«Polizisten erschrecken oft erst im Nachhinein»

Polizeipsychologe Michael Stark kennt die Folgen der zunehmenden Gewalt gegen die Ordnungshüter. Er weiss, wie Polizisten die Attacken verarbeiten.

An Ausschreitung werden Polizisten zu «stellvertretenden Zielscheiben»: Beamte im Ordnungsdienst am 1. Mai in Zürich.

An Ausschreitung werden Polizisten zu «stellvertretenden Zielscheiben»: Beamte im Ordnungsdienst am 1. Mai in Zürich. Bild: Keystone

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Herr Stark, die Gewalt an Polizisten nimmt zu, sind Sie als Psychologe deshalb mehr gefragt?
Es ist nicht so, dass die Stadtpolizisten – und selbstverständlich meine ich damit immer auch Polizistinnen – jetzt plötzlich scharenweise bei uns Psychologen für Gespräche Schlange stehen. Wir haben aber festgestellt, dass das Bedürfnis der Polizisten, sich untereinander auszutauschen, stark zugenommen hat. Sie sind ob dieser Entwicklung sehr in Sorge. Zudem wird das Unverständnis für diese Art Gewalt im Korps immer grösser.

Was meinen Sie damit?
Nehmen wir zwei Beispiele: Wenn ein Einsatz wegen häuslicher Gewalt eskaliert und dann jemand einen Polizisten angreift, kann dieser im Nachgang des Einsatzes in der Regel nachvollziehen, wie es dazu kommen konnte. Er ist in der Lage, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen. Entsteht die Gewalt aber im Rahmen einer Demonstration – also aus dem Bedürfnis heraus, ein Anliegen öffentlich kundzutun – fehlt ihm das Verständnis. Schliesslich sind dazu ja eigentlich keine Aggressionen nötig. Und sind die Polizisten dann noch sozusagen stellvertretend die Zielscheibe, ist ihr Unverständnis umso grösser.

Was hat das für Folgen?
Da sind mehrere Komponenten. Einerseits sind da die Steine oder Leuchtpetarden, die einem Polizisten entgegenfliegen. Er kann sie mit seinem Schild abwehren. Trotzdem können sie tiefe Spuren hinterlassen. Polizisten erschrecken oft erst im Nachhinein, wenn ihnen bewusst wird, was hätte passieren können, was dies für ihre Familien für Konsequenzen hätte und nicht zuletzt die Frage: Bin ich dafür Polizist geworden?

Haben die Polizisten mehr Angst?
Nein, das würde ich nicht sagen. Sie machen sich vermehrt Gedanken. Sie reden häufiger miteinander darüber. Sie bereiten sich anders vor – wappnen sich mental für die Eventualitäten.

Verlangt der Beruf den Beamten heute mehr mentale Stärke ab?
Das ist eine schwierige Frage. Es braucht eine andere Art der mentalen Vorbereitung. Vor allem aber, dass sie sich nach einem gewalttätigen Einsatz ins Gedächtnis rufen, dass es zwar eine schwierige Situation war, das normale Leben aber grundsätzlich anders aussieht. Es geht dabei darum, nicht in Gedankenkonstrukte zu versinken, in denen jeder Bürger potenziell der Polizei gegenüber gewalttätig ist. Schliesslich ist die Mehrheit der Kontakte mit der Bevölkerung positiv – diese Erfahrungen sind es, die Polizisten immer wieder von Neuem motivieren, auch den Strapazen zu begegnen.

Wie kommen die Polizisten mit der steigenden Gewalt klar?
Das kommt darauf an, wie die Situation ausgegangen ist. Handelt es sich um ein Szenario wie eine Kneipenschlägerei, in die ein Polizist grundsätzlich in seinem Alltag hineingeraten kann, tut er es in der Regel ab mit ‹noch mal Glück gehabt›. Ist er im Ordnungsdienst bei einer Demonstration unterwegs und wird aus einer Gruppe heraus angegriffen, macht ihm das erwähnte Unverständnis sicherlich zu schaffen.

Geht das auf die Dauer gut?
Es hängt viel davon ab, wie stabil das berufliche, soziale und private Umfeld der Beamten ist. Es kommt etwa sehr darauf an, wie der Einzelne im Team eingebettet ist – ob er also dort über Erlebtes reden kann, um es zu verarbeiten. Unabdingbar ist aber auch, dass er in seinem Privatleben diesbezüglich gut aufgehoben ist. Andernfalls ist es wichtig, dass er unsere Unterstützung in Anspruch nimmt. Auf die Dauer ist dann zwar das Unverständnis da, es lässt die Polizisten aber nicht grundsätzlich an ihrem Beruf zweifeln und bringt sie nicht in eine ungute Richtung.

Was bedeutet eine ungute Richtung konkret?
Das können gesundheitliche Konsequenzen wie Schlafstörungen, Burn-outs oder posttraumatische Reaktionen sein, aber auch nagende Zweifel der Betroffenen, ob der Beruf überhaupt noch tragbar ist.

Erstellt: 02.03.2016, 12:27 Uhr

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Michael Stark ist Psychologe bei der Stadtpolizei Zürich und betreut seit acht Jahren deren Mitarbeitende.

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