«Rehe hätten bald keinen Platz mehr»

Rund 90 Wildhüter statt 1300 Milizjäger: Initiantin Marianne Trüb sagt, das könne funktionieren. Der oberste Jäger, Christian Jaques, warnt vor dramatischen Folgen für die Wildtiere. 

«Was gut ist, darf auch etwas kosten», sagt Marianne Trüb. Christian Jaques hingegen verweist auf die Kosten der Vorlage. Fotos: Reto Oeschger

«Was gut ist, darf auch etwas kosten», sagt Marianne Trüb. Christian Jaques hingegen verweist auf die Kosten der Vorlage. Fotos: Reto Oeschger

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Herr Jaques, es ist doch eine schöne Vorstellung, dass sich der Wildtierbestand im Kanton Zürich selbst reguliert und kein Reh, kein Wildschwein, kein Fuchs mehr geschossen werden muss. Was haben Sie dagegen?
Christian Jaques: Wir hätten nichts dagegen, wenn sich der Wildtierbestand selbst reguliert . Das wäre in einer wirklichen Naturlandschaft möglich. Die existiert im Kanton Zürich aber nicht mehr. Wir haben eine sehr intensiv genutzte Kulturlandschaft, die durch Siedlungen und Verkehrsachsen stark durchschnitten ist. Die Habitate des Wilds sind heute sehr klein, Raubtiere wie Luchs, Wolf und Bär fehlen. Um den Wildtierbestand auf einem akzeptablen und gesunden Stand zu halten, müssen wir darum regulativ eingreifen.

Frau Trüb, Sie sagen, es gehe ohne die Jagd. Wie denn?
Marianne Trüb: Es funktioniert, das beweist die Stadt Zürich, die ein Wildschongebiet ist – es gibt noch weitere im Kanton Zürich. Im Kanton Genf klappt es seit 44 Jahren einwandfrei. Wir sagen zudem nicht, dass man bei Wildtieren gar nicht mehr eingreifen darf oder muss, doch die Jäger sollen wie in Genf durch Wildhüter ersetzt werden. Das Wildtiermanagement dort stimmt für die Bevölkerung, die Landwirtschaft, die Haustiere, aber auch für die Wildtiere. Raubtiere wie Luchs und Wolf können wir uns gut vorstellen im Kanton Zürich, doch die Jäger sind die Ersten, die gegen diese Tiere sind. Das sieht man auf eidgenössischer Ebene, wo der Schutz des Wolfs und Luchses aufgeweicht werden soll. Die Jäger wollen bewahren, was sie haben. Sie wollen Tiere schiessen und von der Jagd profitieren.
Jaques: Es sind nicht die Jäger, die sagen, man müsse den Wolf zum Abschuss freigeben, es sind die Landwirte – vor allem die Schafhalter in den Bergkantonen. Sie sagen, dass die Schäden in ihren Herden durch den Wolf zu gross seien. Wir im Kanton Zürich haben nichts gegen Wolf und Luchs. Mit den drei bis vier Luchsen leben wir problemlos.

Aber im Kanton Genf funktioniert das Wildtiermanagement, oder?
Jaques: Nein. Die Initianten sagen, in Genf und in der Stadt Zürich werde nicht gejagt. Das stimmt nicht. In Zürich wurden im Jagdjahr 2016/17 insgesamt 102 Rehe erlegt, 26 Tiere fielen dem Strassen- und Schienenverkehr zum Opfer, acht wurden von Hunden gerissen. Bis zum 5. Dezember wurden 253 Füchse geschossen. Wenn wir die jagdbare Fläche der Kantone Genf und Zürich vergleichen, werden in Genf dreimal mehr Wildschweine geschossen, zwischen 200 und 300 Tiere pro Jahr. Wir im Kanton Zürich jagen tierschutzgerecht und sind entsprechend ausgebildet, in Genf verwenden die Staatsjäger bei ihrer Jagd nachts Kriegsmaterialgeräte wie Halbautomaten und Schalldämpfer. Da geht es wenig waidmännisch zu.
Trüb: Jagen heisst, Beute machen. In den Wildschongebieten wird ein Wildtiermanagement betrieben und nicht gejagt. Die Wildhüter nehmen die Tiere hoffentlich aus wissenschaftlich gut abgeklärten Gründen aus ihren Gebieten. Wildhüter schiessen nicht Tiere, weil sie gern Tiere schiessen, und um danach das Fleisch zu verwerten. Sie schiessen, weil das ihr Auftrag ist. Die Zürcher Jäger jagen in keinster Weise tierschutzgerecht, sie betreiben immer noch die Fuchsbaujagd, die indiskutabel ist, und die Treibjagd. Auf bewegte Tiere darf man nicht schiessen. Und wenn man schon Tiere schiessen muss, dann wenigstens mit den besten technischen Hilfsmitteln.

