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Grundeinkommen: «Wer profitiert? Die, die nicht arbeiten»

Wer will die 2500 Franken? Wer kündigt seinen Job? Was die Rheinauer jetzt diskutieren.

Wollen die Rheinauer das Grundeinkommen? (Video: Kathrin Egolf)

Die Gesichter sind kaum zu lesen. In diesem Moment der Überraschung, als den rund 60 Rheinauerinnen und Rheinauern an der Gemeindeversammlung am späten Dienstagabend die geplante Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens verkündet wird. Ist es Unglaube? Abneigung? Die stille Vorfreude auf einen unverhofften Geldsegen? Stoische Ruhe herrscht, als Initiantin Rebecca Panian in den Saal ruft: «Für dieses Projekt braucht es Pioniere. Euch!»

Endlich durchbricht ein älterer Herr aus der ersten Reihe die Stille: «Ich hätte noch ein paar Fragen.» Wie genau das umgesetzt werden solle. «Ich bin verwirrt.» Panian erklärt: die altersmässige Abstufung der ausbezahlten Beträge, wer profitiert und wer nicht. «Konnte ich etwas Licht ins Dunkel bringen?», fragt sie. Der Mann findet das etwas speziell. «Aber hey, wir Rheinauer sind es schliesslich auch!» Gelächter im Saal, einige schütteln den Kopf.

Vor dem Gemeindehaus diskutieren die Rheinauer weiter: «Klar, dass dir das gefällt. Du bist ja auch ein Roter», sagt eine Frau zu einem pensionierten Mann. Sie versucht ihm ins Gewissen zu reden: «Wer profitiert? Die, die nicht arbeiten.» Sie müsse weiterdenken, erwidert der Mann: «Ein Student, der dank Grundeinkommen schneller durchs Studium kommt, entlastet unser Portemonnaie!»

Rheinau ist offen für Neues

Am anderen Morgen scheint im Dorf alles seinen gewohnten Gang zu nehmen. Eine Mutter schiebt ihren Kinderwagen über die Strasse, auf dem Schulhausplatz bereiten die Kinder ihre Fahrräder auf die geplante Velotour vor, und etwas weiter hinten hantiert Alt-Gemeindepräsident Albert Hausherr im Garten. Doch vor dem Volg stehen die Journalisten aus der Stadt. An ihnen kommt heute keiner vorbei. «Was halten Sie von dem Versuch? Werden Sie auch mitmachen? Weshalb Rheinau?» Hausherr ist wie der Mann am Vorabend überzeugt: «Weil wir speziell sind.» Rheinau sei mit der psychiatrischen Klinik ein Dorf mit vielen Fremden – Griechen, Türken, Spanier.

Profitieren könnte Lea Hurter (23), sie wohnt in Rheinau. Dass niemand mehr unters Existenzminimum fallen soll, findet die Pflegefachfrau gut, auch wenn sie sich nicht vorstellen kann, wie das funktionieren soll: «Am Ende müssten ja jene zahlen, die arbeiten.» Sie selber wird nicht am Versuch teilnehmen: «Ich brauche dieses Geld nicht.»

«Will mir noch etwas Luxus leisten»

Auskunft gibt vor dem Volg auch Hans Rapold (65). Er ist eben pensioniert worden. Der ehemalige Abteilungsleiter ist offen für Neues, auch wenn er mit seiner guten Rente kaum zu den Nutzniessern gehören wird. Zu Hause hat er bereits mit seiner Frau diskutiert, die kürzlich ihre Stelle aufgegeben hat, um mehr Zeit für die Enkel zu haben. Für sie könnte sich eine Teilnahme lohnen. «Wir werden sehen», sagt Rapold. Er schmunzelt. Ähnlich reagiert der 21-jährige Zimmermann Matthias Bollmann. «Gute Idee, aber wer soll so etwas bezahlen?»

Den Job an den Nagel hängen und nur noch vom Grundeinkommen leben. will von den Befragten niemand: «Ich werde weiterarbeiten, weil ich mir noch etwas Luxus leisten möchte», sagt etwa Zimmermann Bollmann.

Angst vor Kündigungen

In einer speziellen Situation ist Helen Rapold, Wirtin im Wirtshaus zum Buck. Eine Kellnerin hat ihr bereits mitgeteilt: «Im nächsten Jahr komme ich dann nicht mehr.» Auch wenn das ein Witz war, hat Rapold etwas Bedenken, dass sie Angestellte verlieren könnte, wenn sie 2500 Franken umsonst bekommen würden. Nicht infrage kommt für sie, die Löhne wegen des Versuchs zu erhöhen: «Ich lasse mich nicht erpressen.» Dann würde sie eher den Betrieb redimensionieren und Stellen abbauen. Trotzdem ist Rapold nicht einfach gegen das Grundeinkommen: «Für tiefer Qualifizierte kommen schwierige Zeiten. Einen Versuch ist es wert.»

Ob sich genügend Menschen in Rheinau für das Projekt motivieren lassen, ist offen. Gemeindepräsident Andreas Jenni (SP) ist zuversichtlich: «Das ist eine coole Sache. Wir können Trendsetter sein, ohne Risiko.» Jenni ist überzeugt, dass der Versuch Anreiz sein könnte, nächstes Jahr ein Sabbatical zu machen.

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