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Polizist schreibt: «Sonst erfährt Ihr Umfeld von Ihrer Krankheit»

Ein Polizist aus dem Kanton Zürich erpresste seinen ehemaligen Arbeitskollegen. Heute musste er sich vor Gericht verantworten.

Das Bezirksgericht Bülach hat am Dienstag einen 50-Jährigen zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt.
Das Bezirksgericht Bülach hat am Dienstag einen 50-Jährigen zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt.
Keystone

Eigentlich hätte er es wissen müssen, dass das nicht gut kommen kann. Denn als Polizist hatte der Mann jeden Tag mit dem Gesetz zu tun, und er wusste, dass er mit seiner Aktion den Job riskiert. Und trotzdem setzte er sich Anfang April 2018 hin und schrieb einen anonymen Brief: «Guten Tag. Deponieren Sie am nächsten Montag, 9. April, CHF 100’000.00 in einem Plastiksack an einem Ort, welchen ich Ihnen noch bekannt geben werde. Sonst wird Ihr Umfeld von Ihrer Krankheit erfahren. Lassen Sie die Polizei aus dem Spiel.» Wenn der Empfänger der Aufforderung nicht nachkäme, würde er mehreren Medien erzählen, dass der Empfänger eine HIV-Erkrankung habe und mit mehreren Frauen ungeschützten Geschlechtsverkehr praktizieren würde.

Der Empfänger des Erpressungsbriefs war dem Polizisten bestens bekannt, es handelte sich um einen ehemaligen Kollegen. Drei Tage später verschickte er erneut einen Brief: «Deponieren Sie das Geld unter die rote Bank. 21.00 Uhr» und unter dem Text ein Foto einer roten Sitzbank in einem Rebberg im Bezirk Bülach.

Pistole bei Hausdurchsuchung entdeckt

Die Krankheit war erfunden, und der Empfänger kam der Aufforderung nicht nach, sondern schaltete die Kantonspolizei Zürich ein. Diese beobachtete, wie der Regionalpolizist um 22.30 Uhr sich zur Sitzbank im Rebberg begab und das Geld suchte. Zwei Tage darauf nutzte der mutmassliche Erpresser seinen Zugang zum Polizei-Informationssystem Polis und suchte darin seinen ehemaligen Arbeitskollegen, obwohl die Verwendung zu privaten Zwecken verboten ist.

Zwei Wochen später wurde der Polizist von den Kollegen der Kantonspolizei frühmorgens zu Hause geweckt. Bei der Hausdurchsuchung entdeckten die Polizisten noch eine Pistole, die der Beschuldigte vier Jahre zuvor an sich genommen hatte. Es handelte sich um eine Waffe einer Privatperson, die sichergestellt worden war und hätte vernichtet werden sollen.

Heute Dienstag stand der 50-jährige Polizist schliesslich vor dem Bezirksgericht Bülach. Zugelassen waren bloss akkreditierte Medienvertreter, weil das Gericht auf Antrag des Opfers dessen Identität schützen wollte.

«Moralisch nichts falsch gemacht»

Was die Anwesenden dann zu hören bekamen, war allerdings nicht sonderlich viel. Die Gerichtsverhandlung fand im sogenannten abgekürzten Verfahren statt, denn der Beschuldigte hatte die Vorwürfe bereits im Vorfeld akzeptiert und hatte mit der Staatsanwaltschaft einen Deal ausgehandelt: Man einigte sich auf eine bedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten. So hielten die Parteien keine Plädoyers, und der Bezirksrichter befragte den Beschuldigten lediglich knapp zur Sache.

Dabei sagte der 50-Jährige einen bemerkenswerten Satz, den er schon in der Untersuchung gesagt hatte: «Moralisch gesehen habe ich nichts falsch gemacht.» Er habe seinem ehemaligen Arbeitskollegen einen Denkzettel verpassen wollen. Das Geld habe ihn dabei nicht interessiert.

Sehr viel verloren

Offenbar wurde der Beschuldigte vor Jahren von seinem damaligen Vorgesetzten gemobbt und musste deshalb den Wohnort und seine Stelle wechseln. Der Empfänger des Erpresserbriefs war bei diesem Mobbing zwar nicht direkt beteiligt, aber der Beschuldigte fühlte sich von seinem ehemaligen Arbeitskollegen zu wenig unterstützt. Und als dann dieser in der Nachbarschaft am neuen Wohnort des Polizisten auch noch schlecht über ihn sprach, da wollte sich der 50-Jährige rächen.

Statt 100’000 Franken zu erhalten, hat der 50-Jährige nun aber sehr viel verloren. Er ist arbeitslos, wohnt mit seiner Familie in Osteuropa und dürfte bald einen Eintrag im Strafregister erhalten, wegen versuchter Erpressung, Amtsmissbrauchs, unrechtmässiger Aneignung und eines Vergehens gegen das Waffengesetz. Das Gericht akzeptierte nämlich nach kurzer Beratung den Urteilsvorschlag der Staatsanwaltschaft.

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