellensuche zurück. «In der Privatwirtschaft wird politisches Engagement nicht überall geschätzt», sagt der Präsident der Zürcher Grünliberalen. Der 41-Jährige wollte sich 2016 beruflich neu orientieren und kündigte seine Stelle bei der Zürcher Kantonalbank. Die Bewerbungen für eine Stelle als Projektleiter verliefen meist vielversprechend. «Bis mein politisches Engagement und die damit verbundene Frage nach Teilzeit zur Sprache kam», sagt er. «Da wurde das Gespräch oftmals schwierig.» Die Absagen waren jeweils neutral gehalten, gespickt mit Floskelsätzen. Damit gab sich Schwarzenbach nicht zufrieden, er forschte nach. Über Kontakte ­gelangte er an eine interne Mail des Arbeitgebers: Dieser nannte explizit sein politisches Engagement als Absagegrund.

Zürich stark betroffen

Brägger arbeitet seit 2007 als Headhunter in den Branchen Informatik, Finance und Consulting. Er sagt: «Das Milizsystem ist in Gefahr.» Er spüre es vermehrt bei seiner täglichen Arbeit. «Das Vermitteln von Politikerinnen und Politikern ist schwierig», sagt Brägger. Vor allem dann, wenn das politische Mandat häufige und längere Absenzen erfordere. In gewissen Branchen würden keine Absenzen ­toleriert. Getrieben durch die fortschreitende Digitalisierung, würden stattdessen ständige Erreichbarkeit und maximale Flexibilität verlangt.

Ausländische Firmenchefs und Vorgesetzte, die mit dem Milizsystem kaum vertraut seien, hätten tendenziell ­wenig Verständnis für politische Nebenämter, sagt Brägger. Das Gleiche gilt für globalisierte Konzerne, die in der Schweiz zwar einen Sitz haben, jedoch kaum verwurzelt sind. «Ein internationalisierter Wirtschaftsstandort wie Zürich», sagt er, «bekommt diese Veränderungen besonders zu spüren.»

«Dass ich bei der SVP politisiere, hat viele abgeschreckt.» : Christina Zurfluh Fraefel. Foto: PD

SVP-Kantonsrätin Christina Zurfluh Fraefel begab sich in ihrer langen Karriere des Öfteren auf Stellensuche. Die 57-Jährige arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten im Verkauf und Marketing von industriellen Betrieben. Sie teilt den Eindruck, dass Schweizer Vorgesetzte generell mehr Verständnis für politische Nebenämter aufbringen. «Ausländischen Vorgesetzten musste ich jeweils zuerst unser Politsystem erklären», sagt Zurfluh Fraefel. Das habe sie dann meist in ungläubiges Staunen versetzt. «Sie konnten sich nicht vorstellen, dass man quasi als Hobby so viel Einfluss nehmen und sich im Beruf gleichzeitig wieder unterordnen kann.»

Die SVP-Politikerin berichtet zudem von «fadenscheinigen Ausreden», die sie bei Absagen manchmal erhalten habe. Ihre politische Ausrichtung habe es zusätzlich erschwert: «Dass ich bei der SVP politisiere, hat viele abgeschreckt.» Generell hätten es Vertreter von Polparteien schwerer auf dem Arbeitsmarkt, sagt Zurfluh Fraefel.

Ein Abbild der Bevölkerung ist das Parlament sicherlich nicht.

Ein Blick auf die Berufe der Politikerinnen und Politiker im Kanton Zürich zeigt: Ein Abbild der Bevölkerung ist das Parlament sicherlich nicht. Es gibt überdurchschnittlich viele Geschäftsführerinnen und selbstständige Juristen. Jobs, die eine hohe Flexibilität zulassen. Auch viele Beamte sitzen im Parlament. Dies überrascht wenig, denn das Gesetz gewährt Angestellten der Verwaltung, die ein Milizamt ausüben, 15 Arbeitstage bezahlten Urlaub pro Jahr. Ein Job beim Kanton ist allerdings noch kein Garant für politische Freiheiten, wie das Beispiel von SP-Kantonsrat Hanspeter Göldi zeigt. Für ihn wurde das Milizamt zum Karrierekiller.

Hanspeter Göldi von der SP musste sich entscheiden: Beruf oder Politik. Foto: PD

Göldi arbeitete als Küchenverantwortlicher für die Psychiatrische Universitätsklinik. Seit neun Jahren ist er Kantonsrat, dieses Jahr wurde er zudem in den Gemeinderat Meilen gewählt. Göldi stellte bei seinem langjährigen Arbeitgeber einen Antrag, sein Pensum von 90 auf 60 Prozent zu reduzieren. Die Geschäftsleitung lehnte ab, diskussionslos. Obwohl Göldi der Überzeugung ist, dass er seine Funktion auch mit 60 Prozent hätte wahrnehmen können. Er musste sich entscheiden: Beruf oder Politik. Er entschied sich für Letztere und nahm dabei eine Einbusse von 50 Prozent Lohn in Kauf. «Weil ich schon älter bin und etwas Erspartes habe, konnte ich mir diesen Schritt leisten.»

Kulante Grossbanken

Es gibt durchaus Firmen, die den Wert des Milizsystems erkennen und aktiv fördern. Eine stichprobenartige Umfrage bei Grossunternehmen mit Hauptsitz in Zürich zeigt, dass einige ihre politisch aktiven Angestellten durchaus unterstützen. Die Firmen UBS, Credit Suisse und Swiss Re geben an, ihre Angestellten könnten bis zu 20 Prozent der Arbeitszeit für politische Mandate aufwenden.

Alle drei Firmen unterzeichneten ein Bekennerschreiben, mit dem der Schweizerische Arbeitgeberverband und Eco­nomiesuisse die Bedeutung des «Milizprinzips» unterstreichen wollen. Über 200 Firmen und Verbände unterzeichneten das Dokument. Ist dies mehr als ein Lippenbekenntnis? Die Swiss Re beschäftigt derzeit 65 Personen, die ein öffentliches Amt bekleiden. Bei der CS sind es rund 300 Mitarbeitende.

Dieses Jahr führte die Grossbank einen Workshop mit Wahlkampfberatern durch – exklusiv für Mitarbeitende, die bei den eidgenössischen Wahlen kandidieren. Solche Unterstützung ist nicht die Regel. Der Politikwissenschaftler Markus Freitag untersuchte kürzlich die Milizarbeit in der Schweiz. Als Grundlage dient die Befragung von 1800 Miliztätigen. Dabei gibt rund die Hälfte der angestellten Politikerinnen an, keine Unterstützung vom Arbeitgeber zu erhalten.

Amtsantritt verhindert

GLP-Gemeinderat Ronny Siev hatte nicht nur wenig Unterstützung, sein Arbeitgeber verhinderte gar, dass er sein Amt antreten konnte. «Mein Vorgesetzter rümpfte des Öfteren die Nase, wenn ich für die Lokalpolitik das Büro früher verlassen wollte», sagt Siev. Er hatte eine Anstellung bei einer kantonalen Institution in Winterthur. Mit dem Vorgesetzten habe es politische Differenzen gegeben, sagt er. Um sein politisches Amt auszuüben, musste er bei seinem Arbeitgeber ein schriftliches Gesuch stellen. Monate vergingen, bis die ­Erlaubnis da war. Die Folge: Siev konnte sein Gemeinderatsmandat erst mit monatelanger Verspätung antreten. Seit diesem Sommer arbeitet er nicht mehr für den Arbeitgeber. Seither ist er auf Stellensuche.

Erstellt: 01.10.2019, 08:35 Uhr

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