Roger Köppels Bauern-Problem

Der SVP-Ständeratskandidat möchte die Unterstützung des Bauernverbands. Wenn da bloss der Klimawandel nicht wäre.

Viele Bauern sorgen sich um das sich verändernde Klima, Roger Köppel spricht derweil von einem «gigantischen politischen Klimaabzockerschwindel». Foto: Keystone

Viele Bauern sorgen sich um das sich verändernde Klima, Roger Köppel spricht derweil von einem «gigantischen politischen Klimaabzockerschwindel». Foto: Keystone

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Im Kanton Zürich stehen heisse Ständeratswahlen an – in doppeltem Sinne: Die Klimaerwärmung ist das Hauptthema. Und die Konkurrenz ist brandheiss. Dazu kommt: Die beiden Bisherigen Daniel Jositsch (SP) und Ruedi Noser (FDP) sind Männer. Als aussichtsreiche Mitbewerberinnen stehen ihnen die Grünliberale Tiana Angelina Moser und die Grüne Marionna Schlatter gegenüber – und mit Roger Köppel ein prominenter Kritiker der «Klimahysterie», wie er es nennt. Ein zweiter Wahlgang am 17. November ist wahrscheinlich.

Beim mächtigen Zürcher Bauernverband rauchen die Köpfe. Der Entscheid, welche Kandidaten der Verband unterstützen soll, wurde mehrfach hinaus­geschoben. Weder Journalist Köppel, Unternehmer Noser noch Professor Jositsch haben mit Landwirtschaft etwas am Hut. Tiana Angelina Moser dagegen hat Umweltwissenschaften studiert, und Marionna Schlatter war die Initiantin der überraschend angenommenen Kulturlandinitiative.

Viele Bauern schwenken um

Noser, Köppel und Schlatter haben beim Bauernverband um Unterstützung nachgefragt; alle drei wurden angehört. Nicht darum gebeten haben Jositsch, Moser, CVP-Kandidatin Nicole Barandun und EVP-Kandidat Nik Gugger. In einer Woche will der 20-köpfige Vorstand eine Empfehlung abgeben. «Der Wahlzettel hat zwei Linien», sagt Bauernverbandspräsident Hans Frei. Und: «Wir hausieren nicht bei Kandidaten.»

«Von allen Zürcher Ständeratskandidaten mache ich am meisten für die Zürcher Landwirtschaft.»Ruedi Noser, FDP

Marionna Schlatter äussert sich nicht zum Hearing. Ruedi Noser dagegen sagt selbstbewusst: «Von allen Zürcher Ständeratskandidaten mache ich am meisten für die Zürcher Landwirtschaft – im direkten Einsatz als Präsident von ‹Natürli Züri­oberland› und mit meiner Politik für eine unternehmerische Landwirtschaft.» Und Köppel sagt: «Ich setze mich journalistisch und politisch jederzeit für die Schweizer Bauern ein, unsere Umweltpraktiker, die von den Medien nicht die gebührende Anerkennung erhalten.»

Die Empfehlung des Zürcher Bauernverbandes ist bedeutsam. In vielen anderen Kantonen sind die Verbände auf eine klimaschonende Landwirtschaft eingeschwenkt. Der schweizerische Bauernpräsident Markus Ritter (CVP) sagt: «Der Klimawandel ist auf der Ebene der Betriebe angekommen.» Das Bewusstsein, dass gravierende Veränderungen bevorstünden, habe sich bei vielen Bauern stark entwickelt. «Wir müssen handeln – jetzt», sagte Ritter Mitte Juli vor den Medien.

Langharts Warnung

Da stellt sich die Frage: Kann der Zürcher Bauernverband mit ­Roger Köppel einen Politiker unterstützen, der auf seiner Wahlkampftour durch alle Zürcher Gemeinden jeden Abend ­öffentlich vor einem «gigantischen politischen Klimaabzockerschwindel» warnt und behauptet: «Wir haben keinen Klimanotstand und kein Problem mit der Umwelt.» Der von Blocher geschasste SVP-Präsident und Bauer Konrad Langhart sagte im April: «Es ist selbst in unserer Partei nicht zielführend, Menschen lächerlich zu machen, die sich wegen des Klimawandels Sorgen machen.»

Köppel sagt, die Angst vor der Dürre sei eine «von den Medien beschriebene Klima-Paranoia». Und er lobt die Bauern: «Sie engagieren sich seit Jahrhunderten für die Umwelt und sorgen dafür, dass diese trotz Zuwanderung, Autoverkehr und Industrie intakt bleibt.»

Der Biobauer und grüne Kantonsrat Urs Hans aus Turbenthal klingt resigniert, wenn er feststellt: «Der Zürcher Bauernverband wird wie kein anderer in der Schweiz von der SVP und ihrer rückwärtsgewandten Agrarpolitik dominiert.» Der Wandel in der Landwirtschaft – zum Beispiel der Verzicht auf giftige Pestizide und der Schutz des Trinkwassers – gehe am konservativen Vorstand des Zürcher Bauernverbands vorbei. Wenn die Bauern vernunftmässig statt rein politisch entscheiden würden, müssten sie Marionna Schlatter unterstützen, die für eine nachhaltige, gesunde Landwirtschaft stehe und die mit der Kulturlandinitiative auch die Zürcher Bauern hinter sich geschart habe, sagt Hans.

Streit um Pestizide

Schlatter gilt jedoch beim offiziellen Bauernverband als ein rotes Tuch. Sie steht mit den Grünen für die Trinkwasser- und die Pestizidverbotsinitiative; ein abgeschwächter Gegenvorschlag ist im Nationalrat von der SVP und von den Bauern verhindert worden. Ziel der ersten Initiative: Direktzahlungen erhalten nur noch Bauern, die keine Pestizide einsetzen. Die zweite verlangt ein Verbot von synthetischen Pestiziden in der Landwirtschaft.

So würde nicht überraschen, wenn der Bauernverband von den Kandidaten, die am Hearing teilgenommen haben, Köppel und Noser für den Ständerat vorschlägt. Köppel sieht sich allerdings kaum als Partner von Noser. Er verhöhnte ihn und Daniel Jositsch als «Duo Nositsch» und als gleichgeschaltete Euroturbos. Und auch an der letzten SVP-­Delegiertenversammlung machte sich Köppel über Noser lustig, der im Initiativkomitee der Gletscherinitiative sitzt. «Auch wenn die Schweiz keinerlei CO2 mehr produzierte, würden Ruedi Nosers Gletscher weiterhin schmelzen.»

Erstellt: 06.08.2019, 22:53 Uhr

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