Sie schenkte Bruder Klaus die Freiheit

Dorothea von Flüe ist kaum jemandem die Rede wert. Doch nun wird in Urdorf ihr Leben – und eine zweite berührende Familiengeschichte – erzählt.

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Gutes Timing: Die katholische Kirchgemeinde Urdorf hat just auf das 600-Jahr-Jubiläum ihres Kirchenpatrons Bruder Klaus hin die sechs Jahre dauernde Renovation ihrer Liegenschaft abgeschlossen. Sie feierte dies letzte Woche mit der Segnung des Wandschmucks im neu erstellten Verbindungsgang zwischen Sekretariat und Kirchgemeindehaus, welcher der Pfarrei gespendet wurde.

Darüber lassen sich gleich zwei berührende Familiengeschichten erzählen, eine historische und eine gegenwärtige.

Die Blitzidee des Pfarrers

Es war der Pfarrer der Bruder-Klaus-Kirche, Maximilian Kroiss, der auf den Gedanken kam, dass das Kunstprojekt sich nicht um Bruder Klaus, sondern um seine Frau Dorothea drehen sollte. Eine «Blitzidee» sei das gewesen, sagt er. Sie kam ihm während einer Sitzung mit der Kunstkommission der Kirchgemeinde, welche das Thema Kunst am Bau beriet.

Denn eigentlich sei es doch Dorothea von Flüe gewesen, die Bruder Klaus ermöglicht habe, aus dem bürgerlichen Leben auszubrechen. So spontan wie die Idee entstand, so spontan wurde sie in der Kommission gutgeheissen.

Ein zweites Ja-Wort

Und so erzählt der Bilderzyklus der Illustratorin Flavia Travaglini die Geschichte der Familie von Flüe aus dem Blickwinkel der Ehefrau. Dorothea, Ratsherrentochter aus Sachseln, war etwa fünfzehn Jahre alt als sie den fünfzehn Jahre älteren, wohlhabenden und einflussreichen Bauer Niklaus von Flüe heiratete.

Sie hatte mit ihm zehn Kinder und er benahm sich im Laufe der Zeit immer eigentümlicher. Nach zwanzig Ehejahren gab sie ihrem Mann ein zweites Mal das Ja-Wort: Sie war einverstanden damit, dass dieser sie verliess um das Leben eines Einsiedlers zu führen.

Die Quelle aus der er schöpfte

«Mit unserem Kunstprojekt dürfen wir Dorothea von Flüe die Ehre erweisen, die ihr eigentlich zusteht, und so oft verweigert wird, weil man sie vergisst», sagte Pfarrer Kroiss im Festgottesdienst. «Sie ist die Quelle, aus der Bruder Klaus geschöpft hat, ohne sie wäre er so nicht möglich gewesen.»

Die Journalistin Klara Obermüller, die am Festgottesdienst als Referentin eingeladen war, sagte: «Dorothea schenkte ihrem Mann das Grösste, was ein Mensch einem andern schenken kann: die Freiheit.»

Vater und Tochter

Pfarrer Kroiss ist beeindruckt, wie intensiv sich die Künstlerin mit dem Leben der Dorothea von Flüe und deren Bindung zu ihrem Mann auseinandergesetzt hat. «Sie hat aber auch vielfache Bezüge zu dem grossen Bruder-Klaus-Fenster in der Kirche hergestellt.» Und damit sind wir bei der zweiten Familiengeschichte. Der gegenwärtigen.

Dazu müssen wir aber kurz rückblenden: Der Pfarrer machte sich vor zwei Jahren daran, das Kunstprojekt zum Thema Dorothea von Flüe aufzugleisen. Und er rief deshalb jenen Künstler an, der Anfang der 1960er-Jahren einen rechten Teil der Innenausstattung der neu gebauten Kirche entwarf. Darunter ist auch ein grosses, farbenprächtiges Fenster zu Bruder Klaus.

Kroiss wollte ihn anfragen, ob er im Neubau nebenan ein Fenster für Dorothea gestalten wolle. Er erreichte ihn nicht, versuchte es wieder, erreichte ihn einfach nicht. Da erkundigte er sich bei dessen Tochter, und erfuhr: Deren Vater war vor zwei Monaten gestorben, die Mutter wenige Tage später.

Die Kraft des Flüeli Ranft

Sie sei doch selbst Künstlerin, ob denn nicht sie das Fenster machen wolle?, fragte Maximilian Kroiss - noch so eine spontane Idee. Die Tochter winkte ab. Sie sei Illustratorin und habe keine Erfahrung mit Kirchenfenstern.

Doch von da an drehten ihre Gedanken immer wieder um Dorothea, sie besuchte mit ihrer Familie Flüeli Ranft, spürte dort eine grosse Kraft, und entschied sich schliesslich, an dem mittlerweile für die Kunst am Bau ausgeschriebenen Gestaltungswettbewerb teilzunehmen.

Trost für die Tochter

«Die Vorschläge von Flavia Travaglini sprachen spontan alle an», sagt Anton Haueter, Mitglied der zuständigen Kunstkommission. Ein Mitkonkurrent behandelte das Thema auf abstrakter Ebene, andere blieben sehr nahe an Bibelthemen. «Die farbenfrohe Bildsprache der fünf Rundbilder, die Symbolik und die vielfältigen, aber nicht plakativen Bezüge zu Themen der sakralen Kunst haben uns überzeugt.»

So ist es gekommen, dass die Tochter Flavia Travaglini an dem Ort die Geschichte der Dorothea von Flüe bildnerisch erzählt, wo ihr Vater Peter Travaglini gut fünfzig Jahre zuvor Bruder Klaus von Flüe leuchtend in Szene setzte.

«Ich ging als Kind hin und wieder mit Vater nach Urdorf, um diese Fenster anzuschauen», erzählt Flavia Travaglini. Und die Arbeit an diesen Bildern hat ihr geholfen, die Erinnerungen an ihre Eltern vom Schmerz über deren Tod zu befreien.

Farbiger Religionsunterricht

Die Bilder, gemalt auf Holz aus dem Wald von Sachseln, zeigen das Leben der Dorothea in fünf Stationen, die zugleich den Jahreszeiten zugeordnet sind: Frühling (Geburt des ersten Kindes) bis Frühling (Tod von Bruder Klaus und damit Übergang in ein jenseitiges Leben). Zu finden sind die vier Elemente - Wasser, Luft, Feuer, Erde -, und die sieben Werke der Barmherzigkeit, mit denen ihr Vater bereits Bruder Klaus umgab.

Wie reagierte die Kirchgemeinde auf den Bilderzyklus, der den Heiligen in den Hintergrund rückt und auf seine Frau fokussiert? «Ich habe nur positive Rückmeldungen bekommen», sagt Maximilian Kroiss. Doch was ihn am meisten freut: «Gestern sah ich wie zwei 9-jährige Buben auf dem Weg zum Religionsunterricht vor jedem einzelnen Bild stehen blieben und über Bruder Klaus und seine Frau diskutierten.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.02.2017, 23:19 Uhr

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