Die Kinder zu töten, schien ihr das geringere Übel

Die Mutter in Flaach hatte eine ähnliche psychische Störung wie die Mutter, die in Horgen ihre Zwillinge umbrachte.

Für Nathalie K. war das Einschreiten der Kesb schlimmer, als ihre beiden Kinder umzubringen:  Das Haus in Flaach, in dem die Tat geschah. Foto: Urs Jaudas

Für Nathalie K. war das Einschreiten der Kesb schlimmer, als ihre beiden Kinder umzubringen: Das Haus in Flaach, in dem die Tat geschah. Foto: Urs Jaudas

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«Instabiler Realitätsbezug»: So lautet die forensisch-psychiatrische Diagnose bei Nathalie K., der Mutter von Flaach. Es ist selbst für den erfahrenen Gerichtspsychiater ein extrem seltener Befund – und gleichzeitig ein Déjà-vu. Denn auch Bianca B., die Mutter, die im Dezember 2007 in Horgen ihre Zwillinge tötete, hatte diese Störung, die nur schwer erkennbar ist. «Die Parallelen sind frappant», sagt Frank Urbaniok, der in beiden Fällen das psychiatrische Gutachten erstellt hat. Beide Mütter haben ihre Kinder getötet.

Warum die Mutter ihre Kinder tötete: Psychiater und Gutachter Frank Urbaniok erklärt den Doppelmord. Video: TA

Gegen aussen das wohl auffälligste Merkmal der beiden Frauen: ihre Lügengeschichten. An denen hielten sie auch fest, wenn sie aufflogen. Oder wenn sie sich offenkundig in Widersprüche verwickelten. Dieses Verhalten war in ihrer Persönlichkeit angelegt. Frank Urbaniok erklärt es so: «Menschen mit instabilem Realitätsbezug können Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen voneinander abkoppeln und beliebig neu verbinden. Passt ein Gefühl nicht zur Realität, dann wird die subjektiv wahrgenommene Realität so weit verbogen, bis sie zum Gefühl passt. Wahr ist, was sich wahr anfühlt, der entscheidende Massstab sind die eigenen Bedürfnisse.» Das führt auch dazu, dass Normen für diese Menschen wenig Bedeutung haben; passt etwas nicht ins Bild, wird es ignoriert oder verändert.

Bei Bianca B. kam zum instabilen Realitätsbezug ein zwanghafter Ordnungsfimmel. Sie tötete ihre Kinder im Grunde, weil sie Unordnung in ihr Leben brachten und weil sie eifersüchtig auf die siebenjährigen Zwillinge war. Dass die Kinder ein eigenes Recht auf ­Leben haben, blendete sie aus.

Nathalie K. hingegen hatte einen ausgeprägten Geltungsdrang, kombiniert mit einem Hang zum Pathos, und der zieht sich durch ihr ganzes Leben. So erzählte sie oft haarsträubende, aufschneiderische Geschichten: Wie sie mit in einem Privatjet geflogen oder mit einer Python in einem Cabrio spazieren gefahren sei. Zusammen mit ihrem Mann wickelte sie immer wieder Vermieter um den Finger, obwohl sie keine Chance hatte, die Miete zu zahlen. Flog das Paar schliesslich aus der betreffenden Wohnung oder dem Haus, zog es weiter und begann anderswo dasselbe Spiel von vorn. «Mehr Schein als Sein» habe das Leben geprägt, sagt Frank Urbaniok.

Viel später, in Untersuchungshaft, zeigten sich Nahalie K.s Hang zur Dramatik ebenso wieder wie der instabile Realitätsbezug: In den Briefen, die sie aus der Haft schrieb, beschuldigte sie wahllos alle, selbst ihre Eltern und ihren Mann, an ihrer Lage schuld zu sein. Nur bei sich selbst sah sie keinen Fehler.

Eltern sahen das Unheil

Bis zur Verhaftung am 4. November 2014 schienen sich Nathalie K. und ihr Mann «ideal» ergänzt zu haben. Finanziell hielten sich die gelernte Pflegeassistentin und der arbeitslose Verkäufer mit Betrügereien über Wasser. Sie häuften Schulden an und lebten in einer Blase, einer selbst konstruierten Wirklichkeit. Wenn die Realität dennoch durchdrang – etwa wenn die beiden wieder einmal eine Wohnung verloren oder jemand Verdacht schöpfte –, mogelten sie sich aus der unangenehmen Situation.

Es war absehbar, dass die Blase irgendwann platzen würde. Doch zumindest Nathalie K. dürfte die Gedanken daran völlig verdrängt haben. «Das ist ja gerade die Charakteristik beim instabilen Realitätsbezug: Im Zweifelsfall ist die gewünschte Realität massgebend, nicht die tatsächlichen Gegebenheiten. Widersprüche werden nicht wahrgenommen», sagt Urbaniok.

