Eine halbe Million Zürcher: «Da dreht man ja durch»

100'000 zusätzliche Bewohner sollen bis 2040 in der Stadt Platz finden. Viele davon im Norden. Dort geht die Angst vor dem Wachstum um.

Die Schwamendinger reagieren mit Skepsis und Fatalismus auf die Wachstumspläne der Stadt. Foto: Urs Jaudas

Die Schwamendinger reagieren mit Skepsis und Fatalismus auf die Wachstumspläne der Stadt. Foto: Urs Jaudas

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Zürich hat mit seinen Bewohnern Grosses vor: Lasst uns diese Stadt so umbauen, dass darin Platz ist für 100'000 zusätzliche Bewohner. Lasst sie uns noch schöner machen als bisher. Und lasst uns dabei alle ein Wort mitreden. Diese hochgesteckten Ziele verstecken sich hinter einem Dokument mit dem tiefstapelnden Titel «Kommunaler Siedlungsrichtplan» – ein Werber würde so was vermutlich anders verkaufen.

Dieses wirkungsmächtige Dokument liegt noch genau bis zum 29. November im Amtshaus IV bei der Urania-Sternwarte zur öffentlichen Mitwirkung auf. Bis dahin ist es nur ein Vorschlag der Fachleute, wie die Stadt umgestaltet werden soll. Jeder kann sich ihn ansehen und eigene Verbesserungsvorschläge einbringen. Danach aber ist Schluss mit Mitreden – eine ähnlich kapitale Chance gibt es wohl kaum mehr bis im Jahr 2040. Und wenn es so weit ist, wird Zürich mancherorts kaum wiederzuerkennen sein.

Aber ist diese Botschaft angekommen bei den Bewohnern jener Quartiere, deren Gesicht sich in den kommenden 20 Jahren besonders stark verändern soll? Was halten die Direktbetroffenen von den Plänen? Um das zu erfahren, besucht der TA mehrere Brennpunkte der Entwicklung und spricht mit den Leuten auf der Strasse. Den Anfang macht Schwamendingen.

Lob auf das Ghetto-Image

An der Dübendorfstrasse riecht Zürich nach Agglo. Gedrungene Reihenhäuser, Rasen, Buchenhecken – noch. Denn schon jetzt wird überall gebaut. In Zukunft soll diese Hauptachse zusammen mit der Winterthurer- und der Überlandstrasse in ein «urbanes Kerngebiet» verwandelt werden. Übersetzt heisst das: geschlossene Gebäudefronten, fünf- und sechsstöckig, mit Läden in den Erdgeschossen.

«Ich finde das nicht richtig», sagt Ajet Alji, der mit seiner Frau Dzedije gerade hier entlangspaziert. «Das wird einfach zu eng.» Beide sind um die fünfzig und vor Jahren aus Albanien in die Schweiz gekommen. An ihrem Quartier schätzen sie, dass es Teil von Zürich ist, aber doch ausserhalb liegt. Es sei schade, wenn Schwamendingen jetzt auch zur Stadt werde. «Uns wird wohl das Grün fehlen», sagt Dzedije.

Eine Skepsis, die auch Silvia Weller teilt, eine 40-jährige Lehrerin, die gerade vom Einkaufen kommt. Bei den Neubausiedlungen, die bereits stehen, seien Grünflächen und Spielplätze auf ein Minimum beschränkt worden: «Da und dort hat es eine Vertiefung mit einem Bäumchen drin, mehr nicht.»

Von den befragten Quartierbewohnern weiss keiner vom Verfahren, das ihnen Mitwirkung ermöglicht.

Die Sorge um die Gartenstadt vereint in Schwamendingen alle Altersklassen. Von der 68-jährigen Alice Nüssli, die hier in den Fünfzigern aufgewachsen ist, bis zur 21-jährigen Leonora Abdullahu, die sich im Trainingsanzug vor einem Café in der Herbstsonne fläzt und ein Lob aufs Ghetto-Image des Quartiers anstimmt. Aber wenn es um Bäume geht, ist Schluss mit Gangster und Grossstadt: «Ich brauche Natur!», ruft sie aus, als sie von den Umbauplänen erfährt. «Sonst wird es hier so stickig wie in der Innenstadt, da dreht man im Sommer ja durch.»

