Seine Heiligkeit isst Kekse und lacht

Der Dalai Lama tourt durch den Kanton Zürich. Dem Oberhaupt ist nichts anzumerken – doch die Sorgen wachsen.

Rituale sind ihm nicht so wichtig: Der Dalai Lama auf dem Weg in den Tempel. Bild: Ennio Leanza (Keystone)

Rituale sind ihm nicht so wichtig: Der Dalai Lama auf dem Weg in den Tempel. Bild: Ennio Leanza (Keystone)

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Wie klingt es, wenn die mystische Entität eine Tempelanlage betritt? Eine Anlage, die bis aufs letzte Plätzchen bevölkert ist? Und das mit Gläubigen, die teils lange, lange auf diesen Moment gewartet haben?

Ja, dann wird es noch leiser. Ruhig schauen die Buddhisten zu, wie ihr Oberhaupt – er ist ja auch schon 83 Jahre alt – von Mönchen gestützt dem Zeremonienraum entgegengeht. Kein Klatschen, kein lauter Jubel. Die Gläubigen holen ihre weissen Tücher hervor, in der Luft flattern die Gebetsfähnchen in blassen Farben. Weihrauch, ein Ballon steigt auf, darauf in grossen Buchstaben: «50 Years Tibet Institute». Deswegen ist der Dalai Lama ins Tösstal gereist, 1968 wurde das Institut in Rikon eingeweiht. Es sollte den Flüchtlingen aus ­China eine kulturelle Heimat bieten, das war die Idee der ansässigen Fabrikanten Henri und Jacques Kuhn.

Video: «Es ist fast Liebe»

Aufgeregt und rausgeputzt: Jigme Adotsang und Pälden Tamnyen bei der grossen Zeremonie. Video: Lea Koch

Kurz bevor der Dalai Lama im Tempel angekommen ist, tönt ein vielfaches Lachen über die Anlage. Vielleicht hat eines der vielen Kinder wieder was Drolliges angestellt. Mönche begrüssen sich mit Handschlag, manche tragen Sonnenbrillen. Wirkt alles sehr entspannt und zufrieden hier.

«Erst das Fressen . . .»

Doch die Seligkeit täuscht. In ihrer Herkunftsregion führen die Tibeter ein ärmliches Leben. Amnesty International berichtet von Überwachung und Schikane durch Bürokraten und Polizisten. Letztes Jahr haben sich sechs ­Tibeter aus Protest verbrannt, so ein Rapport. Derweil wird der Ruf «Free Tibet», in den 90ern in linken Kreisen noch weit verbreitet, hierzulande leiser.

Das stellt auch Martin Brauen fest. Er hat sich als Kurator des Völkerkundemuseums Zürich und als Dozent der Uni Zürich mit der Region und Kultur Tibets beschäftigt. China wolle Stabilität, und wer diese bedrohe, werde bekämpft. Wirtschaftsmacht, kombiniert mit cleverem politischem Druck, habe den Westen eingeschüchtert, sagt Brauen, und zitiert das Brecht-Zitat vom Fressen, das zuerst komme. Die Chance eines eigenen Staats, der grosse Traum der Tibeter, sei eine Zeit lang durchaus intakt gewesen. Heute schätzt sie Brauen auf gleich null. Ein Amnesty-Sprecher sagt, zwar hege die Schweizer Bevölkerung noch immer grosse Sympathien für die Tibeter. Doch die Menschenrechtslage in Tibet sei kaum noch Thema. «Vielleicht auch darum, weil sich seit Jahren nichts wesentlich verändert.» (Eine Anfrage zu Tibet beim chinesischen Konsulat in Zürich blieb unbeantwortet.)

Das Tibet-Institut Rikon feiert heuer das 50-Jahr-Jubiläum. Bild: Ennio Leanza (Keystone)

Am Flughafen Kloten hat er am Morgen eine Pressekonferenz gehalten, jetzt spricht seine Heiligkeit zu den Oberen des Rikoner Instituts. «Aber erst mal Kekse essen», sagt der Dalai Lama, isst dann einen Keks, lacht. Humor ist sein Alleinstellungsmerkmal im Wettbewerb der Weltreligionen, neben all den grimmigen Kardinälen, Muftis und Patriarchen hat er da ja auch leichtes Spiel.

Aber hier im Gebetsraum muss der Dalai Lama ohnehin nicht um Zuneigung buhlen, als der brummelnde Gebetsgesang und das Glöckleingebimmel ausklingt. Zwischen den Mönchen und Exiltibetern sitzen hier und da auch ein Manager im teuren Anzug oder ein Werber. Dies wohl eher der Karma-Politur wegen und weniger in der Absicht, wie einst Siddharta dem Luxus und der Eitelkeit zu entsagen.

Dann predigt der Dalai Lama mehr Nüchternheit. «Die Essenz des Buddhismus liegt in seiner Philosophie.» Logik und Erkenntnistheorien seien wichtig, Gebete und Riten dagegen weniger. Einmal macht er sich über ein riesiges, an Seilen aufgehängtes Mandala lustig. Er rollt dramatisch die Augen.

Der Fall Chorasherpa

Heiterkeit und tiefe Sorge liegen nahe beieinander in seiner Rede. Der Dalai Lama ermahnt die Gemeinde, Englisch zu lernen und sich in die Wissenschaften zu vertiefen. Sich zu wappnen für eine «aufgewühlte Erde», gegen die «Gewalt, die unserer Gemeinde angetan wird». Spätestens jetzt ist klar, wie prekär die Lage des Dalai Lama ist, und welche Bedeutung Rikon für die Tibeter mittlerweile hat: Das Institut ist eine Insel und ein Speicher der tibetischen Kultur. Seine Bibliothek ist für sie die zweitwichtigste Bibliothek überhaupt.

Wie gefährdet Tibeter heute sein können, zeigt dieser Tage das Schicksal von Yangdon Chorasherpa. Die junge Frau war von Zürich nach Kathmandu ausgeschafft worden und vegetiert seither in Nepal, fürchtet sich vor einer Abschiebung nach China.

Mario Fehr: «Eindrücklich, berührend, lehrreich»

In Rikon ist auch SP-Regierungsrat Mario Fehr, der Tibet selber schon besucht und den Dalai Lama mehrmals getroffen hat; die Zeremonie habe er als «eindrücklich, berührend, lehrreich» erlebt, der Dalai Lama sei «mit jeder Faser seines Menschseins mitfühlend». Auf den Fall Chorasherpa angesprochen, sagt der Zürcher Sicherheitsdirektor knapp: «Das ist ein Entscheid des Bundes. Es liegt ein Wiedererwägungsgesuch vor, und ich gehe davon aus, dass das Staatssekretariat für Migration dieses angesichts der Fakten sehr ernsthaft prüfen wird.» Selbstverständlich sei es richtig, dass Tibeterinnen und Tibeter nicht in den Tibet zurückgeführt würden.

Als der Dalai Lama den Saal wieder verlässt, küssen ihm Gläubige die Hände, flüstern ihm Dankesworte zu, schauen ihm nach. Der Dalai Lama lacht. Ohne seine Aura wäre er, der Prediger der Nüchternheit, wohl längst vergessen und verloren.

Erstellt: 22.09.2018, 07:56 Uhr

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