Franz und Englisch sind besser als ihr Ruf

Konservative Politiker wollen in der Primarschule eine Fremdsprache streichen. Der Aufwand lohne sich nicht. Wissenschaftler sind anderer Ansicht.

Sind die Zürcher Primarschüler mit dem Lernen von zwei Fremdsprachen überfordert? Foto: Gabi Vogt (13 Photo)

Sind die Zürcher Primarschüler mit dem Lernen von zwei Fremdsprachen überfordert? Foto: Gabi Vogt (13 Photo)

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Nach fast exakt zehn Jahren ist es wieder so weit: Das Zürcher Volk muss darüber entscheiden, ob in der Primarschule eine Fremdsprache aus dem Stundenplan gestrichen werden soll. Derzeit wird ab der 2. Klasse Englisch und ab der 5. Klasse Französisch unterrichtet.

Damals, am 26. November 2006, lehnten die Zürcher die Volksinitiative mit über 58 Prozent Nein-Stimmen ab und sagten Ja zum doppelten Fremdsprachenunterricht in der Primarschule. Die Argumente, die Kinder würden nicht mehr richtig Deutsch lernen und seien im Primarschulalter mit zwei Fremdsprachen überfordert, waren für die Stimmberechtigten nicht stichhaltig genug. Sie gewichteten die steigende Bedeutung der Sprachen in Beruf und Gesellschaft stärker als angebliche Probleme im Unterricht. Zudem glaubten sie, eine Sprache lerne sich leichter, je früher man beginne.

Sprachenkonzept gescheitert?

Nun doppeln die Initianten von damals nach. «Die Erfolge sind ausgeblieben, das Sprachenkonzept ist gescheitert», sagt etwa der ehemalige Bildungsrat und inzwischen pensionierte Seklehrer Hans-Peter Amstutz. Für ihn und seine Mitstreiter sind die Bedingungen fürs Fremdsprachenlernen in der Primarschule so schlecht, dass der Unterricht nutzlos sei. Die Klassen seien zu gross und die Zahl der Lektionen zu klein.

Im Unterschied zum letzten Mal haben die Initianten diesmal die volle Unterstützung der kantonalen Lehrerverbände. In einer Umfrage des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (ZLV) haben sich fast 80 Prozent für die neue Volksinitiative ausgesprochen. Support gibts diesmal auch aus der Forschung. Die Zürcher Sprachwissenschaftlerin Simone Pfenninger hat im Herbst 2014 in einer Langzeitstudie herausgefunden, dass Zürcher Gymnasiasten, die erst in der Sekundarschule Englisch hatten, ihren Rückstand auf die Frühenglischlerner unter ihren Kameraden in sechs Monaten aufgeholt hatten.

Keine Überforderung

Pfenninger hat zwar wiederholt betont, sie verstehe ihr Studienergebnis nicht als Aufforderung zur Abschaffung der zweiten Fremdsprache in der Primarschule. Dennoch wüssten die Stimmberechtigten gern, wie gut oder eben wie schlecht der Fremdsprachenunterricht in der Primarschule tatsächlich ist.

Aussagen dazu macht eine Arbeit aus dem Institut für Mehrsprachigkeit der Universität Freiburg. Dort haben Forscher die Erkenntnisse aus 25 kantonalen Studien zum Fremdsprachenunterricht analysiert. Dabei zeigte sich: Primarschüler sind mit dem Erlernen von zwei Sprachen nicht generell überfordert, wie die Initianten behaupten. Überfordert seien nur Kinder, die in anderen Fächern auch Mühe hätten. Interessant ist auch, dass jene Eltern und Lehrpersonen, die gegen eine zweite Fremdsprache an der Primarschule sind, ihre eigenen Kinder nicht als überfordert einschätzen.

Zudem hat Überforderung nichts mit der Muttersprache zu tun. Zwar erreichen jene Kinder, die zu Hause Deutsch sprechen, leicht bessere Noten in den Fremdsprachen als Kinder mit einem Migrationshintergrund. Die Forscher führen dies aber auf die privilegiertere Herkunft von einheimischen Kindern zurück.

