Zürcher Polizisten mit drei Porsches überfordert

Ein Porsche-Fahrer wurde gebüsst, weil er seinen Motor übermässig habe aufheulen lassen. Doch dann wurde es kompliziert.

Tönt ohnehin anders als ein gewöhnliches Auto, befand der Richter: Porsche 911 GT3 RS (Symbolbild: Getty Images)

Tönt ohnehin anders als ein gewöhnliches Auto, befand der Richter: Porsche 911 GT3 RS (Symbolbild: Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Samstagabend, 21. Mai 2016, 22.45 Uhr, Ecke Nüscheler-/ St. Peterstrasse in Zürich. Drei Beamte der Stadtpolizei führen eine Schwerpunktkontrolle durch. Möglicherweise deshalb entsteht bei anhaltend regem Verkehr eine stockende, nur langsam vorwärtskommende Kolonne.

Fahrzeuge kaum zu unterscheiden

In dieser Kolonne stecken auch fünf Kollegen, die mit drei technisch absolut identischen Modellen Porsche 911 GT3 RS unterwegs sind. Die drei Fahrzeuge, Listenpreis je gut eine Viertelmillion Franken, sind auch sonst kaum zu unterscheiden: Zwei sind orangefarbig, einer ist weiss-orange-farbig.

An jenem Abend war einer der Wachtmeister als «ziviles Element» zu Fuss unterwegs und meldete den Kollegen nötigenfalls die zu kontrollierenden Fahrzeuge. Dabei fiel ihm offenbar ein orangefarbiger Porsche auf, dessen Motor auf der Nüschelerstrasse in der stockenden Kolonne immer wieder stark hochgedreht wurde. Laut Polizeirapport kontrollierten die beiden Kollegen in der Folge den Fahrer dieses Porsches.

Zunächst mit 100 Franken gebüsst

Elf Monate später landete ein Strafbefehl beim Porsche-Fahrer, einem 28-jährigen Mann aus dem Kanton Thurgau, auf dessen Firma das orangefarbige Auto zugelassen war. Das Stadtrichteramt, das eine Busse von 100 Franken verhängte, hatte sich im Wesentlichen auf den Rapport der Stadtpolizei sowie die Aussagen der Polizisten und der Porsche-Insassen abgestützt.

Doch der 28-Jährige wandte sich ans Bezirksgericht Zürich und bestritt, damals durch seine Fahrweise vermeidbaren Lärm durch Hochdrehen des Motors verursacht zu haben. Er sei anständig gefahren und habe mit seinem Auto, das über ein Automatikgetriebe verfügt, im Stop-and-go-Verkehr weder zu schnell fahren noch stärker Gas geben können.

Widersprüche, Erinnerungslücken

Weil das Stadtrichteramt am Strafbefehl festhielt, musste sich der Einzelrichter am Bezirksgericht mit den einzelnen Aussagen, vor allem jenen der Polizisten, detailliert auseinandersetzen. Und da trat zutage, was der Richter mit «mehrere Auffälligkeiten, Unstimmigkeiten, Widersprüche sowie auch Erinnerungslücken» zusammenfasste.

So war den Beamten nicht einmal aufgefallen, dass da drei praktisch identische Porsches hintereinander standen. Der Richter: «Es ist zu betonen, dass selbst für die Stadt Zürich, in welcher Automodelle im oberen Preissegment nichts Ungewöhnliches sind, drei unmittelbar hintereinander fahrende identische Porsches mit derart auffälligen Farben kein alltägliches Bild darstellt.»

Es wäre deshalb zu erwarten gewesen, so der Richter weiter, dass dies den Polizisten aufgefallen und in Erinnerung geblieben wäre. «Dem ist aber nicht so.» Und das «erstaunt und lässt bereits Zweifel an deren Wahrnehmung und Erinnerungsvermögen, mithin an der Identifikation des die Motorengeräusche verursachenden Fahrzeugs aufkommen».

Im Zweifel für den Angeklagten

Dazu kam, dass die beiden kontrollierenden Polizisten nach dem Funkspruch ihres Kollegen nicht etwa den richtigen Porsche-Fahrer inspizierten, sondern die beiden Fahrzeuge vor ihm. Auch das leuchte nicht ein, wenn man davon ausgehe, dass bei einer Funkmeldung unter anderem auch das Kontrollschild durchgegeben werde. Der Einzelrichter zählte noch weitere «Diskrepanzen» auf. So war unklar, aus welcher Distanz der als «ziviles Element» tätige Polizist den Lärm überhaupt wahrnahm. Denn dass er neben dem Auto hergegangen sei, konnte schlicht nicht stimmen.

Bei dieser Beweislage konnte der Einzelrichter nur noch feststellen, dass offen bleiben muss, «von welchem Fahrzeug der angebliche Lärm letztlich ausging». Die Folge: Freispruch nach dem Grundsatz «Im Zweifel für den Angeklagten». Abschliessend wies der Richter auf die Aussage des Chefexperten auf die Fahrzeugprüfung hin, wonach ein Porsche dieses Modells anders als ein gewöhnliches Auto tönt, auch wenn es sich normal im Strassenverkehr bewegt. Mit anderen Worten: Möglicherweise war der vom Polizisten wahrgenommene Lärm gar nicht vermeidbar. Und somit auch nicht strafbar.

Stadtrichteramt verliert auch vor Obergericht

Den Freispruch akzeptierte das Stadtrichteramt nicht und wandte sich ans Obergericht. Dass der Einzelrichter unhaltbare Schlüsse gezogen, erhebliche Beweise übersehen oder solche grundlos ausser Acht gelassen habe, lege das Stadtrichteramt nicht dar, entschied das Obergericht in einem schriftlichen Verfahren.

Da der Entscheid des Einzelrichters nicht offensichtlich unrichtig und deshalb willkürlich ist, blieb dem Obergericht nichts anderes übrig, als den Freispruch zu bestätigen.

Erstellt: 09.01.2020, 17:06 Uhr

Artikel zum Thema

Sozialdemokrat im Porsche – und der Knüppel folgt sogleich

Analyse Georg Dornauer fährt einen Macan und wird dafür nun angeprangert. Zu Unrecht, findet unser Autor. Mehr...

Privates Video entlastet «Porsche-Rowdy» in Zürcher Klimademo

Überwachungsbilder einer nahen Synagoge haben geholfen, einen Porsche-Fahrer vor Gericht freizusprechen. Doch gemäss Datenschützer sind die Bilder illegal. Mehr...

Der Luxus-Porsche «sah super aus»

Das Auto-Inserat im Internet wirkte wie das perfekte Schnäppchen. Dann erlebte ein Rentner eine böse Überraschung. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Erneuerbar heizen für eine gesunde Umwelt

Alle erneuerbaren Heizsysteme haben gemeinsam, dass sie die CO2-Emissionen reduzieren, den Wiederverkaufswert Ihrer Liegenschaft erhöhen und langfristig die Heizkosten senken.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...