Den Eltern hingegen, die ihre Tochter genau kannten, war völlig klar, dass diese Blase irgendwann platzen und die Tochter in Konflikt mit den Behörden geraten würde – und sie erhofften es vielleicht sogar. Denn dann würden sie als «Reserve-Eltern» bereitstehen und eine Zeit lang die Betreuung der Enkel übernehmen. Sie glaubten, das würde die Tochter zur Einsicht und Umkehr bewegen. Es ist dies eine der Tragödien in der Geschichte der Nathalie K. und ihrer Kinder. Als endlich der grosse Knall kam, nämlich die Verhaftung, platzierte die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) die beiden Kinder im Alter von fünf und zwei Jahren im Heim. Und zwar nicht nur für die ersten Tage. Die schwierige Beziehung zwischen Nathalie K. und ihren Eltern spielte dabei ebenso eine Rolle wie die irritierende, forsche Selbstverständlichkeit, mit der diese die Betreuung ihrer Enkel einforderten. So verständlich deren Enttäuschung gewesen sei, von der Kesb übergangen zu werden, so richtig sei auch die Entscheidung der Kesb gewesen, das Familiensystem genauer anzuschauen, sagt Urbaniok.

Die Wand im Innersten

Für Nathalie K. waren die Verhaftung und die Platzierung der Kinder ein existenzieller Super-GAU. Nun konnte sie die Realität nicht mehr negieren, sie drängte sich vielmehr mit Macht ins Bewusstsein der 27-Jährigen. «Plötzlich stand da eine Wand, die war tief in den Kern ihrer Persönlichkeit eingedrungen und bewegte sich keinen Millimeter», erklärt Frank Urbaniok die Situation. «Und das widersprach fundamental ihrem Lebensprinzip und ihrer Persönlichkeitsorganisation.» Was in dieser Lage eine verheerende Rolle spielte: Nathalie K. nahm aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur die Kinder nicht als eigenständige Wesen wahr, sondern als erweiterten Teil von sich selbst. Auch hier ähneln sich Nathalie K. und Bianca B. aufs Haar: Beide waren als Mütter übermässig fürsorglich und extrem vereinnahmend.

Das merkten auch die Betreuer, die sich im Heim um die Kinder von Nathalie K. kümmerten. Sobald die Mutter in der Nähe war, legten diese ihre Persönlichkeit ab und fungierten als eine Art Resonanzkörper für die Gefühle der Mutter. War Nathalie K. weg, kam die Persönlichkeit der Kinder wieder zum Vorschein. «Es ist völlig klar und richtig, dass die Kesb in so einem Fall sagt, wir müssen die Erziehungsfähigkeit der Mutter prüfen», sagt Urbaniok. Denn auf Dauer seien solche Konstellationen hoch konfliktträchtig.

Oder anders gesagt: Selbst wenn die Mutter nicht verhaftet worden wäre, wäre die Wahrscheinlichkeit gross gewesen, dass es irgendwann zu Problemen gekommen wäre. Wie es weitergegangen wäre, wenn die Kinder bei den Gross­eltern platziert worden wären, ist laut Urbaniok schwer zu sagen: «Wenn Na­thalie K. bereit gewesen wäre, an ihrem Problem zu arbeiten, hätte das funktionieren können. Aber bislang hatte sie keine Einsicht gezeigt.»

Nathalie K. stand vielmehr vor der Situation, dass sich die Realität nicht mehr nach Wunsch verbiegen und ignorieren liess. Stattdessen war da die Behörde, die ihren Umgang mit den Kindern unter die Lupe nehmen wollte. Nathalie K. war klar, dass das weitere Probleme zutage fördern könnte. Das wollte sie um jeden Preis verhindern. Auf der anderen Seite war sie absolut überzeugt, die Forderung der Kesb nach einer stabilen Wohnsituation erfüllt zu haben – obwohl ihr der Mietvertrag für das Haus, in dem sie wohnte, formell gekündigt worden war und sie keinen neuen Vertrag vorweisen konnte. «Nathalie K. und die Kesb sprachen verschiedene Sprachen», erklärt Urbaniok. Die üblichen Prinzipien, nach denen eine solche Behörde arbeitet, etwa die Kontrolle anhand überprüfbarer Fakten, waren Nathalie K. fremd. Zusätzlich erlaubte es ihr ihre Persönlichkeit kaum, relativierende Erklärungen aufzunehmen.

Auch der Suizid passt ins Bild

Andere Mütter würden vielleicht in dieser Situation zu kooperieren versuchen. Oder sie würden sich wehren. Der instabile Realitätsbezug aber brachte Nathalie K. auf eine andere «Lösung», die «Lösung», die auch Bianca B. gewählt hatte. Ohne Kinder, so die Logik beider Mütter, wären ihre Probleme gelöst. Bianca B. hatte Mühe damit, dass die Kinder selbst­ständiger wurden, ihrer Kontrolle entglitten, Unruhe in den Alltag brachten. Also sorgte sie für Ordnung, indem sie die Kinder tötete. Für Nathalie K. war die Kesb, die ihre ganze Persönlichkeitsorganisation tangierte, das grössere Problem, als keine Kinder mehr zu haben. Gemeinsam war beiden, dass sie keine relativierenden Gedanken zuliessen. Die Kinder zu töten, das war im Moment das kleinere Übel. Also taten sie es.

