«Schonhaltung ist nicht hilfreich»

Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat bei Psychotherapeut Matthias Federer nachgefragt, wie belastend ein Schulwechsel für Kinder ist und wie Eltern sie dabei unterstützen können.

«Ein Kind ist in einer dauernden Veränderung»: Schulstart in Basel.

«Ein Kind ist in einer dauernden Veränderung»: Schulstart in Basel. Bild: Georgios Kefalas/Keystone

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Wie belastend ist ein Schulwechsel?
Wenn sich ein Kind in der Schule wohlfühlt, ist ein Schulwechsel fraglos eine Herausforderung.

Müssen Kinder vor Veränderungen möglichst bewahrt werden?
Eine Veränderung ist an sich nichts Schlechtes für ein Kind – ein Kind ist ja in einer dauernden Veränderung, nur schon weil es wächst und stetig Neues lernt. Umso wichtiger ist, dass gewisse Dinge im Leben des Kindes konstant bleiben, etwa die Bezugspersonen. Veränderungen sind eine Herausforderung für ein Kind, aber auch eine Entwicklungsaufgabe, an der es wachsen kann. Grundsätzlich dürfen einem gesunden Kind mit stabilem Umfeld Veränderungen zugemutet werden. Das ist besser, als es wenn man versucht, das Kind à tout prix zu schonen. Damit gibt man ihm ja das Signal, dass man ihm nichts zutraut. Ob dies auch für den konkreten Verwaltungsgerichtsfall gilt, kann ich aber nicht beurteilen, da ich den Fall nicht kenne.

Wir neigen dazu, Kinder und ihre Robustheit zu unterschätzen?
Diese Tendenz hat zugenommen. Wenn man Kinder gut unterstützt und dafür sorgt, dass Veränderung und Kontinuität ausgeglichen sind, dann kann man ihnen mehr zutrauen, als landläufig ­angenommen wird. Generell ist eine Schonhaltung nicht hilfreich. Gleichzeitig müssen wir aber akzeptieren, dass die Beziehung zur Schule von ihrem Wesen her nicht einfach ist: Es gibt die Interessen der Schule und jene des Individuums – und dies e sind oft nicht deckungsgleich. Vergessen wir nicht: Die Schule ist die grösste Zwangsinstitution in unserer Gesellschaft. Sie schränkt die individuelle Freiheit weit stärker ein als beispielsweise die Wehrpflicht. Da sind Konflikte nicht zu vermeiden.

Müssen sich die Eltern in Konfliktsituationen immer auf die Seite der Kinder schlagen?
Ja, das sollten sie – nur: Was das genau bedeutet, ist oft nicht einfach zu sagen. Es kann heissen, dass man sich mit dem Kind auf eine schwierige Situation einlässt. Mitunter unterstützt man das Kind so besser, als wenn man auf Konfrontation mit den Behörden geht, weil man die schwierige Situation verhindern will.

Wie begleitet man Kinder durch Veränderungen?
Indem man ihre Sorgen ernst nimmt und nach Wegen sucht, wie sich die Bewältigung der Veränderung erleichtern lässt. Man soll dem Kind auch die positiven Seiten aufzeigen, die in jeder Veränderung liegen. Ein Kind, das nach einem Wohnungswechsel auch die Schule wechselt, bekommt die Chance, mit den neuen Nachbarskindern in die Schule zu gehen und diese kennen zu lernen – damit findet es sich am neuen Ort gewiss rascher zurecht, als wenn es ganz allein weiter in die alte Schule geht.

Haben Sie in Ihrer Praxis viel zu tun mit Schulwechseln?
Das Thema kommt regelmässig vor, allerdings ist der Fall, dass Eltern einen Schulwechsel wünschen, weil es mit den Lehrpersonen nicht gut läuft, häufiger als der umgekehrte.

Erstellt: 17.05.2015, 22:59 Uhr

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Matthias Federer


Der Zürcher ist Psychotherapeut sowie Kinder- und Jugendpsychologe in eigener Praxis. Bis 2001 war er leitender Psychologe beim Schulpsychologischen Dienst Dietikon.

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