Professorin beklagt Korruption – ETH wehrt sich

Im Physikdepartement der ETH gibt es nur zwei Professorinnen für Physik. Eine soll nun entlassen werden – die andere kritisiert dies scharf. Die ETH widerspricht den Vorwürfen.

Diese Wissenschaftlerin fühlt sich ungerecht behandelt: Ursula Keller anlässlich einer Auszeichnung mit dem Europäischen Erfinderpreis. Bild: Fabienne Andreoli

Diese Wissenschaftlerin fühlt sich ungerecht behandelt: Ursula Keller anlässlich einer Auszeichnung mit dem Europäischen Erfinderpreis. Bild: Fabienne Andreoli

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Diese Vorwürfe an die Adresse der ETH haben es in sich: Von Führungsmängeln an der Hochschule, Sexismus und Korruption spricht Physikprofessorin Ursula Keller in einem Interview mit dem Onlinemagazin «Republik». Es habe zu viele Ungereimtheiten gegeben, als dass man ihre Kollegin Marcella Carollo mit gutem Gewissen entlassen könnte. Die ETH plant deren Entlassung wegen Vorwürfen, sie habe sich gegenüber Doktorierenden unkorrekt verhalten.

Keller hält dagegen, im Schweizerischen Rechtsstaat hätten Beschuldigte als unschuldig zu gelten, solange ihnen keine Verfehlung zweifelsfrei nachgewiesen sei. Die gegen Carollo erhobenen Vorwürfe seien nie mit der gebotenen Sorgfalt überprüft worden. Deshalb könne niemand sagen, ob die Professorin oder die Doktoranden die Wahrheit sagten.

«Ich bin die heutige Anna Göldi»

Carollo selbst betonte in einem Interview mit der «Weltwoche», die ETH habe nie gesagt, welches unangemessene Benehmen sie ihr vorwerfe. Den in den Medien erhobenen Vorwurf des Mobbings weist sie zurück. Sie sei nie beleidigend gewesen. Sie habe nur sichergestellt, dass die Doktoranden ihr maximales Potenzial erreichten.

Die ETH nimmt Stellung zur Berichterstattung der «Republik» und der «Weltwoche», die voller einseitiger Anschuldigungen sein. Der Vorwurf der Professorin etwa, sie sei nicht angehört worden, stimme nicht. «Die Professorin wurde im Frühjahr 2017 in mehreren Gesprächen mit den Vorwürfen aus den Testimonials konfrontiert», schreibt die Medienstelle der ETH. Carollo habe während der Administrativuntersuchung ihre Sicht der Dinge ausführlich darlegen können. Dabei sei sie mit den Aussagen der Befragten konfrontiert worden und erhielt im Nachgang deren Gesprächsprotokolle. «Zudem nahm sie zum Entwurf des Untersuchungsberichtes ausführlich Stellung.»

«Ich bat meine Studenten, eine Stunde täglich zu lesen, benutzte aber niemals eine unangemessene Sprache.»Marcella Carollo, von der Entlassung bedrohte Professorin

Im «Weltwoche»-Interview sagt die Professorin: «Ich bat meine Studenten, eine Stunde täglich zu lesen, benutzte aber niemals eine unangemessene Sprache und sprach schon gar nicht von irgendwelchen Gehirngrössen.» Der «Tages-Anzeiger» berichtete 2017 über mehrere Doktorandinnen und Doktoranden, die sich über das Verhalten der Professorin beklagten. «Sie tippte mir auf die Stirn und sagte, dass mein Gehirn zu klein für die Inhaltsaufnahme sei», sagte einer der Doktoranden. Eine Betroffene erinnerte sich an eine Episode, als sie nach einem Misserfolg verzweifelt an ihre Profes­sorin gelangte. «Wie reagierst du beim nächsten Misserfolg? Möchtest du dich dann gleich aus dem Fenster stürzen?», habe die Professorin gesagt.

Die ETH teilt mit, man habe 36 Befragungen geführt und diverse Unterlagen aller Parteien gesichtet. Deshalb sei die Administrativuntersuchung zum Schluss gekommen, dass seitens der Professorin «ein schwerwiegendes pflichtwidriges Verhalten über einen längeren Zeitraum hinweg vorliegt». Der Untersuchungsführer habe daher die Auflösung des Arbeitsverhältnisses empfohlen.

Carollo, die bis letzte Woche in der Öffentlichkeit geschwiegen hatte und TA-Anfragen stets ignorierte, fühlt sich nun als Opfer einer Kampagne. «Das ist Mobbing», sagt die Professorin. Alles sei geheim gehalten worden. Carollo verlangt nach einem fairen Verfahren und vergleicht sich selbst mit der letzten Hexe, die in der Schweiz verbrannt wurde: «Ich bin die heutige Anna Göldi.»

Die ETH erwidert: «Weder im Bericht der Administrativuntersuchung noch in der Empfehlung der Entlassungskommission fanden sich Hinweise darauf, die die von der Astronomie-Professorin erhobenen Vorwürfe einer gezielten Kampagne gegen sie stützen konnten.»

«Als Frau im Haifischbecken»

Carollo und ihre Kollegin Keller sind überzeugt: Mit einem männlichen Professor wäre man anders umgesprungen: «Man hätte aufgrund schwammiger Vorwürfe einen Professor nicht sofort belastet. Wahrscheinlich hätte man einen männlichen Kollegen im Physikdepartement sogar reingewaschen, wenn er nachweisbar schuldig gewesen wäre.» Als Frau sei man im Physikdepartement in einem Haifischbecken.

Der Hochschule wirft sie gravierende Führungsmängel vor und fordert eine klare Trennung von Kompetenzen. Die ETH werde von inoffiziellen Koalitionen gelenkt, die sämtliche Macht auf sich vereinigten. Es gebe einen inneren Kreis von Professoren, die «ein bisschen gleicher als die anderen» seien. Diese hätten zum Beispiel die Transparenz bei der Vergabe von Geldmitteln so gut wie abgeschafft. «Im Grunde spreche ich von Korruption», sagt Keller. In Carollos Fall warnt die Physikprofessorin den ETH-Rat: Falls dieser der beantragten Entlassung zustimme, werde sie eine parlamentarische Untersuchung fordern.

Juristisch eher nicht gerechtfertigt

Die Schulleitung hat die Entlassung der Professorin am ehemaligen Institut für Astronomie nach Vorwürfen über ungenügendes Führungsverhalten beantragt. Eine Administrativuntersuchung empfahl die Aufhebung des Arbeitsverhältnisses.

Die Kündigung eines Professors oder einer Professorin ist jedoch nicht einfach. Die Professorenverordnung sieht vor, dass zunächst eine Kommission die Angemessenheit der Kündigung prüft. Den Entscheid, ob beim ETH-Rat ein Antrag auf Entlassung eingereicht wird, trifft dann der ETH-Präsident gemeinsam mit der Schulleitung.

Die Kommission befand, dass eine Entlassung aus juristischer Sicht eher nicht gerechtfertigt sei. Die Professorin sei erst spät verwarnt worden und habe daher keine Möglichkeit gehabt, ihr Verhalten anzupassen. Trotzdem plant die ETH die Entlassung. Die Professorin zeige keine Einsicht, dass sie sich unkorrekt verhalten habe. Es sei keine Aussicht auf Besserung zu erkennen. (hub/mrs/sda)

Erstellt: 24.03.2019, 09:52 Uhr

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