Und der Suizid im Gefängnis? Urbaniok will dazu nicht viel sagen, denn dazu läuft eine weitere Untersuchung. Nur so viel: Auch der Suizid passt letztlich ins System. Es war der einzige verbliebene Weg für Nathalie K., der Realität einmal mehr auszuweichen.

Erstellt: 30.01.2016, 07:17 Uhr

Chronik einer Tragödie

4. November 2014

Nathalie K. und ihr Ehemann werden von der Polizei festgenommen. Der Vorwurf: Verdacht auf gewerbsmässigen Betrug. Die beiden sollen im Internet unter anderem Handys gegen Vorauszahlung zum Kauf angeboten, aber nie geliefert haben. Die Kesb, die vorgängig über die Verhaftung informiert worden war, platziert die Kinder des Paars, einen fünfjährigen Jungen und ein zweijähriges Mädchen, in einem Heim.

13. November 2014

Nathalie K. wird aus der Haft entlassen, nicht aber ihr Mann. Dennoch bleiben die Kinder vorerst im Heim. Die Kesb will zuerst die Familiensituation analysieren; sie hat ernsthafte Zweifel an der Erziehungsfähigkeit der Mutter. Nathalie K. war zuvor der zuständigen Schulbehörde aufgefallen, diese hatte bereits am 22. Oktober eine Gefährdungsmeldung eingereicht. Zudem zog das Paar mit den Kindern achtmal um – meist, weil es die Miete nicht bezahlt hatte. Am 18. November führt die Kesb eine Anhörung der Mutter durch; mit dabei sind auch Nathalie K.s Eltern. Sie anerbieten sich, die Kinder bei sich aufzunehmen, was die Kesb ablehnt. Die Behörde setzt darauf, dass die Kinder später zurück zur Mutter können.

19. Dezember 2014

Nathalie K. darf ihre Kinder über die Weihnachtsferien zu sich nehmen. Aber anders als ursprünglich geplant, dürfen die Kinder nicht bei ihr bleiben. Grund: Sie kann der Kesb nicht wie gefordert nachweisen, dass sie über eine Wohnung mit gültigem Mietvertrag verfügt. Der Mietvertrag für das Haus, in dem sie lebt, ist gekündigt, sie kann nur auf Zusehen dort bleiben. Nathalie K. nimmt eine Anwältin und legt gegen den Entscheid der Kesb Beschwerde ein.

31. Dezember 2014

Der Bezirksrat Winterthur stützt den Entscheid der Kesb und spricht sich dagegen aus, dass die Kinder bei der Mutter bleiben dürfen. Die beiden sollten nach den Ferien, am 5. Januar 2015, zurück ins Kinderheim.

1. Januar 2015

Die Anwältin übermittelt der Mutter den Entscheid des Bezirksrats per E-Mail. Die Eltern versuchen Nathalie K. Mut zu machen, es sei noch nicht alles verloren. Vergebens. Nathalie K. erstickt ihre beiden Kinder. Dann schickt sie ihren Eltern eine Whatsapp-Nachricht mit dem Text, die Kinder seien im Himmel. Die Polizei verhaftet Nathalie K. in der Nähe ihres Hauses. Sie hat sich selbst am Hals verletzt, aber nicht lebensgefährlich. Die Tat wirft in der Öffentlichkeit hohe Wellen.

1. Januar bis 20. April 2015

Nathalie K. hält sich in psychiatrischen Einrichtungen auf, unter anderem in der Klinik Rheinau. Weil sie als nicht suizidgefährdet gilt, wird sie am 20. April ins Gefängnis Zürich überstellt.

7. August 2015

Nathalie K. nimmt sich im Gefängnis Zürich das Leben. Zuvor wurde sie auf eigenen Wunsch in einer Einzelzelle untergebracht. Sie klagte über das Haftregime. Jacqueline Fehr ordnet eine Untersuchung über die Bedingungen in Untersuchungshaft an.

Frank Urbaniok

Gefragter Gutachter

Frank Urbaniok ist seit 1997 Chefarzt des psychiatrisch-psychologischen Dienstes des Kantons Zürich. Zudem ist er gefragter Gutachter und ausgewiesener Spezialist für die Risikobeurteilung von Tätern nach schweren Straftaten. Urbaniok wurde nach dem Delikt von Flaach von der zuständigen Staatsanwaltschaft mit dem Gutachten der mutmasslichen Täterin Nathalie K. beauftragt, die er mehrfach im Gefängnis besuchte. Auch über Bianca B., die Zwillingsmörderin von Horgen, erstellte er das amtliche Gutachten. Urbaniok kam 1962 in Köln zur Welt; 1995 zog er nach Zürich.

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