Schwule gehen häufiger eine eingetragene Partnerschaft ein

Wieso es im Kanton Zürich erstaunliche Unterschiede zwischen homosexuellen Männern und Frauen beim Eintragen ihrer Beziehungen gibt.

Rund 200 gleichgeschlechtliche Paare lassen ihre Partnerschaft jedes Jahr eintragen. Foto: Getty Images/iStock

Rund 200 gleichgeschlechtliche Paare lassen ihre Partnerschaft jedes Jahr eintragen. Foto: Getty Images/iStock

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Die Zahlen sprechen eine überraschend deutliche Sprache: Im Kanton Zürich gehen homosexuelle Männer dreimal häufiger eine eingetragene Partnerschaft ein als Frauen – und sie tun dies deutlich häufiger mit einem Ausländer. Diese statistischen Auffälligkeiten sind einer Broschüre zu entnehmen, die das Statistische Amt des Kantons Zürich gemeinsam mit der Zürcher Kantonalbank veröffentlicht hat.

700 Eintragungen gab es 2007 im Kanton Zürich – fast drei Viertel davon betrafen Männer. Im ersten Jahr, in dem dies möglich war, liessen sich viele Paare eintragen, die lange darauf gewartet hatten. Seither hat sich die Zahl bei jährlich rund 200 Eintragungen eingependelt. An dem ungleichen Verhältnis zwischen schwulen und lesbischen Paaren hat sich aber auch in den Folgejahren nichts geändert.

Feministische Lesben

Expertinnen wie Nadja Herz, Vorstandsmitglied der Lesbenorganisation Schweiz, können über die Gründe dieser ungleichen Verteilung bloss spekulieren. Als Rechtsanwältin berät Herz regelmässig gleichgeschlechtliche Paare. Hauptgründe für eine Ehe oder eine eingetragene Partnerschaft seien – neben der Liebe – gemeinsame Kinder oder binationale Partnerschaften.

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Fallen diese Gründe weg, dränge sich eine eingetragene Partnerschaft nicht unbedingt auf. Steuerlich sei sie ein Nachteil, wenn beide Partnerinnen ähnlich viel verdienen. Letzteres sei bei lesbischen Paaren möglicherweise öfter der Fall als bei schwulen Paaren, deren Einkommensunterschiede bisweilen ausgeprägter seien.

Auch die AHV sinke bei einer Eintragung, was bei Frauenpaaren mehr ins Gewicht falle. Die Lohndiskriminierung wirke sich bei ihnen doppelt negativ aus. Im Alter verfügten sie oft ohnehin über weniger Geld. Und da Männer in der Regel mehr Geld besässen, lohne sich eine Absicherung in Form einer eingetragenen Partnerschaft mehr, da eine Verpartnerung insbesondere beim Erben erhebliche Vorteile bringe.

Finden schwule Männer häufiger ausländische Partner, weil sie so gerne reisen?

Ausserdem, sagt Nadja Herz, seien Lesben mittleren Alters oft Feministinnen, die der Ehe als patriarchaler Institution kritisch gegenüberstünden. Das reduziere den Anteil jener Altersgruppe, die sich am häufigsten eintragen lässt: jene der zwischen 40- und 45-Jährigen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Meist haben gleichgeschlechtliche Paare keine gemeinsamen Kinder. Somit eilt das Eintragen der Partnerschaft nicht und geschieht oft erst später.

Klischees und Spekulationen

Die Studie zeigt noch eine weitere Besonderheit auf: «Während die Schweizer Männer am häufigsten einen Ausländer zum Mann nehmen, ist bei Frauenpaaren die eingetragene Partnerschaft zwischen zwei Einheimischen am verbreitetsten.» Auch hier können sowohl Statistiker als auch Experten über die Gründe nur spekulieren. Unter Homosexuellen gibt es das Klischee, schwule Männer seien besonders reisebegeistert. Finden sie deshalb häufiger ausländische Partner? Für den Zürcher SP-Nationalrat Angelo Barrile, der sich seit Jahren für die Rechte von LGBTI-Personen einsetzt, ist das mehr eine Mutmassung als eine befriedigende Erklärung für die Unterschiede im Verhalten.

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Und auch Nadja Herz bezeichnet das Klischee als Begründung für das ungleiche Verhältnis von binationalen Partnerschaften bei Schwulen und Lesben als Spekulation. Dennoch kann sie sich vorstellen, dass die finanzielle Situation eine Rolle spielt: «Wenn ich mehr verdiene, dann kann ich es auch eher für weite Reisen ausgeben.» Die Tatsache, dass Männer vergleichsweise oft in höheren beruflichen Positionen zu finden seien, könnte eine höhere Reisetätigkeit bewirken. Allerdings zeigt die Statistik bei den heterosexuellen Paaren keine solche Ungleichheit. Da heiraten Schweizer Männer nicht etwa häufiger ausländische Frauen.

Hingegen würden sich Frauen im Gegensatz zu Männern eher Partnerinnen aussuchen, die ihnen ähnlich seien, sagt Herz. Partnerinnen aus einem gänzlich anderen Kulturkreis seien daher bei Frauen seltener.

Vorerst keine Ehe für alle

Nicht nur in der Statistik, sondern auch im Gesetz gibt es bei homo- und heterosexuellen Paaren Unterschiede. Homosexuelle können ihre Partnerschaft zwar eintragen lassen, aber sie können keine Ehe eingehen. Zuletzt gab es auf nationaler Ebene verschiedene Vorstösse für eine Ehe für alle. Doch ihre Umsetzung ist auf Eis gelegt. Grund dafür ist die CVP-Initiative «Für Ehe und Familie – gegen die Heiratsstrafe». Sie definierte die Ehe explizit als eine Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau – und schliesst damit eine homosexuelle Ehe aus.

Zwar lehnten 50,8 Prozent der Stimmbevölkerung die Initiative ab, doch das Bundesgericht annullierte das Resultat im April. Der Bund hatte in der Abstimmungszeitung das Ausmass der steuerlichen Heiratsstrafe falsch dargestellt. Ob es erneut zur Abstimmung kommt, ist noch nicht entschieden. Denn der Bundesrat liess es den Räten offen, ob sie einen Gegenvorschlag zur Initiative ausarbeiten wollen. Das Parlament ist nun am Zug.

Solange diese Frage nicht geklärt ist, bleiben die Unterschiede zwischen homo- und heterosexuellen Paaren nicht nur statistisch bestehen.

Erstellt: 06.08.2019, 11:31 Uhr

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