Schon Siebenjährige sollen sich verschleiern

Für eine türkische Moschee in Zürich können Mädchen schon zwischen 7 und 10 sexuell attraktiv sein.

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Die türkische Moschee an der Calandastrasse 11 in Zürich-Altstetten gilt als sehr konservativ und Erdogan-nahe. Auf ihrer gut illustrierten Website sind praktisch alle Texte nur auf Türkisch verfasst, so auch die Frage-Antwort-Rubrik «Islamda Kadin», «Die Frau im Islam». Sie beantwortet Fragen wie diese: «Wann soll man mit der Verschleierung anfangen?» Ein Vater stellt dort die Frage: «Ich habe eine elfjährige Tochter. Die Mutter lässt sie Décolleté tragen, weil sie findet, die Tochter solle ihre ­Jugend ausleben, später werde sie davon eh genug haben. Doch ich mache mir Sorgen. Was sollen wir tun? Stimmt, was meine Frau sagt?» Antwort: «Ihre Frau sagt das Falsche. Im Gegenteil, wenn ein Mädchen sich daran gewöhnt, sich freizügig zu kleiden, kann es später nicht mehr davon lassen . . . Wenn Ihre Tochter sich ausleben will, sagen Sie ihr, dass es im islamischen Katechismus heisst: 7- bis 10-jährige Mädchen mit einer gewissen Ausstrahlung und alle Mädchen über 15 oder in der Pubertät sollen ihren Kopfbereich, Haare, Arme und Beine verhüllen. Es ist ihnen verboten, sich fremden Männern zu zeigen. Wie Sie ­sehen, ist es notwendig, dass sich Mädchen von 7 Jahren an verschleiern.»

Früh lernen, Kopftuch zu tragen

Die Verschleierung der Mädchen wird hier klar sexuell begründet. Gemäss der heutigen Mehrheitsmeinung konservativer muslimischer Gelehrter müssen Mädchen ab der Pubertät, also mit der ersten Periode, ihren Körper mit Ausnahme von Gesicht und Händen ver­hüllen. Für viele Islamisten ist die Frau mit der sexuellen Reife auch heirats­fähig. Wie aber kann man fordern, dass sich schon 7- bis 10-jährige Mädchen verschleiern müssen? Cetkin Keramettin, der Präsident der Islamischen Stiftung ­Zürich ISK, der die Moschee an der Calanda­strasse gehört, sagt auf Anfrage: «Die Mädchen müssen lernen und sich früh daran gewöhnen, ein Kopftuch zu tragen. Wenn sie gross sind, müssen sie mit dem Kopftuch leben.»

Auf den Einwand, dass Männer, die sich von 7-jährigen Mädchen angezogen fühlen, pädophil sind, entgegnet er: «Es gibt doch viele kranke Leute und böse Männer, die kleine Mädchen und Buben verführen. In der Zeitung ist so oft davon zu lesen.»

Gemäss Keramettin ist sein Landsmann Yasar Özdemir für die Website verantwortlich, der auch als Auskunftsperson der Moschee an der Calandastrasse fungiert. Der aber gibt sich ­ahnungslos. Er wisse nicht, wer diese Katechismus-Aussage über die Mädchenverschleierung auf die Website gestellt habe. Er selbst sei kein Theologe und könne diese «wissenschaftliche Sache» nicht akkurat beantworten. «Fragen Sie einen Gelehrten, weshalb das so ist, er kann es Ihnen erklären.»

«Ungeheuerlich»

Für Elham Manea, jemenitisch-schweizerische Politologin an der Universität Zürich, ist es völlig unverständlich, dass diese Aussage auf der Website einer Schweizer Moschee öffentlich einsehbar ist. Dass Mädchen so früh sexualisiert würden und nicht mehr Kind sein dürften, sei ungeheuerlich: «Kinder sind Kinder, ob hier in der Schweiz oder in der Türkei.» Für Manea trägt die Katechismus-Antwort ganz klar eine fundamentalistische Handschrift.

