Seit 13 Jahren pflegt er seine Freundin, die im Koma liegt

Michael Pfeiffer würde seine Partnerin gern nach Hause nehmen und dort für sie sorgen. Doch das Bundesgericht verbietet es ihm. Warum?

Michael Pfeiffer sorgt sich um Gabriela Steiner. Aber er darf sich nur im Pflegeheim um sie kümmern. Foto: Samuel Schalch

Michael Pfeiffer sorgt sich um Gabriela Steiner. Aber er darf sich nur im Pflegeheim um sie kümmern. Foto: Samuel Schalch

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Als sich Michael Pfeiffer und Gabriela Steiner (beide Namen geändert) kennen lernen, ist sie ganz unten. Die 40-Jährige hat zwei gescheiterte Ehen hinter sich, ist drogen- und alkoholabhängig. Das Geld für den Stoff beschafft sie wie so viele süchtige Frauen auf dem Strich. Perspektiven? Keine.

Bis dieser Michael Pfeiffer auftaucht, elf Jahre älter, Lastwagenfahrer, ein Bär von einem Mann, einfaches, fast kindliches Gemüt, rau, aber herzensgut. Pfeiffer nimmt die zierliche Frau zu sich, die beiden verlieben sich. Er geht ihre Sucht pragmatisch an, damit sie gar nicht erst an den harten Stoff kommt, nimmt er sie, so oft es geht, in seinem Lastwagen mit. Den Alkohol, den sie trinkt, verdünnt er nach und nach. Nach sechs oder sieben Monaten verlegt sie ihren Wohnsitz offiziell zu ihm. Das Paar beginnt, eine gemeinsame Zukunft zu planen. Er möchte eine längere Bootsreise durch die Kanäle Frankreichs unternehmen. Sie redet vom Heiraten, träumt von Kindern.

Das Leben hat andere Pläne. Eines Abends kommt sie nicht nach Hause. Drei Tage kurvt er durch Zürich, sucht voller Angst nach ihr, klappert all die Orte im Milieu ab, an denen sie verkehrte. Schliesslich findet er sie am Limmatplatz, es ist Frühsommer 2004, aber sie scheint halb erfroren. Erzählt von Männern, die sie eingesperrt und missbraucht hätten. Er nimmt sie heim, steckt sie ins Bett. Es geht ihr ­immer schlechter, sie hat eine akute Lungenentzündung, muss ins Spital. Dort soll sie eine Infusion bekommen, aber ihre Armvenen sind so zerstochen, dass man es an der Halsvene versucht. Die Nadel verletzt die Lunge. Die Lunge kollabiert. Seither liegt Gabriela Steiner im Wachkoma. Und Michael Pfeiffer kämpft darum, dass er für «seine Gabi» sorgen darf.

Leben oder sterben lassen

Ärzte und Behörden stehen vor einem Problem, als klar wird, dass die Patientin wohl nie mehr aufwachen wird: Wer entscheidet künftig für sie? Für Michael Pfeiffer ist klar, dass er das ist. Aber die Behörden zweifeln, das Paar war noch nicht lange zusammen, er ist elf Jahre älter. Schwestern und Vater behaupten, er nutze sie nur aus, die Beziehung habe längerfristig keine Chance.

Der Entscheid ist heikel. Niemand weiss, was die Patientin gewollt hätte. Schwestern und Vater sprechen sich dafür aus, die Ernährung per Magensonde einzustellen und Gabriela sterben zu lassen. Michael Pfeiffer wehrt sich. Das Bezirksgericht Bülach gibt ihm recht. Er gilt nun amtlich als ihr Partner. Aber er darf keine weitreichenden Entscheidungen fällen, ohne die Vormundschafts­behörden beziehungsweise die Kesb zu konsultieren.

Er überlegt sich, in eine Alterswohnung zu ziehen und mithilfe der Spitex für seine Freundin zu sorgen.

Weil es in der Schweiz keine speziellen Pflegeplätze für Komapatienten gibt, wird Gabriela Steiner, 41 Jahre alt, in ein Pflegeheim im Zürcher Unterland verlegt. Michael Pfeiffer kümmert sich in jeder freien Minute um sie, aufopfernd und ausdauernd. Im Heim sehen sie das nicht gern. Pfeiffer stellt hohe Ansprüche, «auf Gabi lasse ich nichts kommen», sagt er. Wenn die Pflegenden seiner Ansicht nach Fehler machen, kann er schon mal ausfällig werden; manche Angestellten fürchten sich vor ihm, anderen ist er suspekt. Unausgesprochen steht die Frage im Raum: Was macht der grosse, starke Mann mit dieser wehr­losen Frau?

Gleichzeitig kämpft Pfeiffer mit seinen eigenen Problemen. Irgendwann verliert er seine Arbeit, weil er häufiger bei Gabi ist als im Lastwagen, weil er mit dem Kopf nicht bei der Sache ist. Er bezieht zuerst Arbeitslosenunterstützung, später bekommt er eine IV-Rente zugesprochen, er hat depressive Phasen, ist reizbar. Halt und Kraft gibt ihm die Pflege seiner Freundin.

