Präzisionssport statt Gartenplausch

Beim klassischen Boccia geht es nüchterner zu als beim Pétanque – Spass macht es trotzdem. Die Bocciatori in Winterthur haben jedoch ein Nachwuchsproblem.

Mit einem gekonnten Wurf gewinnt der Autor die Anerkennung der Umstehenden im Bocciodromo. Foto: Raisa Durandi

Mit einem gekonnten Wurf gewinnt der Autor die Anerkennung der Umstehenden im Bocciodromo. Foto: Raisa Durandi

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«Nicht werfen», ruft der Instruktor – nicht zum ersten Mal. Und jetzt endlich verstehe ich, lasse die wild gemusterte Kunststeinkugel nicht fallen, sondern über die Fingerkuppen auf die mit feinem Sand gezuckerte Bahn gleiten. Da nimmt sie, wie von Geisterhand geführt, Geschwindigkeit auf. So scheint es zumindest. Das Gleiten der Kugel erinnert an Curling. Es ist so ganz anders als auf der holprigen Sand-Bocciabahn im Garten meiner Eltern, auf der ich als Kind gespielt habe.

Jedes Jahr im Frühsommer halfen die Kinder beim Präparieren der Bahn: die mit Moos bewachsene und von Grasbüscheln durchsetzte oberste Sandschicht auflockern, mit einem Kompostsieb den noch brauchbaren Sand zurückgewinnen, mit neuem vermischen, glätten, walzen. Es dauerte Tage. Immerhin: Die Boccie rollten schnurgerade auf den Pallino, die kleine rote Zielkugel, zu. Zumindest in den ersten Wochen. Aber mal ehrlich, die besten Spiele sind die, wo einem der Zufall ins Handwerk pfuscht, sobald es zu ernst wird. Wo das Glück, hier in Form eines Steinchens, das Spiel in unvorhergesehene Bahnen lenkt.

Ein Fuss nach vorne, der andere stabilisiert: ein Bocciatore spielt seine Kugel. Foto: Raisa Durandi

Nicht so im Bocciodromo in Winterthur. Hier geht es um Präzision: Farbige Linien (bei 4, 7, 9 und 13,25 Metern) zeigen an, wie weit sich die Spieler bei welchem Wurf bewegen dürfen. «Bei uns ist nichts mit Halbeli Rotem und so», sagt Bruno Nicolussi, Vizepräsident der Unione Bocciofila Winterthur. Zumindest nicht auf dem Spielfeld. Er sagts mit Blick auf die Kiesfläche der Pétanque-Spieler in der gemeinsamen Halle.

Regeln, Regeln, Regeln

Klassisches Boccia, wie es in Norditalien gespielt wird, ist Präzisionssport: So durften fremde Kugeln und der Pallino beim Setzen bis vor kurzem nicht weiter als 50 Zentimeter verschoben werden (inzwischen sind es 70 Zentimeter), sonst kann der Gegner den Wurf für ungültig erklären. Das Regelwerk füllt mehrere Seiten, ist Gegenstand langer Diskussionen: Die Italiener kennen andere Regeln als die Schweizer, zwei verschiedene sogar, je nach Niveau. Und der Weltbocciaverband hat noch mal andere Regeln aufgestellt. Man munkelt, Boccia wäre längst olympisch, wenn man sich nur hätte einigen können.

Vielleicht liegts ja an der Bürokratie, dass die italienische Variante des uralten Kugelsports darbt, während das französische Pétanque an Popularität gewinnt? In den Neunzigern, als der Winterthurer Bocciodromo erbaut wurde, gab es 9000 lizenzierte Spieler im Land. Auf den Bahnen im Arbeiterquartier war täglich nach Feierabend Hochbetrieb. Heute haben noch 2500 Spieler eine Lizenz, und das grösste Aufkommen ist am Nachmittag. «Die meisten Spieler sind pensioniert, haben Zeit.» Nicolussi zuckt mit den Schultern.

Blumenwiese statt Bocciabahn

Der Vizepräsident bemüht sich um Nachwuchs, hat extra einen Instruktorenkurs besucht. Und gibt mir fürs Setzen der Kugel die neuesten Tipps: ein Fuss nach vorne, der andere stabilisiert, nach vorne beugen, Ziel fokussieren, eine imaginäre Linie auf dem Boden ziehen, die Kugel am langen Arm pendeln lassen, «nicht mehr aufs Ziel schauen», und sie auf die Bahn rollen lassen.

Bis vor acht Jahren hat Nicolussi Tennis gespielt. Dann haben die Knie nicht mehr mitgemacht. Er erinnerte sich an seine Jugend in den Bergen im Trentino, wo er auf einer Sandbahn gespielt hatte. «Alles war erlaubt, Bandenspiel, sogar über die Rückwand.» Nun ist er seit acht Jahren Setzer in Winterthur, die Wurftechniken, Raffa und Volo, übernehmen bei Turnieren jeweils die noch erfahreneren Spieler.

Die farbigen Kugeln werden mit Konzentration und Präzision geworfen. Foto: Raisa Durandi

Dabei sind es doch die Würfe, die begeisterten. Beim Raffa (Anlaufen bis zur 4-Meter-Linie, Auftreffen frühestens bei 9 Metern) schiesst man eine oder mehrere vorher bezeichnete Kugeln des Gegners weg. Natürlich nur, wenn das Setzen einer eigenen Kugel aussichtslos ist. Beim Volo, dem Flugwurf (Anlauf bis zur 9-Meter-Linie, Auftreffen maximal 40 Zentimeter vom angesagten Ziel entfernt), hofft man auf das Klacken, wenn die eigene die gegnerische Kugel wegspickt und sich exakt an ihre Stelle setzt. Der Traum jedes Bocciatore.

Daran wage ich mich nicht, aber als es eine Kugel meines Gegners abzuschiessen gilt, ist sie plötzlich wieder da, die Konzentration, die sich beim Üben des Setzens auf der ungewohnt grossen Bahn verflüchtigt hatte: Ich fixiere das Ziel, ein paar schnelle Schritte, die Kugel fliegt knapp über die 9-Meter-Linie, gleitet über die Bahn wie ein Geschoss und knallt weit hinten die gegnerische Kugel an die Bande: ein perfekter Raffa, anerkennendes Raunen rundum.

Die Bocciabahn im Garten meiner Eltern ist übrigens vor Jahren zur Wildblumenwiese geworden, unter meiner tatkräftigen Mithilfe. Der Sand: perfekt für Nelken und Wiesensalbei. Das macht so auch viel weniger Arbeit. Doch jetzt vermisse ich die Bahn meiner Kindheit.

Erstellt: 05.08.2019, 19:49 Uhr

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