Die Calanda-Moschee und ihre Stiftung ISK sind der 1978 gegründeten ­Föderation Islamischer Vereine Schweiz angeschlossen. Zu diesem ältesten türkisch-islamischen Dachverband in der Schweiz gehören zudem je eine Moschee in Luzern, Schattdorf UR sowie die bekannte Kasernen-Moschee in Basel. Wie stark sind sie mit der türkischen Religionsbehörde Diyanet verbunden? Auf der Website von deren Schweizer Ab­leger, der Türkisch-islamischen Stiftung Schweiz (Tiss), wird die Calanda-­Moschee als Diyanet-Moschee geführt. Dies sei heute aber nicht mehr der Fall, sagt Tiss-Mitarbeiterin Büsra Durmaz auf Anfrage.

Cetkin Keramettin bestätigt: Die Zürcher Moschee sei nicht mehr Mitglied von Diyanet, liege vom Glauben her aber auf der gleichen Linie. Man habe an der Calandastrasse keinen festen Imam, sondern lade pensionierte Imame aus der Türkei, auch solche von Diyanet, für maximal drei Monate in die Schweiz ein. Moschee wie Föderation seien politisch unabhängig. Er, Keramettin, sympathisiere «im Moment mit der AKP».

Förderung der Pädophilie?

Tatsächlich hat in der Türkei Erdogans Religionsbehörde die Diskussion um die sexuelle Reife und Heiratsfähigkeit der Frau neu angeheizt. Diyanet hatte im ­Januar auf ihrer Website ein Online­lexikon veröffentlicht, wo es unter dem Stichwort Pubertät hiess, Mädchen seien ab 9 und Knaben ab 12 gebär- beziehungsweise zeugungsfähig und damit auch im heiratsfähigen Alter.

Die Empörung darüber war gross. Zahlreiche Medien titelten, der Islam fördere die Pädophilie. Worauf Diyanet den Eintrag löschte und in einer Erklärung beschwichtigte, es sei falsch, dass Mädchen schon mit 9 Jahren heiraten dürften. Mädchen müssten nicht nur biologisch entwickelt, sondern auch psychisch reif sein. Diyanet sei gegen Kinderehen. Tiss-Mitarbeiterin Durmaz sagt sogar, Diyanet lasse allen Frauen die Freiheit, das Kopftuch zu tragen oder nicht, selbst beim Beten.

Eintrag zu Kinderehe gelöscht

Für Elham Manea dagegen ist klar: Erdogans AKP und die unter Staatskontrolle stehende Religionsbehörde Diyanet machten mit ihrer fundamentalistischen Weltanschauung Mädchen und Frauen zu sexualisierten Objekten. Beide staatstragenden Organisationen zeigten gerade in jüngster Zeit ihr islamistisches Gesicht. Der inzwischen ­gelöschte Eintrag zur Kinderehe auf der Diyanet-Website spiegle eine reaktionäre Lesart von Religion.

Es sei typisch für die Islamisten, dass sie in ihrem doktrinären Programm die Kontrolle der Frau und klare hierarchische Familiengesetze an die erste Stelle setzten. Gemäss der im sunnitischen Islam dominierenden Rechtsschule der Hanafiten gelte die Frau mit 15 Jahren als heirats­fähig. Die Islamisten dagegen stützen sich auf das mittelalterliche Scharia-Recht und dessen archaische Auffassung, wonach es beim Heiraten kein Mindestalter gebe. Vor diesem Hintergrund sei das Verschleierungsgebot für 7- bis 10-jährige Mädchen zu verstehen.

Mittel der Unterdrückung

Gemäss dem Zürcher Psychoanalytiker und Schriftsteller Jürg Acklin versuchen alle totalitären Gesellschaften und Systeme, über die Sexualität die Frau, letztlich aber auch den Mann zu kontrollieren. Nicht nur islamistische Regime, auch die katholische Kirche benutze das Anarchische der Sexualität, um den Menschen zu unterdrücken. Wobei die Frau hierarchisch immer die zweite Rolle zugeteilt erhalte, aber auch der Mann ständig unter Druck gerate. «Wo man keine Haut mehr sehen kann, wird alles Nackte begehrenswert.» Und wo eine verklemmte Sexualmoral herrsche, suche der Trieb nach alternativen Möglichkeiten der Befriedigung, sagt Acklin. Das belegten homosexuelle Beziehungen unter eigentlich heterosexuellen Männern in Gefängnissen, die Missbrauchsfälle in der römischen Kirche oder eben die Sexualisierung der Mädchen im konservativen Islam.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.03.2018, 21:11 Uhr

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