Als Kompensationsmassnahme für die Verdichtung planen Zürichs Stadtplaner in Schwamendingen neue Grünanlagen eines besonderen Typs: «Lineare Pärke», die sich entlang ausgewählter Quartierstrassen ziehen, wie man das heute zum Beispiel an der Glattwiesenstrasse schon kennt. Lehrerin Silvia Weller findet das gut, unter Vorbehalt: «Das müssten Zonen werden, wo Fussgänger und Familien Vortritt haben – nicht wie auf dem umgebauten Schwamendingerplatz.»

Auch positive Aspekte

Viele solche Stimmen werden das Amtshaus an der Urania voraussichtlich nie erreichen. Von sieben befragten Quartierbewohnerinnen und -bewohnern weiss niemand vom Mitwirkungsverfahren. Mehrere sehen es wie Ajet Alji: «Ob ich jetzt Ja oder Nein sage, spielt doch keine Rolle», sagt er. «Am Schluss machen die doch ohnehin, was sie wollen.»

Fast alle sind zudem der Ansicht, dass der Zug längst abgefahren sei, weil in Schwamendingen schon heute an jeder Strasse ein Baukran stehe. Tatsächlich nimmt die gerade in Kraft getretene neue Bau- und Zonenordnung die erhöhte bauliche Ausnutzung an zwei der Hauptachsen bereits vorweg.

Bei aller Kritik gibt es aber auch Aspekte der Verdichtungspläne, die im Quartier gut ankommen. Das gilt einerseits für die Idee, den Charakter der Gartenstadt im Inneren des Quartiers zu erhalten. Andererseits für das Vorhaben, in den Erdgeschossen der grossen Neubauten an den Hauptachsen mehr Platz für Läden und andere Publikumsnutzungen zu schaffen. «Ein bisschen mehr Leben kann nicht schaden», sagt die Ur-Schwamendingerin Nüssli, «hier ist ja tote Hose. Für alles muss man nach Oerlikon gehen.»


In Zürichs Norden – Kunst zum Thema Urbanisierung


Sie findet es auch nicht schlimm, wenn sich die Zusammensetzung der Quartierbevölkerung aufgrund der Baudynamik stark verändern würde, wie das von der Stadt prognostiziert wird. Andere sehen das weniger entspannt. Sie sorgen sich, dass die Wohnungen immer teurer würden und einfache Leute verdrängt würden, deren Einkommen mit der Entwicklung nicht Schritt halten kann. «Man sagt, Schwamendingen sei Ghetto, und hier passiert viel Scheisse», sagt Leonora Abdullahu, «aber die Leute halten zusammen hier. Das ist unser Ort, wir wollen hier nicht weg. Wenn jetzt überall Häuser gebaut werden...» Sie lässt den Satz unbeendet, verzieht den Mund.

Bleibt die Frage, was die Stadt machen könnte, damit es besser kommt. Sie ist städtebaulich gemeint, aber Ajet Alji versteht sie anders: «Super wäre, wenn die SVP sagen würde: Stopp, wir grenzen die Zuwanderung ein.» Er grinst in seinen Bart. «Und das sage ich als Ausländer.» Seine Frau Dzedije nickt: «Wenn es zu viel ist, ist es zu viel.» So viel ist klar nach diesem Besuch in Schwamendingen: Für die Verantwortlichen der Stadt gäbe es noch viel zu erklären, um die Leute hier für den grossen Umbau zu gewinnen. Wenn sie das wirklich wollen.

