So können sich Frauen wehren

Übergriffe sind im Ausgang ziemlich häufig. Tipps zur Verteidigung von Coach Tian Wanner.

Selbstverteidigungsinstruktor Tian Wanner erklärt, wie sich Frauen im Ernstfall vor Übergriffen schützen.

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Ein halbes Dutzend Frauen geben an, am Zürcher Silvesterzauber von einer Gruppe junger Männer dunkler Hautfarbe sexuell belästig und ausgeraubt worden zu sein. Bekannt wurden die Fälle nach den Vorkommnissen in Köln. Die sechs Fälle von Zürich – zumal an einem Grossanlass mit Tausenden alkoholisierten Teilnehmern – scheinen auf den ersten Blick nicht viel zu sein. Wie sieht es an anderen Grossanlässen aus? Stadtpolizeisprecher Marco Cortesi kann es nicht sagen. Vergleichszahlen zur Belästigung etwa an Street-Parade oder Zürifäscht fehlen.

«Im Zusammenhang mit Trickdiebstahl kommt es immer wieder zu körperlichen Kontakten», sagt Cortesi. Diese werden in der Regel aber nicht als sexuelle Belästigung aufgefasst. «Einige der jetzt jetzt angezeigten Fälle gehen aber weit darüber hinaus. Und das wäre dann ein neues Phänomen», sagt Cortesi. Die Befragungen sind immer noch im Gang, weshalb die Polizei keine weiteren Angaben zu der Art der Übergriffe und der Zahl der involvierten Männer machen könne.

Fast jedes zweite Mädchen belästigt

Die meisten Fälle von sexueller Belästigung kommen gemäss Polizeistatistik nicht im öffentlichen Raum vor, sondern zu Hause oder am Arbeitsplatz. 17 Sexualdelikte werden im Schnitt pro Tag in der Schweiz zur Anzeige gebracht, wobei vor allem gravierendere Übergriffe, wie Vergewaltigungen und sexuelle Nötigung angezeigt werden.

Sexuelle Belästigung und Gewalt sind aber weiter verbreitet, als es diese Zahlen annehmen lassen würden. Eine Befragung des Kinderspitals Zürich ergab vor fünf Jahren, dass sie für junge Frauen im Ausgang inzwischen alltäglich ist: Sie werden begrapscht und von Wildfremden zu Oralsex aufgefordert. In einer Untersuchung des Kinder- und Universitätsspitals gaben 2013 40 Prozent der Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren an, in irgendeiner Form mindestens einmal sexuelle Belästigung oder Missbrauch erlebt zu haben. Bei den Buben waren es 17 Prozent. Nur gerade jeder zehnte Betroffene wandte sich deswegen an die Polizei.

Praktische Tipps gegen Übergriffe

«Nach den Ereignissen der Silvesternacht haben sich viele verunsicherte Frauen bei uns gemeldet», sagt Selbstverteidungscoach Tian Wanner. Aus diesem Grund hat er sich entschieden, Ende Februar zwei kostenlose Selbstverteidigungskurse für Frauen anzubieten. Denn Tipps, wie eine Armlänge Abstand zu anderen Personen zu halten, seien zwar hilfreich, «Aber gerade in einer Menschenmenge, doch mehr Theorie als Praxis».

Frauen sind meist im doppelten Sinne Zielscheibe für Übergriffe. Einerseits wegen der sexuellen Komponente, aber auch weil sie meist körperlich schwächer seien als Männer. Nichtsdestotrotz sei man als Frau nicht wehrlos der Gewalt ausgesetzt: «Mit der richtigen inneren Einstellung und einigen praktischen Techniken können sich Frauen effektiv vor Übergriffen schützen.»

Alle zwei Woche ein Fall an der Langstrasse

Einen zunehmend sexistischen Ton im Zürcher Nachtleben kann Ralph Roos, Inhaber des Sicherheitsunternehmens Novaprotect allerdings nicht feststellen. Er sichert mit rund 80 Mitarbeitern Zürcher Clubs vorwiegend an der Langstrasse. Eine Zunahme von Übergriffen generell stellt er ebenfalls nicht fest. Im Schnitt alle zwei Wochen weist ein Türsteher in einem Rapport einen Fall von «unangebrachter Anmache» aus. Wenn also Frauen sich beklagen, dass sie im oder vor dem Club begrapscht werden. «Diese Vorfälle sind aber nicht mit jenen erschreckenden Vorfällen in Köln vergleichbar, wo ein Mob aktiv wurde», sagt Ros. In der Regel handelt es sich um Einzeltäter, vereinzelt seien im Raum Langstrasse schon Belästigungen von kleinen Gruppen von zwei bis maximal drei Männern ausgegangen.

Nicht nur die Polizei, auch die SBB erhebt sicherheitsrelevante Vorfälle wie sexuelle Belästigung oder Diebstahl bisher nicht getrennt. Die Zahl der Vorfälle, hat gemäss internen Untersuchungen in den vergangenen Jahren eher abgenommen. Auch die Zahlen im ersten Halbjahr 2015 deuten gemäss Sprecherin Michelle Rothen auf eine weitere Abnahme der Delikte hin. «Es ist sicher in Zug und Bahnhof.»

Erstellt: 08.01.2016, 16:34 Uhr

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