«Jene, die nicht dort beten, sollen getötet werden»

Wegen des neuen Imams durchsuchte die Polizei heute die An'Nur-Moschee in Winterthur. Nun wird der Wortlaut seiner Predigt bekannt.

Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Corinne Bouvard, erläutert den heutigen Einsatz. (Video: Patrice Siegrist/Mirjam Ramseier)

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Ein äthiopischer Imam soll in der umstrittenen Winterthurer An'Nur-Moschee am 21. Oktober zum Mord aufgerufen haben – zum Mord an jenen Muslimen, die «sich weigern, an den gemeinsamen Gebeten in der Moschee teilzunehmen». Das schreibt die Zürcher Staatsanwaltschaft in einer Mitteilung. Der Imam habe die anwesenden Gläubigen auch dazu aufgefordert, die abtrünnigen Muslime zu denunzieren.

Gemäss Informationen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet handelt es sich um den neuen Prediger der Moschee, der Shaik Abdurrahman genannt wird und auf Hocharabisch predigt. Der Vorbeter, ein junger Mann, wurde heute früh in der Winterthurer Moschee von der Polizei aufgegriffen. Die «Weltwoche» zitiert in ihrer Ausgabe, die am Donnerstag erscheint, aus der Predigt, die er dort «vor einem grösseren Publikum» gehalten hatte. Shaik Abdurrahman sagte laut dem Artikel, dass Muslime, die ausserhalb der Gemeinschaft beteten, einen schweren Fehler begingen: «Jene aber, die nicht in die Gemeinschaft zurückkehren und nicht dort beten, sollten getötet werden.»

Der An’Nur-Moschee hatten jüngst viele gemässigte Muslime den Rücken gekehrt - gerade wegen radikaler Predigten und auch wegen der schlechten Presse.

Shaik Aburruhman zitierte laut «Weltwoche»-Autor Kurt Pelda auch einen Aufruf eines Kalifen aus dem Mittelalter, jene zu denunzieren, die nicht am Gemeinschaftsgebet teilnehmen oder andere Sünden begehen.

Mehrere Hausdurchsuchungen

Bei der Polizei sind Hinweise auf den Gewaltaufruf eingegangen. Die Ermittlungen richten sich gegen den Imam und drei weitere Personen, deren Rolle zurzeit noch unklar ist. Die Staatsanwaltschaft hat gegen alle vier ein Strafverfahren eröffnet wegen öffentlicher Aufforderung zu Verbrechen und Gewalt.

In diesem Zusammenhang haben Polizei und Staatsanwaltschaft heute Mittwoch in der Früh die Moschee an der Hofackerstrasse 17 in Winterthur-Hegi durchsucht. Mehrere Einsatzfahrzeuge der Polizei waren vor Ort. Zudem fanden mehrere Hausdurchsuchungen statt. Die Polizei hat den Imam und die drei anderen Beschuldigten der Staatsanwaltschaft übergeben.

Ausserdem fand sie in der Moschee vier Personen, die womöglich gegen das Ausländergesetz verstossen haben. Es handelt sich um junge Männer aus Algerien und Tunesien. Bei der Überprüfung durch die Winterthurer Stadtpolizei zeigte sich, dass einer sich illegal in der Schweiz aufhielt.

Der Winterthurer Stadtrat begrüsst in einer Stellungnahme die Operationen von heute Morgen. Er habe zahlreiche Massnahmen zur Integration der hiesigen muslimischen Gemeinde unternommen habe, vor allem im Bereich der Prävention. Man werde weiterhin alles daran setzen, der Radikalisierung vorzubeugen und Extremismus zu bekämpfen.

Die An'Nur-Moschee ist jenes Deutschschweizer Gotteshaus, das zuletzt für die meisten negative Schlagzeilen sorgte. Dort verkehrten eine Reihe von Jugendlichen und meist jungen Erwachsenen, die später in den sogenannten Islamischen Staat (IS) nach Syrien und in den Irak zogen. Zudem wurden dort immer wieder radikale Predigten gehalten.

Das graue Gebäude mit den markanten gelb-grauen Streifen beim Bahnhof Hegi steht seit Monaten unter Beobachtung der Polizei. Davon zeugen Observationsaufnahmen in einem Strafverfahren gegen einen jungen Islamisten, der nach Syrien reisen wollte. Sie zeigen Abschiedsszenen vor der Moschee. Auch in einer weiteren Untersuchung der Bundesanwaltschaft wegen IS-Unterstützung – jener gegen den angeblichen «Islamisten-Leitwolf» S. V. – tauchten solche versteckt aufgenommenen Bilder auf.

Radikale Prediger

Shaik Abdurrahman ist erst seit kurzem Vorbeter in Winterthur. Er soll im Industriegebäude leben und durch radikale Predigten aufgefallen sein. Bereits die Vorgänger des aktuellen Imams hatten aber für negative Schlagzeilen gesorgt. Die Predigten des Shaik Wail, der ab Frühjahr 2016 im Einsatz stand, enthielten extremistische Stellen. Dies zeigten Recherchen eines Undercoverjournalisten für die«SonntagsZeitung». Shaikh Wail wurde erst kürzlich als Imam abgesetzt – gemäss den Verantwortlichen aus finanziellen Gründen. Abdurrahman trat seine Nachfolge an.

Länger in Winterthur aktiv war der Vorgänger der beiden gewesen, Abu Mohammed. Der Libyer, der bis heute in der Stadt lebt, bestreitet den Vorwurf, sein Umfeld in der Moschee radikalisiert zu haben. Auch die An'Nur-Leitung hat dies stets bestritten und betont, sie habe sich gegen Radikalisierungstendenzen eingesetzt. Für eine Stellungnahme wegen des heutigen Polizeieinsatzes war bislang niemand vom An'Nur-Verein erreichbar.

In der Moschee verkehrte zuletzt gemäss Pelda auch jene dreissigjährige Winterthurerin die Anfang 2016 in der Türkei festgenommen worden war. Damals wollte sie mit ihrem kleinen Sohn nach Syrien reisen. Danach kehrte sie in die Schweiz zurück. Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen IS-Unterstützung gegen sie.

Die An-Nur-Moschee als letzte schweizerische Adresse angegeben hatte ein junger Serbe, der laut der «Weltwoche» als Erster aus Winterthur zum IS zog.

Nicht die erste Razzia

Bereits in der Vorgänger-Moschee von An'Nur hatte es einst eine Razzia gegeben. Die Arrahma-Moschee in Winterthur-Veltheim musste 2008 schliessen, weil der Vermieter gekündigt hatte.

In der An’Nur-Moschee ist der Ablauf umgekehrt: Zuerst gab es einen faktischen Rausschmiss durch die Vermieter, dann die Hausdurchsuchung – wobei beides ebenfalls zeitlich nahe ist: Vergangene Woche hatte der «Tages-Anzeiger» publik gemacht, dass die An’Nur-Moschee schliessen muss. Die Vermieterin, eine kleine Immobilienfirma, lässt den befristeten Mietvertrag Ende Jahr auslaufen. Ein Vertreter des An’Nur-Vereins gab sich vergangene Woche noch zuversichtlich, einen neuen Ort zu finden, obwohl erste Bemühungen erfolglos geblieben waren. Nun dürfte dies noch schwieriger werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.11.2016, 06:18 Uhr

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