Von dieser Investition profitieren alle

Das Zürcher Stimmvolk entscheidet über die Tagesschule für alle. Das ist mutig, aber als führende Grossstadt muss sich Zürich diese Innovation leisten.

Mittagstisch in einer Tagesschule in Zürich (Symbolbild). Foto: Doris Fanconi

Mittagstisch in einer Tagesschule in Zürich (Symbolbild). Foto: Doris Fanconi

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Zürich gilt als die fortschrittlichste Stadt der Schweiz. Sie vergleicht sich gern mit Grossstädten wie Berlin. Weil die Stadt als innovativ und lebenswert gilt, ziehen viele Arbeitskräfte mit ihren Familien hierher. Doch in Sachen Schulstrukturen hinkt Zürich europäischen Städten hinterher. Die hiesigen Strukturen sind veraltet und entsprechen nicht den Familienmodellen, in denen beide Elternteile berufstätig sind. Es fehlt an Angeboten, in denen Kinder an fixen Tagen zu einem fairen Preis bis Mitte Nachmittag in der Schule sind und betreut werden. Es ist am Zürcher Stimmvolk, das am 10. Juni zu ändern und einen weiteren Standortvorteil für die Stadt zu schaffen.

Vom Flickwerk zur Einheit

Im Rahmen der zweiten Pilotphase sollen 24 weitere städtische Schulen die gebundene Tagesschule 2025 einführen und das Modell weiterent­wickeln. In diesen Schulen verbringen Kinder diejenigen Mittage, an denen sie nachmittags Unterricht haben. Ein Kind im zweiten Kindergarten hat so montags und freitags bis Mitte Nachmittag Schule, ein 6. Klässler an drei bis vier Nachmittagen. Über Mittag bekommen die Kinder ein warmes Essen, die Eltern bezahlen dafür sechs Franken. Bis in rund zehn Jahren soll das ­Modell der gebundenen Tagesschule in Zürich flächendeckend auf die 60 weiteren Schulen ausgeweitet werden. Alle Familien können sich abmelden, falls sie dafür keinen Bedarf haben.

Selbstverständlich hat die Stadt Zürich die Schulstrukturen auch in den vergangenen Jahren den Veränderungen in der Gesellschaft angepasst. Der Ausbau der familienergänzenden Kinderbetreuung ist erfolgt, allen Kindern stehen Hortplätze zur Verfügung. So können schon heute viele Elternteile ihren Beruf ausüben. Aber sie bezahlen für das Mittagessen im Hort viel und müssen sich jeweils aufs neue Schuljahr hin neu organisieren, weil die Stundenpläne wechseln. Eine optimale Vereinbarkeit von Beruf und Familie sieht anders aus.

Für Kinder kann der Wechsel zwischen Hort und Schule anstrengend sein. Sie erleben ihn als Hin und Her zwischen zwei Teams, zwei Lebenswelten. Auch pädagogisch ist die jetzige Situation nicht befriedigend. Eine gesamtheitliche Förderung geht heute über die schulischen Kompetenzen hinaus. Die Schule muss Kindern Raum bieten, in dem sie formell und informell lernen können.

Die Qualität muss stimmen

Die gebundene Tagesschule bietet die Rahmenbedingungen, aus diesem Flickwerk ein Ganzes zu schaffen. Die Kinder verbringen eine fixe Zeit in der Ganztagesstruktur. Das macht die Erwerbstätigkeit für Eltern besser planbar. Weil die Tagesschule flächendeckend eingeführt wird, profitieren alle Kinder von diesem Angebot. So haben auch Kinder aus finanziell schlechter gestellten Familien die Chancen auf eine zeitlich umfassende Bildung. Dazu trägt nicht zuletzt die Aufgabenhilfe bei.

Der zeitliche Ausbau und gemeinsame Mittagspausen von 80 Minuten allein machen freilich noch keine Tagesschule aus, wo Kinder die Schule als positiven Lebensraum wahrnehmen. Die Qualität muss stimmen. Dafür müssen Betreuung und Schule zusammenrücken – wenn es die Infrastruktur erlaubt unter ein Dach. Nur wenn Lehr- und Betreuungspersonen nach einem gemeinsamen Konzept handeln, können sie individuell auf jedes Kind eingehen. Nur wenn sie am gleichen Strick ziehen, können sie jedem das Gefühl geben, in der Schule aufgehoben zu sein. Gelingt das, steigert das die Lernmotivation. Eine schulische Leistungssteigerung von Kindern aus Tagesschulen konnten Studien zwar nicht belegen, aber die Wissenschaft ortet in einem qualitativ hochstehenden Tagesschulbetrieb das Potenzial dazu.

Breite Akzeptanz

Lehr- und Betreuungspersonen sowie die Schulleitungen sind in diesem Prozess besonders gefordert. Sie müssen ein neues Mammutprojekt bewältigen – Aus- oder Weiterbildung inklusive. Doch sie zum Modell zu zwingen, wäre falsch. Für das Gelingen braucht es die nötige Portion Herzblut.

Gleichzeitig bieten diese Rahmen­bedingungen Schulen auch einen Gestaltungsfreiraum. Jede Einheit kann sich eine eigene Tagesschule schaffen, die für alle Beteiligten stimmt, und die sie einzigartig macht.

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Für die zweite Pilotphase 74,5 Millionen Franken aufzuwenden, ist viel Geld. Aber die Stadt muss sich diese Kosten leisten, will sie mit ihren Schulstrukturen punkten. Sie reagiert mit einem breit abgestützten Modell auf die gesellschaftlichen Veränderungen – bis auf die SVP befürworten alle Parteien die Vorlage.

Von der Investition profitieren alle. Kinder, weil sie sich in der Schule wohlfühlen. Eltern, weil sie ihrer Arbeit nachgehen und die Zeit mit ihren Kindern ohne schulische Verpflichtungen gestalten können. Und letztlich die Stadt selber, weil sie mehr gut qualifizierte Arbeitskräfte hat. Dieser Schritt in Richtung Lebensraum Schule ist innovativ und passt perfekt zu Zürich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2018, 19:10 Uhr

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