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Sie heissen nicht, wie sie wollen

Im vergangenen Jahr liessen 349 Zürcher ihren Vor- und 659 ihren Nachnamen ändern – so viele wie nie zuvor.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten Herrn Olivér Dicsö anrufen. Natürlich haben Sie keine Ahnung, wie man diesen Nachnamen korrekt ausspricht. Es ist offensichtlich: Ein Name wie Dicsö kann einem im beruflichen Leben zum Hindernis werden – vor allem, wenn man einen Job hat, in dem einen viele und viele unbekannte Personen anrufen müssen: So wie Olivér Dicsö, der als Mediensprecher bei den SBB arbeitet. Offiziell heisst er heute Marc Olivier Dischö, bei den SBB ist er unter Oli Dischoe ­bekannt. Das «oe» hat er sich inoffiziell verpasst. Die Änderung der ungarischen Schreibweise hatte vor langer Zeit aber schon sein Vater beantragt, denn kaum jemand konnte seinen ungarischen Nachnamen richtig aussprechen.

Im Kanton Zürich beantragen jedes Jahr mehrere Hundert Personen, ihren Vor- oder Nachnamen zu ändern – Tendenz steigend. Waren vor zehn Jahren 243 Personen mit ihrem Familiennamen derart unzufrieden, dass sie ihn ändern wollten, waren es im letzten Jahr 659. Bei den Vornamen verläuft die Entwicklung ähnlich: 2007 wünschten 151 einen anderen Vornamen, 2016 stellten 349 Zürcherinnen und Zürcher ein Gesuch. 64 Prozent der Gesuche betrafen im vergangenen Jahr volljährige, 36 Prozent minderjährige Gesuchstellerinnen oder Gesuchsteller. Das Geschlecht wird statistisch nicht erfasst.

Infografik: Der Drang zu neuen Namen

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Die Gründe, um Vor- oder Nachnamen zu ändern, seien «so vielfältig wie die menschlichen Schicksale selbst», sagt Ronny Wunderli, der Leiter der Abteilung Zivilstandswesen des Kantons Zürich. «Sie entspringen oft dem Bedürfnis, Erlebnisse in der Vergangenheit hinter sich zu bringen. Etwa schlechte Erfahrungen mit dem Vater, dessen Namen man trägt.» Mal stünden emotionale Aspekte, mal pragmatische Gründe im Vordergrund. Wenn zum Beispiel Kinder aus verschiedenen Beziehungen alle den gleichen Namen tragen sollen. Oder wenn Familienmitglieder nach häuslicher Gewalt seelische Argumente vorbringen.

Hinzu kommen jene Gesuche bei denen es laut Wunderli darum geht, einen Registereintrag mit der Realität in Einklang zu bringen. Weil man zum Beispiel immer schon mit dem zweiten Vornamen angesprochen wurde und diesen nun auch im Pass an erster Stelle eintragen lassen will.

98 Prozent kommen durch

Damit ein Namenswechsel vollzogen werden kann, müssen die Gründe nachvollziehbar sein. Das war im letzten Jahr im Kanton Zürich in 98 Prozent der Gesuche der Fall, lediglich 2 Prozent der Anträge wurden abgelehnt. Ob die Gründe für eine Namensänderung ausreichen, liegt im Ermessen der einzelnen Kantone. Die Namensänderungsbehörde beurteilt auch die Frage von möglichen Missbräuchen: Will sich jemand vor Schuldrückzahlungen drücken? Stehen öffentliche Interessen etwa von Gläubigern einer Namensänderung entgegen? Will jemand mit der Namensänderung Verfügungen von Gerichten umgehen, etwa ein Berufsverbot?

Bei Minderjährigen steht oft die Frage im Vordergrund, wessen Familiennamen das Kind nach der Scheidung tragen soll. Wünscht die Mutter gegen den Willen des Vaters, dass die Kinder aus der Ehe nach der Scheidung ihren Ledignamen annehmen sollen, wägt die Namensänderungsbehörde die verschiedenen Interessen ab. Generell gelte, so Wunderli, dass klar unzulässige Begründungen «äusserst selten» seien.

