Serie: In der Schwebe

Seilbahnfahren wie die Geissen

Der Vättnerberg ganz hinten im Taminatal ist so urtümlich, dass sich selbst der Wolf dort wohlfühlt.

Ein Spass für Mensch und Tier: Die Fahrt mit der Gondel zum Vättnerberg (Video: Tina Fassbind, Schnitt: Marco Pietrocola)

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Im Grunde genommen beginnt das Abenteuer Vättnerberg schon mit der Fahrt ab Bad Ragaz zur Talstation. Bis tief ins Taminatal geht die Reise mit dem Postbus. Auf Serpentinen hinauf zum Kloster Pfäfers, vorbei an der neuen Taminabrücke, die sich elegant über die gleichnamige Schlucht beugt, dann dem blassblauen Mapraggsee entlang und weiter in Richtung Vättis, das gerade noch im Kanton St. Gallen liegt.

Die Seilbahnstation befindet sich etwas vor der Ortschaft. Wenn man den Buschauffeur nett fragt, lässt er einen bei der entsprechenden Abzweigung aussteigen. Dann ist man in zehn Minuten bei der Talstation, einem Holzhäuschen auf einer Waldlichtung, das durchaus als Zweitwohnsitz des Samichlaus durchgehen könnte. Oben im Gebälk ist die alte Gondel aufgehängt. Eine Holzkiste, an der zwei Wassertanks angebracht sind, um ihr genügend Gewicht zu geben. Allein beim Gedanken daran, in diesem Gefährt die 625 Höhenmeter zur Bergterrasse zu überwinden, wird einem flau im Magen.

Reise mit ganz viel Frischluft

Die heutigen Gondeln entsprechen selbstverständlich den neusten Vorschriften. Eine Besonderheit gibt es aber noch immer: Neben einer vierplätzigen Standardgondel fährt eine Materialbahn hinauf zur Vättnerberg. Eine Art Metallkubus mit einfachen Holzbänkchen und Öffnungen nach zwei Seiten, die man zum Beladen in den Stationen aufklappen kann. «Heute Morgen haben wir darin noch Ziegen ins Tal geschafft», sagt ein Anwohner, der in der Station auf seine Bekannten wartet. Da müsse man immer gut Acht geben. «Die Tiere steigen gerne auf die Bänke und schauen raus.»

Es ist ihnen nicht zu verdenken. Die Aussicht aus der Seilbahn ist grossartig. Der Blick weitet sich mit jedem Meter tiefer ins Tal bis zum Ringelspitz, hinter dem das Bündner Rheintal liegt. Ein frisches Lüftchen zieht durch die Kabine, und durch die offenen Luken kann man einen Blick hinab in die Radeinbachschlucht wagen, die man mit der Seilbahn überwindet – es lohnt sich definitiv, wie die Geissen zu reisen.

Wolfsgeheul im Morgengrauen

Auch um ihre Bergweiden könnte man die Tiere beneiden. Unter der Blumenpracht ist das Gras kaum mehr auszumachen. Kein Wunder schmeckt der Käse so gut, der hier oben auf der nahen Alp Findels produziert wird.

Etwas weniger Spass dürften die Ziegen an einem Gesellen haben, der sich auch gerne mal auf dem Vättnerberg aufhält: dem Wolf. Im Frühling habe man ihn noch heulen hören, sagen die Pächter der Alp. Inzwischen sei er aber wieder weg. Trotzdem zäunen sie die Geissen ein. Denn dem Wolf geht es genau gleich wie allen anderen Besuchern des Vättnerbergs: Es ist so wunderschön hier, da will man immer wiederkommen. (tif)

Café mit Aussicht: Der Hauskaffee der Alp Findels im schrägen Glas. (Bild: Tina Fassbind)

Unser Rating: Die Seilbahn zum Vättnerberg fährt nur viermal am Tag, und auch das an Werktagen nur auf Bestellung. Ist man aber einmal oben, will man gar nicht mehr runter. Und wer oben ist, sollte sich den Käse der Alp Findels auf keinen Fall entgehen lassen: Ein Genuss so sagenhaft wie die Aussicht. (tif)

Eckdaten der Seilbahn Vättnerberg:

Unser Wandertipp:

Sanfter Wanderklassiker auf dem Vättnerberg: hinüber zur Alp Findels und retour – das ist eine Schlenderei vor grossartiger Bergkulisse. Auf Findels wird Alpkäse produziert, den man kaufen kann. Idealerweise kombiniert man Findels mit dem Besuch des Dorfes Vättis und einer Einkehr vor oder nach der Talfahrt. Route auf dem Berg: 1 Stunde für hin und zurück, je 100 Meter auf- und abwärts. (tow)

Erstellt: 14.08.2017, 10:57 Uhr

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In der Schwebe: Teil 5

Wir ergondeln Seilbähnchen in der Nähe von Zürich

In Zürich diskutiert man noch über eine Gondelbahn am Seebecken. Die fünf aussergewöhnlichen und abenteuerlichen Seilbähnchen, die Tagesanzeiger.ch/Newsnet in diesem Sommer vorstellt, gibt es schon – und sie sind alle innerhalb von ein bis zwei Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Zürich aus erreichbar.

Neben einem Erlebnisbericht über die Seilbahnfahrt samt Videoclip gibt es zu jedem Berg, den wir für Sie ergondeln, einen Wandertipp und ein Rating. In den vergangenen Wochen haben wir Ihnen vier Seilbähnchen vorgestellt: Nach der Palfries-Bahn im Kanton St. Gallen, dem Oberaxen im Kanton Uri, der Tschinglen-Alp im Kanton Glarus und der Alp Sigel im Kanton Appenzell Ausserrhoden ist der Vättnerberg im Kanton St. Gallen unsere letzte Station.

Kleine Seilbahnbetriebe in der Schweiz haben einen schweren Stand: In den letzten Jahren wurden die gesetzlichen Anforderungen an Sicherheit und Unterhalt massiv erhöht. Die Klein- und Kleinstunternehmen können sich die nötigen Unterhaltsarbeiten und hohen Ersatzinvestitionen, die rasch in die Hunderttausende Franken gehen, kaum mehr leisten.

Damit die Vielfalt der Kleinstseilbahnen in der Schweiz erhalten bleibt, sind die Betreiber auf möglichst viele Gäste angewiesen – auch jene der fünf vorgestellten Seilbähnli in unserer Sommerserie. (tif)

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