Rasende Thurgauer und nackte Zahlen

Muss man Aargauer wirklich fürchten? Und sind Fussgänger in der Winterzeit besonders gefährdet? Zürcher Vorurteile im Faktencheck.

Kampfzone Strassenverkehr: Verursachen Aargauer tatsächlich mehr Unfälle? Foto: Urs Jaudas

Kampfzone Strassenverkehr: Verursachen Aargauer tatsächlich mehr Unfälle? Foto: Urs Jaudas

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Wenn einer mit dem Auto wie eine angeschossene Wildsau durch die Strassen prescht, gibt es ein breites Repertoire an gesellschaftlich akzeptablen Reaktionen. Vom Verziehen der Mundwinkel bis zur unkontrollierten Wutrede. Dankbarkeit gehört in der Regel nicht dazu. Aber wir wollen hier mal eine Ausnahme von dieser Regel machen.

Unsere Dankbarkeit geht an jenen Unbekannten, der in den frühen Morgenstunden des ­vergangenen 28. Oktober fand, es wäre eine prima Idee, auf einer Partymeile beim Winterthurer Bahnhof das Gaspedal seines Audi TT durchzudrücken. Worauf der Wagen, ein Spielzeug im Wert von mehreren Zehntausend Franken, in hohem Tempo gegen einen hölzernen Palettenrahmen prallte, bevor er in der Nacht entschwand.

Die Winterthurer Stadtpolizei, mit einem Sinn fürs Naheliegende und kleine Dramen gesegnet, sollte später festhalten, dass am Palettenrahmen ein Sachschaden von mehreren Hundert Franken entstanden sei. Um zu erfahren, was mit dem Audi passiert ist, muss man das Communiqué bis zum Ende durchlesen. Er geriet ein paar Hundert Meter stadtauswärts von der Strasse ab und schoss zur Hälfte über ein Mäuerchen hinaus, sodass die Schnauze prekär in der Luft über den Bahngleisen schwebte.

Ein Unglück für den Fahrer, ein Glück für den Faktencheck: Der besagte Audi. Foto: Stadtpolizei Winterthur

Als man den Wagen fand, war der Fahrer verschwunden – er war sich wohl plötzlich der Nachteile eines Vorderradantriebs gewahr geworden. Mit Sicherheit weiss die Polizei aber nur, dass auf dem verdreckten Nummernschild «TG» stand. Und dass sich der Unfall ziemlich genau im Moment der Zeitumstellung zutrug.

Keine eindeutige Statistik

Man kann diese Koinzidenz gar nicht genug würdigen: Ein unkontrolliert rasender Thurgauer genau am Übergang zur Winterzeit – das ist der Ideal­typus all unserer geheimen Vorurteile über den Verkehr auf Zürcher Strassen. Und das ist auch der Grund für unsere Dankbarkeit: Er liefert uns den perfekten Anlass, die Klischees anhand von Zahlen und Fakten auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen. Zumal in diesem Fall gottseidank niemand verletzt wurde.

Da wäre zunächst die Zeitumstellung. Als Fussgänger in der Stadt weiss man, dass es im Spätherbst gute und schlechte Überlebensstrategien gibt. Eine der weniger guten: im Feierabendverkehr sein Vortrittsrecht auf dem Fussgängerstreifen mit einem forschen Schritt ins Scheinwerferlicht zu erzwingen.

Denn mit der Datenverarbeitung hinter dem Steuer wird es schwierig, wenn die Sonne um 17 Uhr plötzlich abtaucht, sich lauter Menschen auf die Fahrbahn stürzen, die wahlweise einen Parka in Dämmerungsgrau oder Tarngrün tragen, und man doch eigentlich die Kinder aus der Krippe holen müsste. Aber ereignen sich im Herbst wirklich mehr Unfälle? Die Statistik sagt: Jein.

Einerseits ist da die eindrückliche Zahl von 61 Millionen Verkehrsunfällen, die in Deutschland in den letzten 27 Jahren aktenkundig geworden sind – mit einer unübersehbaren Häufung in den Monaten Oktober, November und Dezember. Zudem gibt es eine britische Studie, die aufgrund eines ähnlich umfassenden Datenpools zum Schluss kam, dass die Zahl der Unfälle mit Fussgängerbeteiligung nach der Zeitumstellung um fast 30 Prozent steigt, jene der Autounfälle um 19 Prozent.

Das Kürzel AG steht ja nach populärem Verständnis für «Achtung Gefahr».