Die Frage nach den Gründen für den deutlichen Anstieg bei den Namensänderungen ist schwierig zu beantworten. Laut Ronny Wunderli geht man bei der Abteilung Zivilstandswesen davon aus, «dass die markante Zunahme der Namensänderungsverfahren im liberalisierten Namensrecht zu suchen ist». Dieses trat Anfang 2013 in Kraft und senkte die Anforderungen an den Namenswechsel. Früher brauchte es «wichtige» Gründe, um einen Namen zu ändern, heute genügen «achtenswerte» Gründe. Die Chance, mit einem Gesuch durchzukommen, hat sich erhöht.

Sich nennen, wie man will

Auch Katja Nusser vom Rechtsdienst des Aargauer Departements für Volkswirtschaft und Inneres sowie Carmen Zanga vom Amt für Bürgerrecht und Zivilstand des Kantons St. Gallen verweisen auf die etwas weniger strengen Voraussetzungen für eine Namensänderung. In beiden Kantonen hat die Zahl der Gesuche ebenfalls zugenommen – im Aargau ähnlich stark wie in Zürich, in St. Gallen nur leicht. Im Kanton Bern gab es 2013, also im Jahr eins nach Einführung des liberalisierten Rechts, viele Gesuche, seither nehmen sie ab.

Wer glaubt, unter dem neuen Regime sei es nun problemlos möglich, sich ­Penelope statt Heidi in den Pass schreiben zu lassen, irrt allerdings. Auch ausgefallene Namen wie «Summer Rain», «Autumn» oder «North», wie sie Prominente in den USA immer wieder ihrem Nachwuchs verpassen, bewilligen die Zürcher Behörden nicht. «Lächerliche oder gar anstössige Namen darf das Zivilstandsamt nicht eintragen», sagt Ronny Wunderli. Das Interesse des Kindes müsse gewahrt bleiben. Auch dürfe einem Mädchen kein Knabenname gegeben werden – und umgekehrt.

Die beantragte Namensänderung darf zudem weder rechtswidrig, missbräuchlich noch sittenwidrig sein. Auch fremdländisch klingende Namen sind für die Behörden kein Grund, eine Änderung zu bewilligen. Solange der Name nicht zu nachweisbarem Leidensdruck führt – etwa bei der Jobsuche –, gibt es kaum Chancen. «Auch nach neuem Recht ist der bürgerliche Name im Prinzip unveränderlich.»

Subjektive Empfindungen sind keine Gründe für eine Namensänderung.

Ein Urteil des Zürcher Obergerichts vom Juni 2016 bekräftigt diese Aussage: «Als Gründe für eine Namensänderung sind etwa solche moralischer, geistiger, seelischer, wirtschaftlicher und administrativer Natur denkbar. Es müssen ­jedoch aus der Namensführung fliessende, konkrete, objektive Nachteile vorliegen.» Das heisst: Subjektive Empfindungen sind keine Gründe für eine Namensänderung. Es würde sonst, so das Zürcher Obergericht, eine «Aushöhlung des Grundsatzes der Unabänderlichkeit des Namens» drohen. Und dies – «eine Namensänderung nach eigenen Wünschen» – hält das Gericht für unerwünscht. Trotz liberalisiertem Recht gilt laut Obergericht weiterhin: «Wer eine Namensänderung begehrt, muss beweisen können, dass deren Voraussetzungen und Sachverhalte vorliegen.»

Einen Ausweg gibt es jedoch – und zwar für alle, die mit ihrem Namen in irgendeiner Weise unzufrieden sind, die dafür aber keine «achtenswerten» Gründe haben: Jede und jeder darf sich einen Künstlernamen verpassen, einen anderen Taufnamen oder sogar ein Pseudonym führen – nur im Pass ändert sich dadurch nichts.

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