Schachtdeckel-Werfer: Verteidiger fordert Freispruch

Ein 22-Jähriger soll ein 2-Kilo-Metallstück aus elf Metern Höhe auf einen FCZ-Fan geworfen haben. Vor Gericht macht er einen Filmriss geltend. Er habe 3 Liter Bier getrunken.

Wortkarg: Der 22-jährige Täter (rechts) mit seinem Anwalt vor dem Bezirksgericht Winterthur. Zeichnung: Robert Honegger

Wortkarg: Der 22-jährige Täter (rechts) mit seinem Anwalt vor dem Bezirksgericht Winterthur. Zeichnung: Robert Honegger

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Am Prozess im Bezirksgericht Winterthur erscheint ein grosser, schlanker Mann. Der 22-jährige Koch-Lehrling gesteht die Tat, macht einen bedrückten Eindruck, spricht leise und bleibt ohnehin wortkarg. Seit Anfang Mai ist er krankgeschrieben. Nach der Tat hatte der Schweizer seine Lehrstelle verloren, hat aber inzwischen eine neue erhalten.

Die Tat passierte nach dem Match FC Winterthur -FC Zürich vom 13. Mai 2017: Nachdem er schon einiges getrunken hatte – er spricht vor Gericht von 2,5 bis 3 Litern Bier –, ging der Beschuldigte zusammen mit einem Kollegen auf das Parkdeck, welches die Gleise des Bahnhofs Winterthur überdacht. Von dort sah er, dass unter ihm zahlreiche FCZ-Fans auf Perron 9 auf den Zug warteten.

Vom Parkdeck aus soll der Täter einen 2 Kilo schweren Schachtdeckel auf FCZ-Fans geworfen haben, die auf dem Perron 8/9 auf den Zug warteten: Bahnhof Winterthur. Bild: Google Street View

Gemäss Anklage nahm der mutmassliche Täter dann einen zwei Kilogramm schweren Schachtdeckel und schleuderte diesen 11 Meter in die Tiefe, hinunter auf das Perron voller gegnerischer Fans. Der Deckel traf einen 28-jährigen FCZ-Fan direkt am Kopf. Dieser ist Sekundarschullehrer in Nänikon. Er ist am Gericht anwesend, im Publikum sitzt seine Schulklasse.

Opfer erlitt Schädelbruch

Der Matchbesuch endete für ihn mit einem Schädelbruch auf der Intensivstation. Nach drei Tagen konnte er das Spital aber wieder verlassen. Vier Tage nach dem Match nahm die Polizei den mutmasslichen Schachtdeckel-Werfer und seinen Kollegen fest.

Vor Gericht machte der 22-Jährige einen Filmriss geltend. Allerdings hat er drei Minuten nach der Tat seiner Freundin eine Whatsapp-Nachricht geschickt und die Tat beschrieben: «Ich han en Dolendeckel uf Züri Fans geschosse.» Der Beschuldigte sagte, er sei eigentlich gar kein FC-Winterthur-Fan, sondern unterstütze den FC Basel. Er gehe nur selten an FCW-Spiele.

Tod in Kauf genommen. 9 Jahre Gefängnis gefordert

Der Beschuldigte habe gewusst, dass der Wurf eines solchen Deckels tödlich enden könnte, schreibt der Staatsanwalt in der Anklageschrift. Dies habe der 22-Jährige auch so gewollt oder zumindest in Kauf genommen.

Der Staatsanwalt fordert eine Freiheitsstrafe von 9 Jahren. Es habe sich um ein egoistisch-pubertierendes Machtgehabe des Beschuldigten gehandelt, sagte er vor Gericht. Die Whatsapp-Nachricht an die Freundin unmittelbar nach der Tat zeige, dass der angebliche Filmriss eine Ausrede sei. Der Mann sei nicht schuldunfähig wegen des Alkoholkonsums gewesen, aber deutlich vermindert schuldfähig.

Opfer will 20'000 Franken Schmerzensgeld

Der Staatsanwalt fordert für den Koch deshalb eine Verurteilung wegen versuchter vorsätzlicher Tötung. Weil der mutmassliche Täter schon mehrmals Amphetamin verkauft hatte, soll er zudem auch wegen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz bestraft werden.

Die Opferanwältin forderte ein Schmerzensgeld von 20'000 Franken für ihren Mandanten. Der 28-jährige Lehrer habe eine 10 bis 15 Zentimeter grosse Narbe auf der Stirn, Konzentrationsschwierigkeiten und Druck auf dem Ohr.

Verteidiger: Es hätte auch der Kollege sein können

Der Anwalt des Beschuldigten wiederum verlangt einen Freispruch bezüglich des Schachtdeckelwurfes. Es hätte auch der Kollege gewesen sein können, der ebenfalls auf dem Parkdeck war. Dieser habe den Beschuldigten stark belastet. Sein Mandant habe zwar gesagt, dass er den Deckel geworfen haben könnte, er kann sich aber gar nicht mehr erinnern, weil er so betrunken war.

Auch die Whatsapp-Nachricht an seine damalige Freundin, könnte ihm der Kollege eingeredet haben. «Es gibt genügend Zweifel an der Tat.» Es habe sich um Pseudoerinnerungen handeln können – dass er also das glaubt, was ihm erzählt wird. Er war auch nicht ein Fussballfan, hatte also gar keinen Hass auf die FCZ-Fans. Dies im Gegensatz zu seinem Kollegen, der ein richtiger Fussballfan sei. Fazit des Anwalts: «Es lässt sich weder vorsätzliches noch fahrlässiges Handeln zweifelsfrei nachweisen.»

Sollte es zu einer Verurteilung kommen, so der Anwalt, dann höchstens zu einer bedingten Freiheitstrafe von maximal 6 Monaten wegen fahrlässiger Körperverletzung. Der Antrag des Staatsanwalts sei jenseits von gut und böse. Sein Mandant habe Lehrstelle und Freundin verloren und einen Monat in Untersuchungshaft gesessen. Er habe nur mit Mühe eine neue Stelle gefunden.

9 Jahre Gefängnis gefordert

Der Beschuldigte ist bereits vorbestraft. Weswegen, geht aus der Anklage nicht hervor. Sein Kollege, der mit auf dem Parkdeck und Käufer der Amphetamine war, muss sich in einem separaten Verfahren vor Gericht verantworten.

Das Urteil für den 22-jährigen mutmasslichen Schachtdeckelwerfer wird morgen Freitag um 11 Uhr verkündet.

Hier verlassen der Angeklagte (links) und sein Anwalt das Gericht. Foto: Stefan Hohler

Der Match, nach dem der Schachtdeckel-Wurf passierte, geriet nicht nur wegen dieses Angriffs auf gegnerische Fans in die Schlagzeilen: Es war der gleiche Match, an dem Regierungsrat Mario Fehr in der Stadion-Bar mit Bier übergossen wurde. (hoh/pu/sda)

Erstellt: 31.05.2018, 08:27 Uhr

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