Sihlwelle: «Wir haben aus Fehlern gelernt»

Am Tag, als Wasser aus dem Sihl-Stausee abgelassen wurde, sind die Behörden überrascht worden. Jetzt haben sie eine klare Botschaft.

Anstieg des Sihlpegels im Zeitraffer und Reaktionen von Schaulustigen. Video: Tamedia.

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«Die Sihl ist umgehend zu verlassen und deren Uferbereiche zu meiden. Grund ist die kontrollierte Absenkung des Sihlsees durch das AWEL. Es ist mit hohen Wellen zu rechnen.» Dieser Tweet von Schutz & Rettung Zürich hat am 7. Juni viel ausgelöst, nicht zuletzt eine alarmistische Stimmung bei den Medien.

Viele Zürcherinnen und Zürcher strömten zur Sihl, um die angekündigte Flutwelle zu beobachten. Zahlreiche Polizeiautos erzeugten mit ihren Sirenen Katastrophenstimmung entlang des Flusses.

Doch dann geschah lange nichts. Und als das Wasser endlich anstieg, waren viele enttäuscht. Der Pegel erhöhte sich irgendwann um 70 Zentimeter, es gab keine Verletzten.

Wasser stieg später und schneller an als erwartet

Inzwischen gab es ein Debriefing bei den Behörden. «Der Einsatz von Schutz & Rettung und der Stadtpolizei Zürich war unter diesen Umständen angemessen und richtig», schreibt die kantonale Baudirektion, zu welcher das im Tweet erwähnte Awel (Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft) gehört. Kommunikationschef Dominik Bonderer räumt aber ein, dass die Behörden überrascht wurden. «Das abgelassene Wasser stieg später und schneller an als erwartet», sagt er auf Anfrage.

Anstieg des Pegels im Zeitraffer. Video: Tamedia.

Man hatte erwartet, dass der Pegelanstieg mehr als eine Stunde früher in der Stadt Zürich feststellbar ist. Zudem flachte die «Welle» im Sihl-Oberlauf weniger schnell ab als errechnet. Das führte zum Notfallszenario. Die Polizei patrouillierte ein zweites Mal entlang der Sihl, nachdem sich viele Leute nach einer ersten Aufforderung wieder zur Sihl begeben hatten. In diesem Zusammenhang ist auch der Tweet zu sehen. Diesen will Bonderer aber nicht kommentieren. «Es ist nicht unsere Aufgabe, einzelne Kommunikationsinstrumente der Einsatzkräfte zu bewerten.»

Das Wetter war zu schön

Ein weiteres Element sei erschwerend dazugekommen, sagt Bonderer. Das Wetter war besser als erwartet, die Sihlufer entsprechend stärker bevölkert. Die Erkenntnisse zur Fliessgeschwindigkeit der Sihl und zum Verhalten der Bevölkerung werden in künftige Konzepte einfliessen, sagt Bonderer. «Wir haben aus Fehlern gelernt.»

Wichtig sei aber vor allem eine Botschaft: Die Sihl ist und bleibt ein Wildfluss, der nicht ungefährlich ist. Aufgrund von absichtlich aus dem Stausee abgelassenem Wasser, aber auch nach Unwettern kann der Pegel sehr schnell steigen. Das geschieht auch mehrmals im Jahr, ohne dass speziell vorgewarnt wird. Deshalb sind seit jeher rund 110 Warnschilder entlang des Flusses platziert.

Das sind die Warntafeln an der Sihl. Foto: PD

Sihl ist unberechenbar

Diese Unwägbarkeiten sind auch der Grund, weshalb die Behörden solche Tests wie am 7. Juni machen. Aufgrund der riesigen Schäden, welche ein Sihlhochwasser erzeugen kann, kann Tage vor einem Unwetter der Sihlsee entleert werden. Dann drosselt man den Abfluss, wenn der Regen viel Wasser – etwa über die Zuflüsse Biber und Alp – bringt. «Die bessere Steuerung des Stausees für mehr Hochwassersicherheit an der Sihl funktioniert», lautet denn auch das Fazit der Baudirektion.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2018, 13:10 Uhr

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