Erstellt: 12.11.2018, 22:44 Uhr

Genossenschaften im Baufieber

In Schwamendingen gibt es Platz für mehr Wohnungen. Diese Aussage machte Patrick Gmür, ehemaliger Direktor des Amts für Städtebau, bereits vor sechs Jahren. Auch er sprach von verdichtetem Bauen. Dass diese Bautätigkeit bereits begonnen hat, ist im Stadtkreis 12 gut sichtbar. Auftraggeber sind meist Genossenschaften, sie setzen auf Ersatzneubauten. Etwa an der Grenze zu Stettbach: Dort hat die Genossenschaft Sunnige Hof an der Dübendorfstrasse ihre 134 Reiheneinfamilienhäuser im Gartenstadtstil abgebrochen. So sind insgesamt 322 Wohnungen und 60 Reiheneinfamilienhäuser entstanden, vor einem Jahr wurden sie bezogen.

Spitzenreiter in der Stadt

Auf der Höhe Altwiesstrasse hat die Bau- und Wohngenossenschaft Graphis eine Siedlung mit rund 100 Wohnungen erstellt. Sie sollen zur Durchmischung des Quartiers beitragen, wie die Stadt in der Wettbewerbsausschreibung schrieb. Die Baugenossenschaft Zürich wird im Gebiet des Schwamendingerdreiecks alle ihre 718 Wohneinheiten in den nächsten 20 Jahren erneuern. Und unmittelbar beim Schwamendingerplatz wurde diesen Sommer die letzte Etappe der Siedlung Heerenwiesen mit 89 Neubauwohnungen bezogen, Bauherrin ist die Gewerkschaftliche Wohn- und Baugenossenschaft.

Die Bautätigkeit schlägt sich auch in Zahlen nieder. Dabei schwingt Schwamendingen gemäss Statistik zweimal obenaus. 2015 sind dort 525 neue Wohnungen entstanden, weit mehr als in allen anderen Quartieren. 2016 wurden 338 Wohnungen abgerissen, so viele wie seit 2009 in keinem anderen Stadtteil mehr. Vom grossen Zuzug ins Quartier kann aber noch nicht die Rede sein. Ganze 237 Personen haben sich 2015 neu im Kreis 12 niedergelassen, in den beiden letzten Jahren sind mehr Menschen weg- als zugezogen.

Steigende Immobilienpreise

An den Immobilienpreisen ist die Attraktivität des Quartiers, das sich auch in der Bauart zunehmend der Stadt annähert, jedoch abzulesen. Die mittleren Quadratmeterpreise für Eigentumswohnungen sind gemäss Wüest Partner seit 2015 von 8600 auf 10600 Franken gestiegen, das entspricht einer Zunahme von 19 Prozent.

Doch die Preise liegen noch immer 14 Prozent unter dem Mittelwert der Gesamtstadt. Die mittleren Mietwohnungspreise für bestehende 90-Quadratmeter-Wohnungen haben sich kaum verändert (gut 2000 Franken). Im Neubausegment sind die Mieten für entsprechende Wohnungen von 2340 Franken im Jahr 2015 auf 2560 Franken angestiegen. Alle Angaben basieren auf den Beobachtungen der inserierten Wohnobjekte. (ema)

So soll sich Schwamendingen verändern

Der kommunale Siedlungsrichtplan sieht Folgendes vor:


  • Entlang der Hauptachsen Dübendorf-, Winterthurer- und Überlandstrasse wird verdichtet.

  • Angestrebt wird dort eine hohe Dichte (fünf- und sechsgeschossige Bauten), an der Dübendorf- und Winterthurerstrasse zum Teil sogar sehr hohe Dichte mit bis zu sieben Stockwerken.

  • In den Erdgeschossen an den Hauptachsen sind Gewerberäume und publikumsorientierte Nutzungen vorgesehen.

  • Hinter dicht bebauten Hauptachsen soll die Gartenstadt in modernisierter Form erhalten bleiben.

  • Als Erholungsraum sollen mehrere «lineare» Pärke entlang der Quartierstrassen dienen.

  • Der Umbauplan bringt eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine gesellschaftliche Veränderung des Quartiers mit sich.

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