Er ist aufopfernd und fordernd

Im Heim spitzt sich der Konflikt zwischen Pfeiffer und den Pflegenden derweil zu, zuletzt erlässt die Heimleitung ein Hausverbot. Pfeiffer lässt nicht ­locker, er sucht und findet eine neue ­Lösung: Die Klinik St. Katharinental im thurgauischen Diessenhofen ist bereit, die Patientin, die nun schon acht Jahre im Wachkoma liegt, auf Anfang 2013 ­aufzunehmen. Und sie ist bereit, Pfeiffer sehr viel mehr Mitarbeit in der Pflege zuzugestehen als den Angehörigen anderer Patienten.

Bald verbringt er zwölf Stunden am Tag in der Klinik. Er nimmt Steiner morgens auf, wäscht sie, zieht sie an, bettet sie mehrmals täglich um. Wenn ihr Atem rasselt, was oft vorkommt, setzt er sie sanft auf, lässt sie husten, wischt den Auswurf weg. Bei warmem Wetter geht er stundenlang mit ihr spazieren. Er befeuchtet ihre trockenen Lippen, hin und wieder mit Cola oder Orangensaft, «damit sie mal einen anderen Geschmack hat». Er schliesst Nahrungsbeutel an die Magensonde an, achtet darauf, dass sie weder zunimmt noch abmagert. Und er redet mit ihr, streichelt ihre Haare, er ist sicher, dass sie das spürt: «Manchmal drückt sie ihren Kopf gegen meinen.» Pfeiffer ist überzeugt, dass es ihr mit seiner Pflege besser geht als mit der des Heims.

Doch auch im Katharinental kommt es zu Diskussionen. Pfeiffer, der von AHV und Ergänzungsleistungen lebt, findet, er hätte für seinen Einsatz eine Entschädigung verdient, wenigstens kostenlose Mahlzeiten, am liebsten wäre ihm aber eine Anstellung als Hilfspfleger. «Ich nehme dem Heim einen Grossteil der Arbeit ab», sagt er.

«Wir ermöglichen Herrn Pfeiffer eine Pflege, die weit über das Übliche hinausgeht.Klaus Engel, Abteilungsleiter im Katharinental

Das sieht Klaus Engel, Abteilungsleiter im Katharinental, anders. «Wir ermöglichen Herrn Pfeiffer eine Pflege, die weit über das Übliche hinausgeht. Das macht er freiwillig. Er kann jederzeit gehen», sagt Engel. Entschädigen könne er Pfeifer nicht; und auch eine Anstellung sei keine Lösung, dann müsste sich Pfeiffer ans Arbeitsgesetz halten: «Und das tut er nicht.» Als Entlastung betrachtet Engel Pfeiffer nicht: «Sein Einsatz ist lobenswert, und wir haben einen guten Umgang gefunden. Aber es ist eher so, dass wir ihn mitbetreuen.» Pfeiffer sei enorm fordernd, immer wieder müsse er, Engel, ihm Rede und Antwort stehen.

Manche Anforderungen leuchteten Pfeiffer nicht ein: «Er macht Fehler bei der Hygiene.» Zudem stelle sich die Frage, ob er die Integrität der Patientin genügend beachte. Nicht sexuell, schiebt er nach, «da lege ich die Hand ins Feuer, wir können ihr Zimmer jederzeit betreten». Aber er gebe ihren Tagesablauf vor, stehe schon um 6 Uhr morgens an ihrem Bett. «Ob sie das schätzt, wissen wir nicht. Vielleicht würde sie lieber einmal ausschlafen.» Wissen die Pflegenden besser, was Gabriela Steiner mag? Engel sagt: «Man könnte zumindest über solche Dinge diskutieren.»

Der Traum von einer Wohnung

Pfeiffer ist solche Diskussionen leid. Er sucht nach Alternativen. Überlegt sich, in eine dieser Alterswohnungen zu ziehen, wo man auf Knopfdruck Hilfe rufen kann, er ist ja inzwischen im Rentenalter. Dann könnte er Gabi zu sich nehmen, sie mithilfe der Spitex daheim pflegen. Unterstützung findet er in Hans Peter Bochsler, Allgemeinpraktiker in Wallisellen und Bezirksarzt von Bülach und Dielsdorf. Bochsler ist langjähriger Hausarzt Pfeiffers, Gabriela Steiner betreute er als Belegarzt, solange sie noch im Unterland im Pflegeheim war.

Bochsler sagt: «Aus medizinischer Sicht steht einer Pflege zu Hause nichts im Weg.» Engels Argument, Pfeiffer beachte die Hygiene zu wenig, hält er für vorgeschoben. Er ist überzeugt, dass die emotionale Zuwendung der Patientin mehr helfe als das peinliche Beachten pflegerischer Standards. «Gabriela Steiner ist in sehr gutem Zustand, und das verdankt sie mit Sicherheit der konstanten Betreuung.» Noch nie hatte sie eine Druckstelle. Zwei Lungenentzündungen, normalerweise ein Todesurteil, hat sie ohne Antibiotika überstanden. Albert Wettstein, Neurologe und ehemaliger Zürcher Stadtarzt, kommt in einem Gutachten ebenfalls zum Schluss, die Pflege daheim sei möglich.

