Schlag mit dem Besenstiel, Attacke mit dem Rollator

In einer Alterssiedlung ist ein Streit zwischen mehreren Bewohnern ausgeartet. Jetzt wurde eine 83-Jährige verurteilt.

Die 83-jährige Frau musste sich vor dem Bezirksgericht Meilen verantworten.

Die 83-jährige Frau musste sich vor dem Bezirksgericht Meilen verantworten. Bild: Keystone

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Sie würdigen sich keines Blicks, während sie, die 83-jährige Beschuldigte und die beiden Geschädigten, draussen vor dem Gerichtssaal auf den Beginn des Prozesses warten. Seit Jahren lebt man in der Alterssiedlung irgendwo im Bezirk Meilen quasi Tür an Tür. Später im Gerichtssaal wird die Beschuldigte die Geschädigte nur «diese Person» nennen, den Geschädigten «dieser Typ».

«Jetzt macht sie auf Mitleid»

Die Animositäten nehmen kein Ende. Spricht die eine Partei in der Verhandlung, schüttelt die andere Partei den Kopf. Und umgekehrt. In Worten ausgedrückt: «Es ist alles falsch» beziehungsweise «Es stimmt alles nicht». Als die Beschuldigte einmal ihren Kopf auf ihre Arme ablegt, tönt es von der anderen Seite: «Jetzt macht sie auf Mitleid.»

Folgendes soll sich im Mai letzten Jahres in der Alterssiedlung zugetragen haben: Als die 83-Jährige auf dem Vorplatz in einem Beet Blumen pflegte und die Geschädigte zu den Briefkästen gehen wollte, beschimpfte sie die Frau, nahm einen Besen und versuchte, der Geschädigten mit dem Stiel auf den Kopf zu schlagen. Die Geschädigte konnte den Schlag abwehren.

Das geduldete Mass überschritten

Stunden später befand sich nun der Geschädigte mit seinem Hund vor den Briefkästen, worauf die 83-Jährige ihn wegen des Hundes beschimpfte. Als er ihr sagte, sie solle ihn in Ruhe lassen, stiess sie seinen Rollator gegen seine Beine.

In beiden Fällen habe die 83-Jährige «das allgemein übliche und gesellschaftlich geduldete Mass einer physischen Einwirkung überschritten», heisst es im Strafbefehl, der mit einer Busse von 200 Franken und Gebühren von 250 Franken verbunden war.

«Es ist ein Komplott»

Damit war die 83-Jährige überhaupt nicht einverstanden. In einem Tonfall permanenter Empörung versuchte sie der Einzelrichterin zu erklären: «Es ist ein Komplott. Ich bin am Boden, ich kann nicht mehr. Es geht so seit Monaten.» Man wolle, dass sie viel bezahle. Sie meint Gerichtskosten.

Der Typ, sie meint den Geschädigten, sei «grauenhaft», er lüge, seine Falschheit sei so grausam. «Er sagt, ich stinke wie eine Sau.» Er sei mit dem Rollator auf sie zugegangen und habe versucht, sie umzustossen, sie habe ihn nur zurückgestossen.

Ich lebe wie in einem Käfig

Und das mit dem Besenstiel stimme auch nicht. Sie habe den Besen nur in die Höhe gehoben. Aber die Geschädigte, «die ist nicht normal». Sie störe ständig ihre Nachtruhe, beschimpfte sie als «Totsch» oder als «huere Luder».

«Alle stecken unter einer Decke», sagt sie. Es stimme nicht, dass es in dem Haus mit etwa einem Dutzend Wohnungen Unstimmigkeiten wegen ihr gebe. «Ich streite mit niemandem, lebe zurückgezogen wie in einem Käfig, weiche allem aus.» Aber ständig würden ihre Blumen zertrampelt oder vom Hund des Geschädigten angepisst.

«Jedes Wort ist gelogen»

Von Seiten der Geschädigten klingt das alles anders. «Wir hatten ein schönes Verhältnis, bis sie ins Haus kam», sagt die Geschädigte. Sie, die Beschuldigte, sei die, die ständig an die Wand klopfe. Sie habe auch ihr Büsi auf dem Gewissen. Und überhaupt: Seit sie im Hause sei, habe sie Herzbeschwerden. Vor drei Jahren habe sie sogar einen Herzstillstand erlitten.

«Jedes Wort ist gelogen», kommentiert der Geschädigte die Angaben der 83-Jährigen. Die Beschuldigte hasse Hund und Katze. Sie habe eine Spritzkanne voller Wasser über den Kopf seines charaktervollen Hundes geleert. Dabei mache der gar nichts, schon gar nicht ins Blumenbeet der Beschuldigten.

Ins Gefängnis? «Mach ich auch nicht»

Die Einzelrichterin bestätigt den Strafbefehl wegen mehrfachen Tätlichkeiten und auch die Busse von 200 Franken. Für die «wenig überzeugenden Verschwörungstheorien» gebe es keine Anhaltspunkte. Zudem war die Besenstielattacke von einer unbeteiligten Drittperson beobachtet worden.

An Stelle von insgesamt 450 Franken muss die Verurteilte nun 1370 Franken bezahlen, darunter auch je 50 Franken Umtriebsentschädigung an die beiden Geschädigten. Noch während der Verhandlung hatte die 83-Jährige klar gemacht, dass sie die Busse nicht bezahle. Dass ihr dann zwei Tage Gefängnis droht, scheint sie auch nicht zu beeindrucken. «Mach ich auch nicht», war ihr Kommentar. Noch bevor ihr das Urteil ausgehändigt werden konnte, hatte sie den Gerichtssaal verlassen.

Erstellt: 11.06.2019, 14:50 Uhr

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