Motivation als Erfolgsfaktor

Als grössten Erfolgsfaktor im Sprachunterricht haben die Forscher die Motivation eruiert. Kinder, die eine positive Einstellung zu Französisch und Englisch haben, erreichen auch die signifikant besseren Leistungen. Und die Motivation der Schüler wird wesentlich durch die Motivation der Lehrperson beeinflusst. Das heisst: Wenn ein Kind eine motivierte Franzlehrerin hat, wird es mehr lernen und bessere Noten schreiben.

Zu den Leistungen im Fremdsprachenunterricht macht die Analyse nur vage Angaben. Man könne die Resultate der verschiedenen Studien nur schwer vergleichen. Allerdings wird nicht gesagt, dass die Kinder die Lernziele nicht erreichen können. Im Gegenteil. Urs Moser vom Institut für Bildungsevaluation an der Universität Zürich misst seit zehn Jahren die Leistungen beim Frühenglisch im Kanton Aargau und sieht dort einen ähnlichen Lernerfolg, wie er in anderen Schulfächern zu sehen ist: «Der frühe Englischunterricht zeigt Wirkung, und die Lernziele werden von einem Grossteil der Schüler erreicht.»

Für den Französischunterricht kann er keine eigenen Messresultate vorweisen. Eine aktuelle Studie aus der Innerschweiz zeige aber, dass der Lernerfolg im Fach Französisch leicht schlechter sei.

«Niemand würde auf die Idee kommen, Deutsch oder Mathematik aus dem Stundenplanzu streichen.»Urs Moser, Universität Zürich

Moser relativiert auch die Erkenntnisse von Simone Pfenninger, weil sie ausschliesslich die Leistungen von Gymnasiasten untersucht hat: «Clevere Schüler haben verpasstes Primarschulwissen eben generell schnell aufgeholt.» Daraus zu schliessen, man müsse Englisch (oder Französisch) in der Primarschule streichen, sei falsch. Denn ähnliche Effekte liessen sich wohl auch in Mathematik oder Deutsch nachweisen. «Niemand würde auf die Idee kommen, ein solches Fach deswegen zu streichen.»

Ähnlich argumentiert Sprachdidaktikerin Christine Le Pape Racine von der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz: «Dass nach dem Fremdsprachenunterricht der Primarschule wieder bei null begonnen werden muss, ist ein ewig wiederkehrendes Argument, das in erster Linie die Arbeit der Lehrpersonen abwertet.» Abgesehen davon seien solche Aussagen demotivierend für Schüler und Lehrer.

Ältere lernen schneller

In einem Punkt hat sich der wissenschaftliche Standpunkt in den letzten zehn Jahren geändert. Die Aussage, wonach kleine Kinder eine Sprache schneller lernen als grosse, hat sich als falsch erwiesen – wenigstens in Bezug auf das schulische Sprachenlernen. Das Gegenteil ist richtig, ältere Kinder lernen schneller. Dennoch bleiben Moser und Le Pape Racine dabei: In der Primarschule soll sowohl Englisch wie Französisch unterrichtet werden. Moser: «Wenn man früher mit dem Lernen beginnt, weiss man am Ende der Volksschule mehr.»

Zusammengefasst kann man sagen: Die Bildungsforschung ist in der Fremdsprachenfrage keine zuverlässige Partnerin – weder für Gegner noch Befürworter. Oder wie Stefan Wolter, Leiter der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung, in der NZZ sagte: «Wer den Unterricht einer zweiten Fremdsprache aus der Primarschule verbannen will, kann dies mit Sicherheit nicht wissenschaftlich begründen.» Eine solche Entscheidung sei rein politisch motiviert.

Eltern gegen die Initiative

Zu reden gibt die Volksinitiative auch unter den Eltern. Deshalb hat der Verband der Elterngremien im Kanton Zürich KEO (Kantonale Elternmitwirkungs-Organisation) eine Umfrage durchgeführt. 60 Prozent der Befragten sprachen sich für den Status quo aus, also zwei Fremdsprachen in der Primarschule. Und als erste Fremdsprache wünscht sich die Mehrheit Englisch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2016, 12:33 Uhr

Den Sprachfrieden nicht mit der «Abrissbirne» zerstören

Der Kantonsrat hat die Initiative zur Streichung der zweiten Fremdsprache in der Primarschule klar abgelehnt.