«Erst wenn das Tier sich nicht mehr bewegt, schiessen wir Jäger.»Christian Jaques, Präsident von Jagd Zürich

Frau Trüb sagt, Jäger würden gern Tiere schiessen. Ist das bei Ihnen so, Herr Jaques?
Jaques: Nein. Wir regulieren den Wildtierbestand, der Akt des Tötens, das Schiessen, ist keine Freude. Aber es ist nötig, und wir tun das mit und aus Ehrfurcht vor dem Tier. Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und suchen die Tiere aus, die erlegt werden müssen.

Pro Jahr schiessen Jäger 4500 der 11'000 Rehe im Kanton Zürich. Das sind erstaunliche Zahlen. Ist das tatsächlich nötig?
Jaques: Der Bestand des Rehwilds verdoppelt sich in einem Jahr, da eine gesunde Geiss pro Jahr in der Regel zwei Kitze zur Welt bringt. Wenn wir nichts machen würden, hätten die Rehe bald keinen Platz mehr im Wald. Es käme zu mehr Verkehrsunfällen und Krankheiten. Im letzten Jahr fielen 1700 Rehe dem Verkehr zum Opfer. Mit der Jagd halten wir den Bestand auf dem gleichen Niveau.

Heisst das, dass Wildhüter genau gleich viele Rehe schiessen müssten mit dem neuen Gesetz, Frau Trüb?
Trüb: Nein. Im Kanton Genf werden praktisch keine Rehe geschossen. Sie werden nur dann geschossen, wenn sie Probleme haben oder machen. Es ist erwiesen, dass sich Tiere, die bejagt werden, schneller fortpflanzen. Die weiblichen Tiere werden schneller geschlechtsreif und haben entsprechend schneller Nachwuchs.

Haben Sie schon eine Jagd erlebt, Frau Trüb?
Trüb: Ich wohne in einem Jagdrevier und sehe, wie Treibjagden ablaufen, das ist eine Katastrophe. Bei einer Treibjagd sind 40 johlende Leute im Wald, scheuchen die Tiere auf. Wenn eines daherkommt, wird es erschossen, egal wie alt oder vital es ist.
Jaques: Wir machen keine Treib- oder Hetzjagden im historischen Kontext, sondern Bewegungsjagden. Spezialisierte Hunde wie Dackel oder Spaniel treiben das Wild aus dem dichten Unterholz. Erst wenn das Tier sich nicht mehr bewegt, schiessen wir Jäger. Auf ein gehetztes Tier kann man nicht schiessen, das wäre verantwortungslos.
Trüb: Das ist eine Behauptung. Sie wird durch den Report «Streifschüsse und Nachsuchen auf der Schweizer Jagd» des Schweizerischen Tierschutzes widerlegt.

«Die Jäger wollen Tiere schiessen und von der Jagd profitieren.»Marianne Trüb, Miturheberin der Initiative und ehemalige SP-Kantonsrätin

