Seine Bilder wurden zum Klischee

Im Nordamerika-Native-Museum (Nonam) ist derzeit eine packende Ausstellung über Leben und Werk des umstrittenen Indianer-Fotografen Edward S. Curtis zu sehen.

Die oft gestellten und stereotypen Bilder von Curtis haben unser Indianerbild geprägt. Foto: Edward S. Curtis (McCormick Library of Special Collections)

Die oft gestellten und stereotypen Bilder von Curtis haben unser Indianerbild geprägt. Foto: Edward S. Curtis (McCormick Library of Special Collections)

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Ein Nischenmuseum an der Peripherie der Stadt, das eine zehneinhalb Monate dauernde Sonderausstellung zeigt? «Ziemlich verrückt», der erste Gedanke. Und dann geht man hin, schaut sich das an – und hat am Schluss des Rundgangs die Gewissheit: Die lange Dauer ist noch so ziemlich das Normalste der Ausstellung.

Wahrhaftig verrückt war nämlich die selbst auferlegte Lebensaufgabe von Edward Sheriff Curtis, der im Fokus dieser Sonderschau im Nordamerika-Native-Museum (Nonam) steht – obwohl es von seinem Gesicht in diesem Kulturhaus da draussen im Zürcher Seefeld bloss etwa ein halbes Dutzend Aufnahmen gibt: Curtis war nämlich der Mann hinter der Kamera, der Fotograf beziehungsweise der «Shadow Catcher», wie ihn viele der Indianer nannten, die er ablichtete, weil sie befürchteten, sein mysteriöser Apparat würde ihnen die Seele rauben.

Dass sie ihn gleichwohl machen liessen und für seine meist inszenierten Fotos posierten – die einen mit jenem Stolz, der das Volk einst geprägt hatte, andere widerwillig, ohne die Furchen zu kaschieren, welche die martialische Geschichte in ihre Antlitze gefurcht hatte –, lag neben Curtis’ Überzeugungskraft auch an seinem prall gefüllten Geldbeutel, mit dem er für seine Aufnahmen bezahlte. Und er musste viel bezahlen, denn sein Projekt war schlicht wahnwitzig: Curtis machte sich 1906 auf, Angehörige aller Indianerstämme westlich des Mississippi dokumentarisch festzuhalten.

90 Stämme, 40'000 Bilder

Der programmatische Titel des Mammutwerks lautete «The North American Indian»; der «New York Herold» schrieb 1907 vom «most gigantic undertaking since the making of the King James edition of the Bible», und das war wohl nicht mal übertrieben: Ein Vierteljahrhundert lang besuchte der ausgebildete Fotograf über 90 Stämme, schoss gegen 40'000 Bilder, erstellte um die 1000 Sprach- und Musikaufnahmen, hielt Bräuche und Rituale fest, schrieb Biografien nieder. Am Ende hatte er eine Wegstrecke von 120'000 Kilometern zurückgelegt, war also praktisch dreimal rund um die Erde gereist. Das 1930 vollendete ­Œuvre umfasste 20 Bände mit edlen Fotogravuren und fast 4000 Textseiten. Gedruckt wurde es auf Japanpapier, es war mit Goldschnitt versehen und in ­Leder gebunden und kostete als Set 3850 Dollar – das entsprach vier Jahresgehältern eines Buchdruckers.

Das Kanu im Fluss: «Kutenai Duck Hunter» von 1910. Foto: Edward S. Curtis (McCormick Library of Special Collections)

Wie aber kam es überhaupt zu dieser «Mission Impossible» des 1868 in Cold Spring im US-Bundesstaat Wisconsin geborenen Edward S. Curtis? Am Anfang stand das Foto, das er 1895 von der Häuptlingstochter «Princess Angeline» machte. Dadurch kam er mit Menschen in Kontakt, die sich bereits mit der Kultur der ­indigenen Stämme befassten, wurde zu Fotoreisen und Expe­di­tionen eingeladen, gewann Preise, wurde bekannt, erhielt von US-Präsident Theodore ­Roosevelt den Auftrag, seine Kinder zu fotografieren. Dadurch kam er auch mit dem Bankier und Kunstmäzen J. P. Morgan in ­Kontakt, der sich bereit erklärte, ein allumfassendes und quali­tativ hochstehendes Werk über die Indianer Nordamerikas zu ­finanzieren.

Entscheidend aber war wohl Curtis’ romantisierte Vorstellung von der «Vanishing Race» – und der Antrieb, diese untergehende Kultur für die Nachwelt zu dokumentieren. Dass er diese «heroische» Aufgabe nicht allein stemmen konnte, versteht sich von selbst, auch wenn «The North American Indian» exklusiv seinen Namen trägt – tatsächlich war es ein grosses Team, das im Feld (und im Studio!) mitwirkte und von den Requisiten bis zu den Reisen alles organisierte.

Widersprüchliches zeigen

All dies präsentiert die auf vier Bereiche aufgeteilte Ausstellung im Nonam. Sie gibt den Gesamtüberblick, ermöglicht die thematische Vertiefung (zum Beispiel zu Themen wie Vertuschung der Gegenwart) oder den spielerischen Zugang (in dem sich die Besucher selbst in inszenierter Curtis-Manier ablichten können). Zudem wird sein fotografisches Verfahren der Heliogravuren erklärt. Man kommt gar in den Genuss rarer Ton- und Filmdokumente. Die Prunkstücke der Schau sind jedoch zweifellos die beiden Bände, die sich einst im Besitz von J. P. Morgan befanden, sowie die Leihgabe der Universität Göttingen in Gestalt von 80 Fotogravuren, die gestaffelt gezeigt werden. Bis zum März 2020 finden vier Bilderwechsel statt, etwa alle drei Monate werde 20 neue Exponate präsentiert.

Häuptling mit Federhaube - das verklärte Indianerbild der weissen Europäer. Foto: Edward S. Curtis (McCormick Library of Special Collections)

Beim Betrachten der sepiafarbenen Originale wird einem dann rasch klar, wie sehr diese oft gestellten und stereotypen Bilder von Curtis unser (verklärtes) Indianerbild geprägt haben: Häuptlinge mit Federhaube hoch zu Ross, die Tipis in der Prärie, das Kanu im Fluss. Diese Manipulationen waren es auch, die Curtis und sein Werk ab den 1980er-Jahren in Misskredit brachten, ihn in gewissen Kreisen posthum zur Persona non grata erklärten. Derart einseitig präsentiere sich die Faktenlage aber eben nicht, sagt Ausstellungsmacher Markus Roost – so hätten heute viele der Fotos für indianische Nachfahren einen persönlichen Wert, da sie so ihre Ahnen sehen können. «Genau das ist unser Ziel: die ganze Widersprüchlichkeit von Curtis und seinem Werk zu zeigen», sagt Roost. Ein Vorhaben, das gelingt.

Nonam, Seefeldstrasse 317,8008 Zürich. Daten der Bilderwechsel: www.nonam.ch

Erstellt: 07.08.2019, 20:31 Uhr

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