Auf der anderen Seite steht eine Analyse der Schweizer Unfallversicherungsanstalt Suva. Ihr Fazit: Wenn man verzerrende Faktoren wie Feiertage herausrechnet, bleibt die Zahl der Verkehrsunfälle im Herbst unverändert. Auch die Kantonspolizei Zürich hat zwar in den fünf Jahren deutlich steigende Unfallzahlen verzeichnet, vor allem wegen Handys am Steuer und E-Bikes, aber die Monate Oktober bis Dezember fallen nicht besonders aus dem Rahmen. Als saisonale Gefahrenfaktoren stehen für die Kantonspolizei Nebel, nasses Laub und vereiste Fahrbahnen im Vordergrund, daran müsse man sich anpassen.

Damit zum zweiten Vorurteil: den ausserkantonalen Autofahrern. Es gibt ja diese Typen, die auch in der Stadt partout das Tempolimit ausreizen wollen und Fussgängerstreifen keine tiefere Bedeutung beimessen. Die noch beschleunigen, wenn wir längst auf der Fahrbahn stehen. Und dann voll auf die Klötze treten müssen.

Die gefühlte Realität: Auffallend oft sind das Auswärtige. Das Kürzel AG steht ja nach populärem Verständnis für «Achtung Gefahr», und ein Meinungsforschungsinstitut fand vor ein paar Jahren heraus, dass Aargauer Autofahrer hierzulande den schlechtesten Ruf haben. Aber wie ist es wirklich?



Verkehrsunfälle in Zürich, 1920 - 1943


Die Nummernschilder der Unfallverursacher sind in der Polizeistatistik kein Thema, obwohl man sich im Kanton Zürich sonst stark für die Herkunft von Delinquenten interessiert. Beim Bundesamt für Verkehr sind die Zahlen jedoch verfügbar – und sie zeigen ein besonderes Muster.

In den vergangenen Jahren fanden über 17 Prozent der landesweiten «Verkehrsunfälle mit Personenschaden» auf Zürcher Boden statt. Das entspricht fast bis auf die Kommastelle dem Zürcher Anteil an der Schweizer Gesamtbevölkerung. Aber die vermeintliche Folgerichtigkeit hat einen Haken: Unfallverursacher mit ZH-Nummernschild sind nur für gut 13 Prozent aller landesweiten Unfälle verantwortlich.

Eine grössere Abweichung als Zürich haben nur die Kleinkantone Basel-Stadt und Uri, wo es relativ wenige Autos gibt, aber viele Auswärtige durchfahren – und verunfallen. Da auch Genf bei dieser Betrachtung weit oben auftaucht, dürfte man die Zürcher Diskrepanz nicht zuletzt mit den Grossstädten Zürich und Winterthur erklären, wo nur auf jeden dritten Bewohner ein Auto registriert ist und doch viel Verkehr auf den Strassen herrscht.

Es gibt übrigens auch die anderen Kantone: jene, die einen grösseren Anteil an Unfallverursachern ausweisen als an Unfällen auf eigenem Boden. Zuvorderst Appenzell Innerrhoden, erklärbar durch das Geschäft mit den Mietwagennummern, dahinter Wallis, Freiburg, Jura und Neuenburg.

Die Auswertung der Unfälle auf Zürcher Kantonsgebiet zeigt: Vier von fünf Unfällen sind quasi hausgemacht. Dahinter folgen tatsächlich Autofahrer mit Aargauer Nummernschild, die hier etwa jeden fünfundzwanzigsten Unfall verursachen, und Thurgauer, die für jeden vierzigsten verantwortlich sind.

Es wäre allerdings falsch, daraus auf ihr Fahrverhalten zu schliessen: Der Aargau als überdurchschnittlich stark motorisierter Kanton stellt unterdurchschnittlich viele Unfallverursacher. Um es genauer zu wissen, müsste man die gefahrenen Autokilometer auf Zürcher Strassen kennen, und solche Zahlen gibt es nicht.

Überhaupt sollte man sich als Zürcher nicht so viel auf die Statistik einbilden. Wenn man nämlich in absoluten Zahlen rechnet, verursachen hiesige Autofahrer pro Jahr unter dem Strich etwa 50 Unfälle mehr in anderen Kantonen als andere bei uns. Wir sind also trotz verhältnismässig geringem Motorisierungsgrad Netto-Exporteure in Sachen Blech- und Personenschaden. Und das ist definitiv kein Klischee.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2018, 12:29 Uhr

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