Jagdgegner sagen, dass bei solchen Jagden viel Alkohol fliesse.
Jaques: Das ist ein absoluter Chabis. Während der Jagd trinken wir keinen Alkohol. Bei einer Bewegungsjagd gibt es morgens einen Appell und eine Befehlsausgabe, darin wird das Alkoholverbot explizit erwähnt. Abends nach der Jagd, wenn wir beim Nachtessen zusammensitzen, trinken wir selbstverständlich ein Glas Wein oder ein Bier. Alkohol ist bei der Jagd kein Thema. Ausser bei den Jagdgegnern.
Trüb: Warum verlangen Sie nicht ein Alkoholverbot im Gesetz? Oder ein Verbot der Fuchsbaujagd?
Jaques: Im Jagdgesetz, dessen Revision die Kommission momentan berät, wird die Baujagd mit aller Wahrscheinlichkeit verboten. Sie wird im Kanton sowieso kaum mehr betrieben.
Trüb: Das Gesetz lässt ein Hintertürchen offen. Über Verfügungen mit Extraabschussbewilligungen des Kantons.
Jaques: Wenn das Gesetz die Baujagd verbieten würde, gälte das.
Trüb: Doch, die Möglichkeit besteht.

Pro Jahr rücken Jäger zu 1700 Verkehrsunfällen mit Rehen aus, um verletzte Tiere zu erlösen. Wer macht das, wenn es statt 1300 Milizjäger nur noch 80 bis 90 Wildhüter gibt?
Trüb: Das neue Jagdgesetz sieht ohnehin vor, dass Polizistinnen und Polizisten diese Aufgabe vermehrt übernehmen. Sie sollen befähigt werden, Tiere zu erlösen, wenn sie verletzt beim Unfallplatz liegen.
Jaques: Im Kanton Zürich fallen nicht nur 1700 Rehe dem Verkehr zum Opfer, sondern mit Füchsen, Wildschweinen, Dachsen und Hasen 3800 Wildtiere. Die 80 bis 90 Wildhüter müssten damit zehnmal pro Tag ausrücken, das ist nicht machbar. Heute haben wir 171 Jagdreviere, in jedem Revier stehen Jäger auf Listen, die ausrücken müssen, wenn die Polizei wegen eines Wildunfalls anruft. Innerhalb von 15 bis 20 Minuten ist der Jäger auf dem Unfallplatz und erlöst das Tier. Die Polizei ist zudem gar nicht ausgerüstet, um Tiere zu beschiessen, dazu braucht es spezielle Waffen, Munition und Fachwissen.
Trüb: Mir wäre es aus Rechts­sicherheitsgründen auf jeden Fall lieber, es käme ein Polizist oder Wildhüter auf den Unfallplatz als irgendein Jäger. Bereits heute werden Weiterbildungen angeboten, die Polizisten befähigen, ein stark leidendes Tier zu erlegen, wenn der Jäger einen langen Anfahrtsweg hat.

Der Regierungsrat rechnet mit Mehrkosten von jährlich 20 bis 30 Millionen Franken, wenn die Initiative angenommen wird. Lohnt sich das?
Trüb: Die Zahlen stammen von Regierungsrat Markus Kägi. In Genf sind die Kosten viel tiefer. Genf hat eine Fläche von 280 Quadratkilometern, der Kanton Zürich ohne die Stadt 1600. Das entspricht einem Faktor 6. Der Kanton Genf gibt für die Wildhut 600'000 Franken aus, darin ist der Leiter der Fachstelle nicht enthalten. Aufgerechnet ergibt das einen massiv kleineren Betrag als der von der Regierung veranschlagte.
Jaques: Der Vergleich ist falsch. Nach Ihren Aussagen muss der Kanton 80 bis 90 Wildhüter anstellen, die mit Büroarbeitsplatz, Ausrüstung, Bewaffnung, Kursen und Auto pro Jahr je 180'000 Franken kosten. Das macht bereits über 16 Millionen Franken. Diese Wildhüter können die nötigen Abschüsse gar nicht machen. Um Wildschäden zu verhindern, brauchte es Einzäunungen, was tierschutzwidrig wäre. Es käme zu mehr Schäden in der Landwirtschaft und im Wald, Schutzmassnahmen und Schadensvergütungen würden nochmals 10 Millionen kosten.
Trüb: Was gut ist, darf auch etwas kosten. Mit Mehrkosten von 16 Millionen Franken könnte ich leben. Die neue Regelung bringt viele Vorteile gegenüber der heutigen Situation, in der viele Laien involviert sind.

Erstellt: 24.08.2018, 21:55 Uhr

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