Die Katharinental-Leitung ist nicht dieser Ansicht. Sie fürchtet, Pfeiffer könnte versucht sein, die Spitex bei Konflikten auszusperren. Ausserdem könne es gut sein, dass er früher oder später überfordert wäre. Gabriela Steiner müsse rund um die Uhr überwacht werden, da sie ersticken könnte. Im Heim schaue auch nachts alle drei bis vier Stunden jemand nach der Patientin, und die Zimmertür sei stets offen: «Ein Angehöriger kann das kaum leisten.»

Die Gerichte sind dagegen

Entscheiden muss die Kesb. Und wieder stellt sich die Frage: Was hätte die Patientin gewollt? Sah sie Michael Pfeiffer als Partner, wie er das beteuert, oder ging es ihr eher um eine Zweckgemeinschaft, wie es die Schwestern glauben? Eine Patientenverfügung oder einen Vorsorgeauftrag hat Steiner nie verfasst, es gibt nichts, was als «Willensäusserung» dienen könnte.

Im April lehnt die Kesb Pfeiffers Antrag ab, im August der Bezirksrat, im September das Obergericht, im Oktober das Bundesgericht. Das Risiko einer Eskalation ist den Behörden zu gross.

Bezirksarzt Bochsler sagt: «Man hätte eine Regelung finden können, um eine regelmässige professionelle Pflege sicherzustellen – auch gegen Herrn Pfeiffers Willen.» Und die drohende Überforderung? «Da draussen pflegen unzählige betagte Angehörige ihre Ehepartner», sagt Bochsler, «und manch einer ist plötzlich so am Anschlag, dass dringend eine Lösung gesucht werden muss. Das geht auch, wenn man will.»

Fragt man Pfeiffer, wie es nun nach gut 13 Jahren weitergehen soll, schaut er ratlos. Noch hat er ein wenig ­Hoffnung: Dieser Tage erhält seine Partnerin einen neuen Beistand. Vielleicht sei der seinen Vorschlägen und Wünschen gegenüber ja zugänglicher. «Ich wäre», sagt er, «gern zwischendurch mit Gabi allein.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2017, 22:25 Uhr

Auch Ehepartner sollten sich absichern

Ist eine Person nicht mehr urteilsfähig, sind Konflikte vielfach programmiert. Das müsste nicht sein.

Wer mag sich schon mit dem Gedanken beschäftigen, plötzlich nicht mehr für sich sorgen zu können, urteilsunfähig zu werden? Vielen Menschen ist nicht bewusst, welche Konsequenzen es haben kann, wenn sie ihren Willen für einen solchen Fall nicht klar und schriftlich hinterlegt haben: Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) muss von Amtes wegen die Situation prüfen, Angehörige, Ärzte und Behörden müssen unter Umständen entscheiden, wie es weitergeht, ohne zu wissen, was der Betroffene gewollt hätte. Das kann zu nervenaufreibenden Konflikten führen – schlimmstenfalls müssen die Gerichte entscheiden.

Abhilfe kann ein Vorsorgeauftrag schaffen. Jede urteilsfähige Person kann in einem solchen Auftrag festlegen, wer für sie sorgen und wichtige Entscheide treffen soll, wenn sie das nicht mehr selbst kann. Wen man damit betrauen will, kann man frei wählen. Das können Verwandte sein, aber auch Freunde oder die Kesb. Auch unter Ehepartnern ist ein Vorsorgeauftrag sinnvoll. Das gilt insbesondere, wenn die Wünsche klar, aber ungewöhnlich sind. Etwa wenn ­jemand im Fall von fortgeschrittener ­Demenz eine Pflege in einem Heim im Ausland wünscht.

Medizinische Wünsche, etwa betreffend lebenserhaltender Massnahmen, regelt man in einer Patientenverfügung. Diese kann, muss aber nicht sehr ­konkret sein. Man kann auch nur allgemein die Werte umschreiben, die einem wichtig sind. Damit der Vorsorgeauftrag gültig ist, muss er entweder von Hand geschrieben, datiert und signiert werden. Oder man setzt ihn am Computer auf, dann jedoch müsste er vom Notar beglaubigt werden, damit er gültig sind. Bei der Patientenverfügung sind die Formvorschriften einfacher: Es reicht, diese zu signieren.

Beide Dokumente können jederzeit vernichtet oder verändert werden. Entscheidend ist, dass sie im Notfall gefunden werden. Den Vorsorgeauftrag kann man bei der Kesb hinterlegen. Sie prüft bei Urteilsunfähigkeit von Amtes wegen, ob der Betroffene seinen Willen kundgetan hat. Der Aufbewahrungsort einer Patientenverfügung kann in der Versichertenkarte eingetragen werden.

Liliane Minor

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