Sexuelle Übergriffe? Onkel zum dritten Mal freigesprochen

Die Nichte wirft ihrem Onkel vor, sie vergewaltigt zu haben. Das Obergericht hat ihn freigesprochen. Der Fall geht nun erneut ans Bundesgericht.

Im Zweifel für den Angeklagten: Das Zürcher Obergericht hat einen Tamilen vom Vergewaltigungs-Vorwurf freigesprochen.

Im Zweifel für den Angeklagten: Das Zürcher Obergericht hat einen Tamilen vom Vergewaltigungs-Vorwurf freigesprochen. Bild: Urs Jaudas

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Es kommt immer wieder vor, dass ein Gericht nicht einstimmig urteilt. Aber es kommt sehr selten vor, dass die Minderheit ihre abweichende Meinung förmlich im Protokoll festgehalten haben will. Diese im Zürcher Gerichtsorganisationsgesetz vorgesehene Möglichkeit hat ein Gerichtsmitglied im vorliegenden Fall ergriffen. Allein dies zeigt, wie schwer sich das Gericht tat, das «richtige» Urteil zu fällen.

Das ganze Verfahren gegen den heute 55-jährigen Tamilen war durch einen Schulleiter ausgelöst worden, dem die psychische Belastung eines Mädchens nach dessen Rückkehr von einem Besuch bei einem (anderen) Onkel in London aufgefallen war. Das Mädchen erzählte in der Folge, es sei im Sommer 2008 als 12-Jährige von ihrem Onkel in Indien sexuell genötigt worden. Zwei Jahre später, im Frühjahr 2010, habe sie der gleiche Onkel bei ihrem Besuch seiner Familie in Adliswil vergewaltigt. Und im Herbst des gleichen Jahres sei sie auch noch von einem Onkel in London vergewaltigt worden.

Im Zweifel für den Angeklagten

Sowohl das Bezirksgericht Horgen als auch das Obergericht sprachen den Onkel nach dem Grundsatz «Im Zweifel für den Angeklagten» vom Vorwurf der Vergewaltigung, der sexuellen Nötigung und der sexuellen Handlungen mit einem Kind von Schuld und Strafe frei. Beachtenswert war dabei, dass sich das Gericht gegen ein Gutachten stellte, das unter anderem zum Schluss gelangt war, die Konstanz, mit der das Mädchen die wesentlichen Elemente der Ereignisse schildere, spreche eher für «erlebnisbasierte Ereignisse».

Das Mädchen gelangte ans Bundesgericht. Die Lausanner Richter hoben den Freispruch tatsächlich auf. Das Obergericht dürfe nicht ohne triftige Gründe von einem unabhängigen Gutachten abweichen. Und falls es das tue, müsse es die Abweichungen begründen. Im vorliegenden Fall habe es eine Begründung unterlassen. Das Bundesgericht hob den Freispruch auf und schickte den Fall zur erneuten Beurteilung zurück ans Obergericht.

Die offenbar fehlende Begründung holte das Obergericht im zweiten Anlauf nach. Auf nicht weniger als 19 Seiten nahm es das Gutachten auseinander und kam zum Schluss, dass eben «triftige Gründe vorliegen, die dem Gericht gestatten, vom Gutachten abzuweichen». Die Rede ist von methodischen Schwächen des Gutachtens, von fehlender Transparenz und Nachvollziehbarkeit.

Gestützt auf die Aussagen des Mädchens und weiterer Personen zu den Vorfällen in Indien und Adliswil kommt das Obergericht erneut zu einem «In dubio pro reo»-Freispruch für den 55-jährigen Onkel. Es sei «nicht zu übersehen, dass die Aussagen des Mädchens im Kerngeschehen unbeständig sind und sich bezüglich des Ablaufs teilweise widersprechen».

«Stereotype Aussagen»

Ihre Aussagen wirkten zudem «stereotyp, karg und insbesondere ohne Schilderung gefühlsmässigen Erlebens. Es fehlen individuelle Merkmale.» Vor allem bleibe «unklar, wie es dazu gekommen sein soll, dass die beiden Onkel völlig unabhängig voneinander das Mädchen auf die gleiche Weise missbraucht haben» sollen.

Dem Onkel sprach das Gericht als Schadenersatz 7500 Franken und als Genugtuung 7100 Franken zu.

Auch diesen zweiten Freispruch hat die Rechtsvertreterin des Mädchens inzwischen beim Bundesgericht in Lausanne angefochten.

Erstellt: 13.12.2017, 07:27 Uhr

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