Roger Köppel kennt man nicht in Leipzig

Charlotte Theile lebt sich wieder ein in Deutschland. Sie vermisst Sauren Most, Einbauküchen und scheitert mit Witzen über einen Schweizer Nationalrat.

Machen Journalisten die falschen Leute gross? SVP-Nationalrat und Weltwoche-Chef Roger Köppel, 2016 im Bundeshaus in Bern.

Machen Journalisten die falschen Leute gross? SVP-Nationalrat und Weltwoche-Chef Roger Köppel, 2016 im Bundeshaus in Bern. Bild: Thomas Egl

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Seit zwei Wochen arbeite ich bei der «Zeit» in Leipzig – und es ist hier ziemlich viel los. Ich muss mich zum Beispiel um die Küche kümmern. In Leipzig wird derartiger Luxus nicht von der Hausverwaltung gestellt, wer eine Küche möchte, muss sich selbst darum bemühen. Ich bin Dauergast in einem Küchenstudio und tue viele Dinge, die ich bisher nicht konnte: ausmessen, Materialien prüfen, über Dunstabzugshauben nachdenken.

Heute habe ich in Leipzig eine Stunde die Glascontainer gesucht. Sie sehen aus wie normale Mülltonnen, in die man den Glasmüll kippt. Genauso macht man es mit Papier und Karton (ja, beides zusammen!). Einfach kopfüber in einen grossen Behälter leeren, fertig. Hurra.

Ein Schweizer Irrtum

Doch nicht nur das Müllwegbringen zeigt mir, wie weit ich mich inzwischen von der Schweiz entfernt habe. Vor einigen Tagen habe ich bei einem Reporterinnen-Slam auf der Bühne gestanden und von meinen Recherchen in der Schweiz berichtet. Ich bin sicher, dass die Schweiz gutes Comedy-Material abgibt. Bei dem, was ich erzählen wollte, hat es aber nicht so gut funktioniert. Das lag daran, dass ich einem klassischen Schweizer Irrtum erlegen bin. Ich bin davon ausgegangen, dass Roger Köppel in Deutschland bekannt ist.

Wie ich auf der Bühne feststellen musste, ist das nicht der Fall. Das «Weltwoche»-Sommerfest, das ich 2016 besucht habe, und das seither für viele Anekdoten herhalten musste, funktioniert in Deutschland auch nicht. Die Zeitung ist ebenfalls unbekannt. Ich schaute also die meiste Zeit in fragende Gesichter.

Ich habe hinterher versucht, das positiv zu deuten. Und mir die alte Frage gestellt: Machen wir Journalisten die falschen Leute mit unserer Berichterstattung grösser, als sie sind? An diesem Abend hatte ich das Gefühl.

Saurer Most und gerades Design

Dennoch, mein Auftritt hatte etwas Gutes: Einige Dutzend Journalisten in Leipzig wissen nun, wie man den Namen Roger ausspricht. (Ja, sie haben bisher wirklich alle «Rotscher» gesagt.) Was ich an der Schweiz vermissen werde? Vor allem meine Freunde. Ausserdem: Flüsse, in denen man schwimmen kann. Berge und Schnee und sauren Most. Das ständige Bewusstsein, dass es noch andere Sprachen gibt. Gerades, schnörkelloses Design. Postautos. Und, natürlich: Einbauküchen.

Es hat mir sehr viel Spass gemacht, in dieser Kolumne nochmals zurückzuschauen. Jetzt werde ich noch einige Wochen die Leserbriefe beantworten, die ich bekommen habe, als ich über die «Gleichstellungswüste Schweiz» geschrieben habe. Und weil so viele versucht haben, mich zu überzeugen, dass ich falschliege und die Schweiz in keiner Weise ein Schwellenland in Sachen Gleichberechtigung ist: Es bringt wenig, wenn Sie mich als dumme Trulla beschimpfen. Schreiben Sie doch die Gegenrede «Warum die Schweiz für Frauen das beste Land der Welt ist». Oder noch besser: Wählen Sie Frauen, befördern Sie Frauen, lassen Sie sie gelegentlich einmal ausreden.

Auf Wiedersehen!

Erstellt: 18.03.2019, 12:06 Uhr

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Nach vier Jahren als Schweiz-Korrespondentin der «Süddeutschen Zeitung» zieht Charlotte Theile weiter. Sie wird künftig für die «Zeit» in Leipzig arbeiten. Im «Tages-Anzeiger» berichtet sie in einer losen Serie über ihre Zeit in der Schweiz. Neun kleinere und grössere Texte, in denen die 31-Jährige einen persönlichen Blick auf unser Land wirft – und auf dessen Bewohner. (bra)

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