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Scharfmachern in die Hände gespielt

Die Jugendanwaltschaft behandelt den höchst aussergewöhnlichen Fall Carlos mit höchst aussergewöhnlichen Mitteln. Zu Recht.

Edgar Schuler
Justizdirektor Martin Graf (rechts) und Marcel Riesen, Leitender Oberjugendanwalt, informieren zur ersten Phase des neuen Sondersettings des 18-jährigen Delinquenten Carlos. Es ist das dritte Mal. Bereits an der Medienkonferenz vom 6. September 2013 (Bild) war Carlos das Thema.
Justizdirektor Martin Graf (rechts) und Marcel Riesen, Leitender Oberjugendanwalt, informieren zur ersten Phase des neuen Sondersettings des 18-jährigen Delinquenten Carlos. Es ist das dritte Mal. Bereits an der Medienkonferenz vom 6. September 2013 (Bild) war Carlos das Thema.
Walter Bieri
Regierungsrat und Oberjugendanwalt auf dem Weg zur Pressekonferenz: Marcel Riesen (vorne) und Martin Graf. (6. September 2013)
Regierungsrat und Oberjugendanwalt auf dem Weg zur Pressekonferenz: Marcel Riesen (vorne) und Martin Graf. (6. September 2013)
Walter Bieri, Keystone
Besprachen sich auch während der Medienorientierung: Oberjugendanwalt Marcel Riesen (links) und Regierungsrat Martin Graf. (6. September 2013)
Besprachen sich auch während der Medienorientierung: Oberjugendanwalt Marcel Riesen (links) und Regierungsrat Martin Graf. (6. September 2013)
Walter Bieri, Keystone
Carlos (vorne), ein 18-jähriger Gewaltstraftäter seit früher Jugend, wurde mit Sondermassnahmen unterstützt, die ihn resozialisieren sollen. Darunter fielen eine 4½-Zimmer-Wohnung und eine Rundumbetreuung durch Sozialarbeiter.
Carlos (vorne), ein 18-jähriger Gewaltstraftäter seit früher Jugend, wurde mit Sondermassnahmen unterstützt, die ihn resozialisieren sollen. Darunter fielen eine 4½-Zimmer-Wohnung und eine Rundumbetreuung durch Sozialarbeiter.
Screenshot SRF
Wurde bereits als 11-Jähriger verhaftet: Carlos (r.) mit seinem Thaiboxtrainer Shemsi Beqiri.
Wurde bereits als 11-Jähriger verhaftet: Carlos (r.) mit seinem Thaiboxtrainer Shemsi Beqiri.
Facebook
Thaibox-Kurse bei Weltmeister Shemsi Beqiri (Bild) gehörten ebenfalls zu den Sondermassnahmen. Die Gesamtkosten für das Resozialisierungsprogramm beliefen sich auf 29'200 Franken monatlich. Dieser Betrag wurde im zweiten Sondersetting um 10'000 Franken gesenkt.
Thaibox-Kurse bei Weltmeister Shemsi Beqiri (Bild) gehörten ebenfalls zu den Sondermassnahmen. Die Gesamtkosten für das Resozialisierungsprogramm beliefen sich auf 29'200 Franken monatlich. Dieser Betrag wurde im zweiten Sondersetting um 10'000 Franken gesenkt.
Patrick Straub, Keystone
Der Fall wurde durch ein Filmporträt des Schweizer Fernsehens über Jugendanwalt Hansueli Gürber publik. Dieser hatte die Massnahmen angeordnet.
Der Fall wurde durch ein Filmporträt des Schweizer Fernsehens über Jugendanwalt Hansueli Gürber publik. Dieser hatte die Massnahmen angeordnet.
Sabina Bobst
Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» verteidigte Gürbers Vorgesetzter, Oberjugendanwalt Marcel Riesen-Kupper, die Massnahmen als gerechtfertigt. Zwar zeigt er Verständnis dafür, dass die hohen Kosten für Aufregung sorgen. Ein Platz in einer geschlossenen Einrichtung sei aber ebenfalls teuer. Im St. Galler Jugendgefängnis Platanenhof kostet ein Platz mehr als 24'000 Franken im Monat, im Massnahmenzentrum Uitikon (Bild) bis zu 17'000 Franken für den gleichen Zeitraum.
Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» verteidigte Gürbers Vorgesetzter, Oberjugendanwalt Marcel Riesen-Kupper, die Massnahmen als gerechtfertigt. Zwar zeigt er Verständnis dafür, dass die hohen Kosten für Aufregung sorgen. Ein Platz in einer geschlossenen Einrichtung sei aber ebenfalls teuer. Im St. Galler Jugendgefängnis Platanenhof kostet ein Platz mehr als 24'000 Franken im Monat, im Massnahmenzentrum Uitikon (Bild) bis zu 17'000 Franken für den gleichen Zeitraum.
Stefan Deuber, Keystone
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Jetzt wäre es einfach, mit dem Chor der Erregten zu schreien: «Es reicht!» Aber so simpel ist der Fall Carlos nicht. Mindestens nicht so glasklar, wie die Politiker und Medienleute glauben machen wollen, die über Nacht ihre Berufung zu Jugendstrafrechtsexperten entdeckt haben. Sie wähnen, genau zu wissen, wie mit dem 18-Jährigen zu verfahren sei. Wie teuer die Unterbringung zu sein habe. Ob, wie viel und welche Art Kampfsport richtig sei für den sozial und emotional Verwahrlosten. Ob alle Betreuer ein Leumundszeugnis vorweisen müssen. Dabei beruhen die schnell gefällten Urteile auf schreierisch kolportierten Halb- bis Dreiviertelwahrheiten, wie Oberjugendanwalt Marcel Riesen und Justizdirektor Martin Graf gestern deutlich machten.

Im Gegensatz zur stetig wachsenden Expertenschar machen es sich die beiden nicht einfach. Sie haben sich über alle öffentlichen Vorurteile hinweg doch für ein neues Setting entschieden, Graf selbst auch über sein Bauchgefühl hinweg. Dabei hatte es ihnen das Bundesgericht erlaubt, Carlos einfach freizulassen – mit ungewissen Folgen für mögliche Opfer seiner offenkundigen Brutalität.

Verworrene Pressekonferenz

Die Jugendanwaltschaft behandelt den höchst aussergewöhnlichen Fall Carlos also mit höchst aussergewöhnlichen Mitteln. Zu Recht. Dazu gehört, dass Carlos nicht allein von Engeln betreut wird. Und dass die Verantwortlichen mit der Verlegung ins Ausland Distanz schufen, mindestens für eine erste Phase. Damit knüpfen sie an das skandalisierte, aber Erfolg versprechende frühere Sondersetting an, zu Recht bei massiv tieferen Kosten.

Haben Graf und Riesen also alles richtig gemacht? Natürlich nicht. Auch die hastig einberufene Krisenpressekonferenz gestern war verworren und widersprüchlich. Etwa in der Frage, welche Rolle die Familie des Thaiboxers Shemsi Beqiri bei der Betreuung einnimmt. Damit spielt der Justizdirektor den schrecklichen Vereinfachern und Scharfmachern in die Hände.

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