Viel hat sich im Kantonsrat in den letzten zehn Jahren nicht geändert. Im Juli 2006 hatte das Kantonsparlament die Volksinitiative zur Streichung der zweiten Fremdsprache an der Primarschule mit 90:65 Stimmen abgelehnt. Gestern fiel der gleiche Entscheid mit 96:68 Stimmen. Auch die Meinungen innerhalb der Parteien haben sich kaum verändert – mit einer erstaunlichen Ausnahme.

«Ein Ja zur Initiative käme einer Kapitulation gleich.»H. Hugentobler, EVP-Kantonsrat

Die EVP, vor zehn Jahren noch an vorderster Front bei den Initianten dabei, stimmte gestern gegen das Volksbegehren. «Wir treten ein für eine zukunftsorientierte Bildung», sagte Hans­peter Hugentobler (EVP, Pfäffikon). Ein Ja zur Initiative käme seiner Meinung nach einer Kapitulation gleich. Parteipräsident Johannes Zollinger bestätigte gestern am Rande der Debatte, dass die Wende in der Fraktion mit dem Rücktritt des damaligen Meinungsmachers Hans-Peter Amstutz zusammenhänge.

Geschlossen für die Initiative «Mehr Qualität – eine Fremdsprache an der Primarschule» votierte die SVP. Für Fraktionssprecherin Anita Borer (Uster) ist dies eine logische Forderung. «Das frühe Fremdsprachenlernen ist wissenschaftlich umstritten.» Auch wies sie auf die Überlastung des Schulpersonals hin und auf mögliches Sparpotenzial in der Lehrerausbildung. Rochus Burtscher (Dietikon) redete von «Zwängerei», wenn man an der zweiten Fremdsprache festhalte. «Mit diesem Unterricht produzieren wir frustrierte Schüler.» Neben der EDU stimmte auch die Mehrheit der Grünliberalen für die Initiative. Christoph Ziegler (GLP, Elgg) sprach von «Symbolunterricht». Mit der Streichung einer Fremdsprache könne er als Sekundarlehrer nachhaltigen Erfolg garantieren.

«Mit der Streichung einer Sprache können wir den Aufwand senken.»Anita Borer, SVP-Kantonsrätin

Die Gegner der Initiative räumten ein, dass es im Unterricht Schwächen gebe. Doch darauf müsse man mit Verbesserung und nicht mit Streichung reagieren. FDP-Sprecherin Cäcilia Hänni (Zürich) sprach von einem «Salto rückwärts». Mit der Initiative werde der Lernwillen der Kinder missachtet. Französisch und Englisch seien ein Must, wenn man beruflich etwas erreichen wolle. Die CVP befürchtet, dass bei einem Ja Englisch auf die Oberstufe verschoben würde, was für Corinne Thomet (Kloten) «nicht akzeptabel» wäre.

Benno Scherrer (GLP-Minderheit, Uster) betonte, der Kanton Zürich könne mit einem Nein zur Initiative ein Zeichen setzen – für die internationale Ausrichtung Zürichs und für die Mehrsprachigkeit der Schweiz. Bei den Linken wurde die politische Dimension der Vorlage ebenfalls stark gewichtet. So fürchtete etwa Karin Fehr Thoma (Grüne, Uster) Irritationen in der Romandie. Ruedi Lais (SP, Wallisellen) warnte davor, den Sprachenfrieden in der Schweiz mit der «Abrissbirne» zu zerstören. Er wies zudem auf die zunehmende Benachteiligung sprachlicher Minderheiten in Osteuropa hin, die man mit der Initiative auch in der Schweiz fördere.

Unter den Buh­rufen aus der SVP fragte Lais: «Sind wir eigentlich blöd, künstlich das Problem des Sprachennationalismus zu importieren?» Bei den Sozialdemokraten hat die Initiative allerdings auch einige Sympathisanten. Fünf von ihnen haben sich bei der Abstimmung enthalten.

«Wir dürfen das Niveau an der Primarschule nicht senken.»Silvia Steiner, CVP-Regierungsrätin

Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) betonte, in der Schule gebe es mindestens so viele Unter- wie Überforderte. Darum dürfe man das Niveau an der Primarschule nicht senken. Sie wies auch auf den finanziellen Schaden einer Streichung hin. Bisher hat der Kanton 41 Millionen Franken an die Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen bezahlt. Dazu kommen Investitionen in Lehrmittel, die überflüssig würden. Die Volksabstimmung findet voraussichtlich im ersten Halbjahr 2017 statt.

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