Sieben Jahre nach «Godzillas» Tod muss sie ins Gefängnis

Nach jahrelangem Hin und Her steht fest: Die 38-jährige Schweizerin, die den Kampfsportler «Godzilla» erschoss, hat die Grenzen der Notwehr überschritten.

Die verurteilte Frau (links) während der Verhandlung vor dem Zürcher Obergericht. Archivbild: Robert Honegger

Die verurteilte Frau (links) während der Verhandlung vor dem Zürcher Obergericht. Archivbild: Robert Honegger

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Zum zweiten Mal hatte sich das Bundesgericht mit dem Fall befassen müssen. Aber nach dem heute Mittag veröffentlichten Urteil ist das Ende der Hoffnung erreicht: Die Lausanner Richter bestätigen das Urteil des Zürcher Obergerichts. Dieses hatte die Frau wegen vorsätzlicher Tötung verurteilt, ihr dabei jedoch eine Notwehrsituation zugutegehalten. Weil sie die Grenzen der erlaubten Notwehr aber überschritt, wurde sie zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt.

Der Fall hatte im November 2012 grosse Aufmerksamkeit erregt. Beim Opfer handelte es sich um einen damals 34-jährigen, 190 Zentimeter grossen und 130 Kilogramm schweren Brasilianer, der unter dem Namen «Godzilla» Kampfsport auf höchstem Niveau bestritt.

Das Opfer auf einer Aufnahme aus seiner Zeit als Kampfsportler. Bild: PD

Er und die 3 Jahre jüngere Schweizerin hatten während Jahren eine On-off-Beziehung geführt – eine Beziehung, in welcher Streit, Schläge und Drohungen zum Alltag des Paares gehörten. An jenem 17. November kam es in der Wohnung des Mannes zu einer zuerst verbalen, dann tätlichen Auseinandersetzung.

Sie drückte fünfmal ab

Die Frau wollte gehen, wurde von ihm aber daran gehindert. Als er ihr drohte, sie zum Krüppel zu machen oder umzubringen, griff sie nach der Pistole, die sie fatalerweise von zu Hause mitgenommen hatte, lud sie durch und richtete sie auf ihren Freund. Als sich dieser vollgepumpt mit Kokain und Alkohol davon aber nicht beeindrucken liess und sich trotz Warnung auf sie zubewegte, schoss sie aus kurzer Distanz fünfmal. Die letzten beiden Schüsse gab sie ab, obwohl der Mann bereits schwer verletzt und wehrlos rücklings auf dem Boden lag.

Das Bezirksgericht Zürich verurteilte die Frau im März 2015 wegen vorsätzlicher Tötung, begangen im Notwehrexzess, zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren. Die Staatsanwaltschaft hatte 13 Jahre verlangt. Im April 2016 kam es ganz anders. Das Obergericht sprach die Frau von Schuld und Strafe frei.

Der psychiatrische Gutachter sprach von einer «massiven Bedrohungslage», das Obergericht vom «Überlebensmodus».

Der psychiatrische Gutachter hatte von einer «massiven Bedrohungslage» gesprochen, das Obergericht sagte, die Frau habe sich psychisch in einem «Überlebensmodus» befunden. Zwar ging auch das Berufungsgericht von einer vorsätzlichen Tötung aus. Im Gegensatz zum Bezirksgericht hielt es den Notwehrexzess aber für entschuldbar. Laut Gesetz wird eine Person nämlich nicht bestraft, wenn sie die Grenzen der erlaubten Notwehr, den Exzess, in entschuldbarer Aufregung oder Bestürzung über den Angriff überschreitet.

Bundesgericht hob Freispruch auf

Dagegen wandte sich die Staatsanwaltschaft ans Bundesgericht. Und bekam recht. Es hob im Oktober 2017 den Freispruch auf. Entscheidender Punkt: Das Obergericht habe nicht überprüft, ob überhaupt eine Notwehrsituation vorgelegen habe. Dies holte das Obergericht im Juni letzten Jahres nach. Erneut folgte es nicht dem Staatsanwalt, der eine Freiheitsstrafe von elf Jahren beantragte. Es folgte aber auch nicht der Verteidigerin, die eine Bestätigung des Freispruchs verlangte.

Die Beschuldigte, so das Obergericht, habe in Notwehr gehandelt, dabei aber die Grenzen der erlaubten Notwehr überschritten. Sie habe die Tat zwar nicht geplant, aber sie hätte aufgrund der Vorgeschichte am Tattag damit rechnen müssen, dass es so weit kommen könnte. Zudem wäre ihr zuzumuten gewesen, zuerst einen Warnschuss abzugeben.

Abgesehen von 93 Tagen Untersuchungshaft befand sich die Frau in den letzten sieben Jahren in Freiheit.

Weil das Obergericht ihr aber eine «Aufregung oder Bestürzung» nicht mehr zugutehielt, musste auch eine Strafe festgelegt werden: sechs Jahre. Nun wandte sich die Verurteilte ans Bundesgericht. Aber ohne Erfolg. Zwar ist das höchste Gericht auch mit dem neuesten Urteil nicht in allen Teilen einverstanden. Auf eine Rückweisung verzichtete es aber, um das Verfahren nicht noch mehr in die Länge zu ziehen. Selbst bei einer Rückweisung zur Neubeurteilung durch das Obergericht käme eine mildere Strafe nicht infrage.

Für die Beschuldigte bedeutet die Ablehnung ihrer Beschwerde durch das Bundesgericht eine massive Zäsur in ihrem Leben. Denn abgesehen von 93 Tagen Untersuchungshaft befand sich die Frau in den letzten sieben Jahren in Freiheit. Sollte sie nur zwei Drittel ihrer Strafe verbüssen müssen, kann sie spätestens in vier Jahren mit ihrer Entlassung rechnen. _____________ Urteil 6B_971/2018

Erstellt: 22.11.2019, 14:05 Uhr

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